Gibt es die Zeit

Ein­stein machte aus der Zeit wort­wört­lich einen ziem­lich „dehn­ba­ren” Begriff und bis heute zer­bre­chen sich zahl­rei­che und namen­hafte Kos­mo­lo­gen und Phi­lo­so­phen ihre intel­li­gen­ten Köpfe, um hin­ter das Geheim­nis des Wesens der Zeit zu kommen.

Ob Zeit­deh­nung, –stau­chung, –reise, –umkehr, Beginn oder Ende der Zeit, über­all sto­ßen jeg­li­che Arten von wis­sen­schaft­li­chen und phi­lo­so­phi­schen Über­le­gun­gen an die Gren­zen von Zeit und Raum.

Oder nur an die Gren­zen mensch­li­cher Vorstellungskraft?

Dabei ist die Zeit uns doch bewußt wie unbe­wußt dau­ernd all-gegenwärtig, –zukünf­tig und –ver­gan­gen.
Die Zeit beherrscht alle mathe­ma­ti­schen, phy­si­ka­li­schen und che­mi­schen Vor­gänge und drückt dies in einer oft schmer­zen­den Domi­nanz in allen mathematisch-systematischen Sche­ma­ti­sie­run­gen und For­mu­lie­run­gen des mensch­li­chen Geis­tes aus. Leib­niz, New­ton und Co. maßen dem Ein­fluß des „t”-Faktors eine unaus­weich­li­che Rele­vanz bei, und die­ser läßt sich bei noch so geschick­ter Umfor­mung der Äqui­va­lenz nicht end­gül­tig beseitigen.

Doch nicht allein das Genie kämpft mit der Varia­blen.
In der indus­tri­ell revo­lu­tio­nier­ten, glo­ba­li­sier­ten Welt ist Zeit Geld und von bei­dem haben die meis­ten meist zu wenig. Und dazu kommt noch, daß das Leben eines Men­schen, ja gar der gesam­ten mensch­li­chen Geschichte, kos­misch gese­hen weni­ger als ein Augen­zwin­kern ist.
Im Stru­del der soge­nann­ten Zivi­li­sa­tion Rotie­ren­den, erscheint es, als ströme ihre Zeit wie ein rei­ßen­der Strom kurz–lebig dahin. Der Stu­ben­ho­cker, der nach Ablauf jeder Minute auf die Uhr schaut, glaubt ewig zu leben und das alles am sel­ben Tag.
Wie lang–wei­lig!

Im Alter wird uns die Sub­jek­ti­vi­tät der eige­nen Zeit nur allzu sehr bewußt, denn dann ver­rinnt sie ver­meint­lich wie im Fluge.
Doch ist es nicht genau das, was die größ­ten Ver­fech­ter der licht­schnel­len Ewig­keit gerne vernachlässigen?

Die Sub­jek­ti­vi­tät der Zeit?

Natür­lich haben ani­madver­sioni erratae huma­num (mensch­lich irr­tüm­li­che Wahr­neh­mun­gen) in den „fun­dier­ten” Pos­tu­la­ten der Erben Ein­steins nichts ver­lo­ren. Doch hat man sich denn jemals gefragt, warum jedes mensch­li­che Indi­vi­duum in sei­ner „eige­nen Zeit” lebt, obwohl wir alle dem glei­chen Ein­stein­uni­ver­sum ange­hö­ren? Und uns alle nur rela­tiv lang­sam bezüg­lich des Lichts bewe­gen? Oder doch nicht?

Beob­ach­tet man, unab­hän­gig aller Leh­ren der Gelehr­ten, die Wahr­neh­mung der Zeit bei ein­zel­nen Indi­vi­duen, könnte der Ein­druck ent­ste­hen, irgend etwas am, im oder um den Men­schen wider­setze sich jeg­li­cher physikalisch-mathematischer Logik. Ist es gar der mensch­li­che Geist, noch uner­forscht und vage, wel­cher sich den Geset­zen von Raum und Zeit ent­zieht?
Oder ist dies tat­säch­lich das Wesen der Zeit?

Nimmt man als Bezugs­sys­tem nicht den Zug oder den Bahn­steig, son­dern eben die mensch­li­che Wahr­neh­mung, läßt sich dann nicht unwei­ger­lich fest­stel­len, daß das Emp­fin­den der Ver­gäng­lich­keit auf unzäh­lige ver­än­der­li­che und ver­än­dernde Pro­zesse zurück­zu­füh­ren ist?
Daß die Zeit damit viel­leicht nur eine Ver­ein­fa­chung der Erklär­bar­keit die­ser Pro­zesse zuläßt?

Was wäre, wenn der gesamte Kos­mos still­ste­hen würde?
Kein ein­zi­ges Teil­chen sich mehr bewegt?
Würde dann nicht auch die Zeit still­ste­hen?
Es gäbe keine fort­wäh­ren­den Ver­än­de­run­gen mehr. Kein Ereig­nis würde in einem Resul­tat enden. Die Welt würde gänz­lich im letz­ten Zustand ver­har­ren.
Bis in alle Ewig­keit!
Doch wäre das nicht auch das Ende der Ewig­keit?
Ein unab­hän­gi­ger, außen­ste­hen­der Beob­ach­ter würde genau­ge­nom­men nichts mehr beob­ach­ten. Für ihn würde keine Zeit mehr exis­tie­ren.
Daher stellt sich die Frage nun wirklich:

Gibt es über­haupt eine Zeit?
Oder ist dies nur ein Begriff für die Wahr­neh­mung all der Ver­än­de­run­gen unse­rer Welt?

Jeg­li­che Art von Vor­gang um uns herum, läßt uns Ver­än­de­run­gen wahr­neh­men. Die Ver­än­de­run­gen sind uns in mehr oder weni­ger kau­sa­len Zusam­men­hän­gen von Ereig­nis und Resul­tat geläu­fig. Und genau diese sug­ge­rie­ren uns eine Dimen­sion, der wir den Begriff „Zeit” gege­ben haben. Wir mei­nen, Zeit zu mes­sen, in dem wir Uhren ticken las­sen und die Ver­än­de­rung des Zei­gers als Ein­hei­ten der Zeit ver­ste­hen, wir bio­lo­gi­sche Ver­än­de­run­gen an uns und unse­ren Mit­men­schen beob­ach­ten und das Altern unsere eigene Ver­gäng­lich­keit ver­deut­licht. Dinge die unwi­der­ruf­lich sind als Ver­gan­gen­heit und die Unge­wiß­heit eines gegen­wär­ti­gen Zustands als Zukunft bezeichnen.

Die Zeit IST nicht, wir neh­men sie wahr.

Und da wir sie über­all wahr­neh­men, kön­nen wir sie auch nur schwer­lich ver­nach­läs­si­gen oder gar igno­rie­ren. Doch was wäre, wenn wir die Zeit nicht als sol­che betrach­ten wür­den? Sie so defi­nie­ren, wie wir sie wahr­neh­men? Was wäre, wenn wir unsere Sicht der Welt, aus­ge­drückt durch For­meln und Axiome, vom Geist der Zeit befreien und sie durch die Ver­än­de­rung der Dinge beschrei­ben?
Würde unsere Welt dadurch nicht noch abs­trak­ter, als sie teil­weise schon ist?
Könn­ten wir die wah­ren Dinge der Welt noch ver­ste­hen, wenn es die Zeit in unse­rem Sinne nicht mehr gäbe?

Wenn es sie über­haupt jemals gab.

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