Frauenparkplatz

Mainz, im letzten Sommer an einem lauen Abend ca. gegen 21:00 Uhr.

Sillia fuhr mit ihrem Wagen von der Rheinstrasse ab in den hellbeleuchteten Bereich der Tiefgarage der Rheingoldhalle.

Wenn sie sich mit ihrer Freundin allwöchentlich im „Heilig Geist“ traf, war dies mittlerweile der bevorzugte Abstellplatz, für ihren kleinen Honda Civic. Der Einfahrtsbereich und die direkt dahinterliegenden Frauenparkplätze waren großzügig beleuchtet. In einem kleinen Wärterhäuschen, saß Tag und Nacht ein Bediensteter, der zumindest eine relative Sicherheit suggerierte.
Außerdem lag die in einer ehemaligen Kirche angelegte In-Kneipe, direkt auf der gegenüberliegenden Seite der Hauptverkehrsstraße.
Sillia hatte hier immer das Gefühl, sich als Frau auch alleine abends herauswagen zu können. Seit ihrem Beinahe-Erlebnis letzten Sommer an der Rheinpromenade, war sie in dieser Hinsicht überaus ängstlich und vorsichtig geworden.
Damals waren sie und ihre beste Freundin Milena in der lauen Sommernacht am Flußufer entlang, fröhlich schwatzend zur Tiefgarage am „Fort Malakoff“ geschlendert, wo die beiden meist Ihre Wagen parkten. Sie hatten sich nie der Vorstellung hingegeben, daß es in irgendeiner Weise unsicher oder gar gefährlich sein könnte, die schöne Flankiermeile am Ufer des Flusses entlang zu gehen.
Im Sommer war hier auch meist einiges los, daß man sich keine Gedanken machen mußte.
Dies änderte sich jedoch für die beiden jungen Frauen, als sie am nächsten Tag in der Lokalpresse von dem brutalen Übergriff auf einen nicht ganz wehrlosen jungen Mann lasen.
Dieser wurde von einem Jogger, wie sie oft sehr früh am Morgen bereits die Promenade rauf und runter liefen, auf einem der Anlegestege der Fährschiffe gefunden. Der Zeitungsartikel beschrieb den Mann als übel zugerichtet und seiner Habe beraubt.
Laut dessen Aussage, die er erst nach zwei Tagen Aufenthalt in der Mainzer Uni-Klinik machen konnte, wurde er von zwei finster aussehenden Männern in die Mangel genommen. Diese hatten trotz massiver Gegenwehr, des durchaus sportlichen Opfers, keine Schwierigkeiten ihrer Tat nachzugehen.
Sillia und Milena waren schockiert, als ihnen klar wurde, daß sie keine 15 Minuten nach der Tat in kurzer Distanz den Tat- und Fundort des Opfers passierten.
Sie konnten sich nur zu bildlich ausmalen, was mit ihnen hätte geschehen können, wären die beiden hübschen Frauen den Übeltätern begegnet. Und dann noch der Gedanke, nur wenige Meter an dem verletzten Mann vorbei gegangen zu sein, behagte den beiden im Nachhinein überhaupt nicht.
Die jungen Frauen waren eine zeitlang nicht mehr unterwegs gewesen und mußten diese Sache erst verarbeiten.
Sillia war danach unüblicherweise alle zwei Tage ins Fitneß-Studio gerannt. Die Anspannung abbauen, auf andere Gedanken kommen. Ein bißchen machte sie sich damit auch glaubhaft, daß ein wenig Fitneß in so einer Situation ganz angemessen sei.
Milena blieb lieber zu Hause und mummelte sich auf der Couch bei Musik und Rotwein ein. Sillia half Ihr häufig dabei die Flasche zu leeren. Sie kochten zusammen und sprachen über alles und nichts. Nur um die leidige Verunsicherung und auch die Angst zu verdrängen.
So richtig Mut packten die beiden jungen Frauen erst wieder, als Milenas Mutter meinte, es gäbe doch das Parkhaus an der Rheingoldhalle. Direkt an der Rheinallee, vielbefahren und vor allem hell beleuchtet. Das Spielcasino im Hilton ergab ein übriges zur beruhigenden Atmosphäre.
Es stimmte, dieser Bereich war auch nachts immer hell beleuchtet. Die Tiefgarage sehr großzügig mit Frauenparkplätzen bestückt.
Beide wagten sich danach endlich wieder vor die Tür, ins Nachtleben. Außerdem war gerade Sommer und auf den Straßen sowieso viel los. Da konnte man sich beruhigt auf die Straße wagen.
Beide lachten noch darüber, daß sie wohl auch etwas kindisch waren und man ja alles etwas dramatisieren konnte. So setzten Sie ihre regelmäßigen Treffs im „Heilig Geist“ fort und schon bald hatte sich die Geschichte erledigt.

Sillia fuhr auf die Schranke des Parkhauses zu und öffnete das Fenster.
Nachdem sie den Knopf zur Anforderung des Parktickets gedrückt hatte, blickte Sie kurz zum Pförtnerhäuschen. Dort saß wie immer ein Mann in der Uniform des Sicherheitsdienstes und schien in eine Lektüre vertieft zu sein. Er blickte nicht auf als Sillia angefahren kam.
Sie nahm das Ticket und fuhr durch die sich öffnende Schranke.
Gleich hinter der Schranke im hinteren Teil des Parkdecks befand sich eine komplette Reihe Frauenparkplätze. Mehr als üblicherweise in den meisten Parkhäusern. Bisher gab es hier immer einen freien Platz für Sillia.
Doch als sie an die Parkreihe kam, wurde sie derbe enttäuscht. Keiner, der für weibliche Autofahrer reservierten Plätze war mehr frei.
Mist, ausgerechnet, dachte Sillia und fuhr noch mal eine Runde, um sich zu vergewissern, daß sie keine Lücke übersehen hatte. Doch leider gab es tatsächlich keine mehr.
Bestimmt, stehen da auch ein paar hormongesteuerte Ochsen, dachte sie und suchte verärgert nach einem anderen Platz im ersten Parkdeck.
Doch auch in den „herkömmlichen“ Reihen war keine freie Nische, in der ihr Honda gepaßt hätte. Mit einem leisen „Mist„, fuhr Sie eine Ebene tiefer.
Auch hier war die Anlage sehr hell beleuchtet.
Sillia fand sogar freie Plätze und nahm gezielt einen davon, nahe bei einem der Ausgänge. Sie rangierte den Wagen rückwärts in die Parktasche und stellte den Motor ab.
Die einkehrende Stille machte ihr schlagartig bewußt, daß sie heute nicht in sicherer Nähe der Einfahrt und des Sicherheitsbeamten stand. Sie war eine Etage tiefer.
Etwas verunsichert schaute sie sich um.
Keine Menschenseele war zu sehen.
Ihr Blick streifte auch die Überwachungskameras, die einige große Bereiche des Areals erfaßten. Sofort gaben ihr diese das Gefühl, doch nicht ganz allein hier unten zu sein. Sie lächelte und schüttelte den Kopf.
Angsthase, nun reiß Dich zusammen und mache den Kopf frei, schalt sie sich.
Sie beugte sich zur Beifahrerseite, um ihre Handtasche noch einmal zu checken und ihre Jeansjacke zu ergreifen.
Nachdem sie sich erhoben, den Zündschlüssel herausgezogen hatte und zum Türgriff langte, nahm sie im Augenwinkel eine Bewegung wahr.
Sie hielt inne und schaute sich erneut in der Halle mit der tiefen Decke um.
Ich muß mich wohl getäuscht haben, dachte Sillia. Womöglich die Nerven.
Als sie gerade die Tür endgültig öffnen wollte, sah sie es wieder. Diesmal deutlicher.
Es kam von einem dunkelblauen Kleinbus drei Reihen weiter, an der gegenüberliegenden Wand.
Sillia schaute noch einmal genauer hin.
Da, dort hatte sich tatsächlich etwas bewegt. Sie hatte es durch die Scheiben innerhalb des Wagens wahrgenommen.
Sillia saß wie versteinert, in der Position, mit der sie gerade die Autotür öffnen wollte.
Als es ihr bewußt wurde, merkte sie auch, daß sie unwillkürlich den Atem angehalten hatte. Langsam lehnte sie sich zurück in den Fahrersitz und hielt den Blick auf den kleinen Lieferwagen gerichtet.
Die Scheiben konnte sie kaum durchsehen. Sie waren verdunkelt und ließen die Bewegung dahinter nur erahnen. Doch sie war da.
Plötzlich pendelte der Kleinbus leicht hin und her, als bewege sich jemand etwas heftiger im Innenraum.
Vermutlich war da gerade ein Pärchen zu Gange und rissen sich die Kleider vom Leib, im Glauben ungestört zu sein, kam es Sillia in den Sinn. Sie grinste bei dem Gedanken. Die Anspannung fiel ab und sie schnaufte kurz.
Klar, so wird es sein, meine Nerven liegen blank.
Kaum, daß sie sich erneut der Fahrertür zuwenden konnte, öffnete sich unverhofft die seitliche Schiebetür des Kleinbusses und eine Person kam in der Öffnung zum Vorschein.
Ihr Oberkörper samt Kopf verbarg sich im Dunkel eines Schattens. Doch Sillia glaubte einen Mann zu erkennen.
Plötzlich sprang die Person aus dem Wagen auf den Betonboden des Parkdecks. Unwillkürlich erschrak sie.
Das Gesicht wurde nun vom kühlen Licht der Neonbeleuchtung der Tiefgarage erhellt.
Doch da war kein Gesicht. Sillia wollte nicht glauben, was sie sah.

Die Person trug eine schwarze Skimaske mit Sehschlitzen.
Sillia spürte ihr Herz am Hals pochen.
Als die maskierte Gestalt sich vorsichtig umsah, rutschte sie tiefer in ihren Sitz in der Hoffnung, er würde sie nicht sehen. Und Sillia war sicher, daß es ein Mann war. Die Statur wirkte sehr kräftig.
Als er glaubte allein zu sein, wandte er seine Aufmerksamkeit dem Inneren seines Kleinbusses zu.
Sillia konnte von Ihrer Position aus nicht erkennen, was der Vermummte dort tat. Sie spürte nur die Angst an ihren Eingeweiden zerren.
Sie überlegte, was sie tun konnte.
In ihrer Angst kam sie nicht auf das Naheliegendste, nämlich einfach den Wagen starten und losfahren. Genau dieses Versäumnis sollte ihr zum Verhängnis werden.
Sie hatte den Blick immer noch auf die Gestalt gerichtet und sah, wie er weiter mit irgendwas beschäftigt war.
Er blickte nicht auf. Er schien sich unbeobachtet zu fühlen.
Sillia kam plötzlich der Gedanke Milena anzurufen. Vielleicht konnte sie ihr helfen, was sie nun tun sollte.
Sillia öffnete vorsichtig ihre Handtasche, die sie immer noch in der Hand hielt, ohne den Blick von dem Kleinbus zu nehmen. Sie kramte blind nach ihrem Telefon.
Als sie es gefunden hatte, tippte sie Milenas Nummer, wieder ohne hinzusehen.
Kaum, daß sie die Verbindung herstellen wollte, ließ das durchdringende „Piep“ des Mobiltelefons Schlimmes erahnen. Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie auf die Anzeige:

Kein Netz gefunden

Scheiße, dachte Sillia. Natürlich, was hattest Du erwartet? Du befindest Dich mindestens 10 Meter unter der Erde in einem verdammten Betonbunker für Autos.
Sie führte das Telefon auf unterschiedliche Positionen in der Hoffnung, doch noch ein Signal zu empfangen. Doch die Anzeige blieb beharrlich, der Signalbalken stand auf Null.
Als sie vom Handy aufsah, war der Mann verschwunden.
Nein, der Wagen war noch da. Mit offener Seitentür. Doch von dem Maskierten war nichts mehr zu sehen.
Sie suchte die nähere Umgebung des Fahrzeugs, dann den Rest des Parkdecks ab, soweit sie es überblicken konnte.
Der Kerl blieb verschwunden.
Eine Welle von Panik stieg Sillia die Kehle herauf. Es durchlief sie heiß und kalt. Sie wollte hier weg.
Hektisch schaute sie sich um.
Sie fand den Ausgang. Das schien die Rettung.
Es waren kaum fünf Meter von ihrem Standort aus bis zur stählernen Feuerschutztür. Dahinter befand sich das Treppenhaus mit einem Aufzug, die nach oben zum Ausgang und nach unten in tiefere Ebenen führten.
Sie schaute sich erneut um, doch das Parkdeck blieb verlassen.
Wo steckte der Mann?
Sillia wog ihre Möglichkeiten ab. Immer noch kam ihr nicht in den Sinn, einfach wegzufahren.
Sie tat genau das Falsche.

Sie holte tief Luft, packte ihre Tasche und Jacke fester und öffnete ruckartig die Wagentür.
Ihre Augen suchten immer noch die menschenleere Halle ab. Sie hielt für einen Sekundenbruchteil inne, dann rannte sie los.
Richtung Ausgang.
Sie hatte kaum zwei Schritte getan, als der Maskierte urplötzlich aus der mittleren Parkreihe zwischen zwei Fahrzeugen hervorschoß. Sein Laufrichtung würde Sillia den Weg zum Ausgang abschneiden.
Sie erschrak fürchterlich und ein Aufschrei entrann ihrer Kehle.
Instinktiv blieb sie stehen. Er ebenso. Bereit sich sofort in Bewegung zu setzen, sobald Sillia eine tat.
Sie starrten sich an.
Nun konnte sie seine Augen sehen. Sie schauten finster und böse drein. Berechnend. Listiges Flackern unterstrichen den Eindruck, daß er nichts dem Zufall überließ. Auch jetzt schien er abzuwägen, was er nun tun sollte.
Beide standen unbewegt da und warteten, was der Gegenüber tun würde. Silla spürte, wie sich ihre feinen Härchen an den Armen und im Nacken aufstellten.
Verwirrt stellte sie fest, daß er schöne Augen hatte. Sie wirkten nun sogar, als würde er lächeln.
Sillia brauchte keinen Sekundenbruchteil, um zu erkennen, daß der Mann tatsächlich lächelte.
In diesem Moment machte er einen Satz nach vorn auf Sillia zu. Reflexartig sprang sie zur Seite weg und rannte in die Halle hinein. Weg von der rettenden Ausgangstür.
Blitzschnell kam ihr in den Sinn, daß es in ihrer Laufrichtung einen Aufzug geben mußte, der direkt auf die weite Promenadenebene der Anlage führte.
Der Maskierte lief nicht direkt hinter ihr her. Er hatte sofort erkannt, daß Sillia beabsichtigte den Aufzug zu erreichen. Er gelangte wieder auf die andere Seite der mittleren Parkreihe. Er würde ihr erneut versuchen den Weg abzuschneiden.
Das gab Sillia einen wertvollen Vorsprung und nun machten sich auch die häufigen Besuche im Fitneß-Studio bezahlt. Sie erreichte mit einigem Abstand zu ihrem Verfolger den Aufzug.

„Herr, im Himmel“, dachte Sillia.
Die Tür des Fahrstuhls stand offen und sie hechtete unverzüglich in die Kabine. Sofort drückte sie fast alle Knöpfe, damit sich die Tür schließen konnte.
Doch nichts passierte. Der Aufzug blieb offen.
Entsetzt drückte sie erneut auf einzelne Schalter, als der Verfolger hinter einem Mauervorsprung hervorschoß.
Er war wenige Meter vom Aufzug entfernt, als sich endlich die Lifttür schloß. Der Maskierte sah dies sofort und sprang auf den enger werdenden Spalt zu.
Doch er war zu langsam.
Er konnte sich nicht mehr in den Spalt zwängen und damit das Schließen verhindern. Er schlug mit der Faust gegen die Tür und drückte sogleich den Rufknopf.
Doch auch dies war zu spät. Die Tür blieb geschlossen und der Aufzug setzte sich in Bewegung.
Sillia blies die Luft aus, die sie angehalten hatte.
Ihre Erleichterung währte jedoch nur kurz, denn der Aufzug fuhr nach unten. Sie konnte es nicht nur spüren, sondern auch sehen, da die Wände der Kabine durchsichtig waren.
Mit erneut aufkeimender Panik, die ihr einen Stich in der Magengegend verlieh, erkannte sie es: der Aufzug war aus Glas.
Sie blickte ihrem Verfolger in die Augen, die wieder zu lächeln schienen.
Er verschwand aus ihrem Blickfeld. Sie wußte, daß er nun über das Treppenhaus zu ihr gelangen wollte.
Quälend langsam schien die Kabine nach unten zu kriechen. Sie sah bereits den Boden des nächsten Parkdecks und hoffte, daß sie es vor dem Kerl erreichen würde. Voller Angst blickte sie sich um. Heftig atmend wartete Sie darauf, daß der Aufzug endlich zum Stillstand kam.
Sie mußte es schaffen, daß die Türe sich wieder schloß und der Aufzug nach oben zum Ausgang fuhr, bevor Ihr Verfolger sie erreichte.
Er war noch nicht aufgetaucht.
Vermutlich mußte er einen längeren Weg über das Treppenhaus überwinden, doch Sillia zweifelte nicht daran, daß er jeden Moment hier sein würde.
Die Kabine war nun auf der gleichen Höhe, wie der Boden der dritten Ebene. Ein einsames „Bing“ erklang und die Tür der Kabine wich zur Seite.
Der Vermummte war immer noch nicht zu sehen. Sillia hatte bereits den Finger auf dem Knopf, der die Tür manuell zum Schließen bewegen sollte.
Als die Schiebetür vollständig geöffnet zum Stillstand kam, drückte Sie darauf und es dauerte elend lange, bis die Kabine sich wieder schloß.
Der Typ war immer noch nicht zu sehen.
Hatte er es aufgegeben ihr zu folgen?
Möglicherweise war er zu seinem Wagen zurück gegangen und aus dem Parkhaus geflohen
, hoffte Sillia.
Die Tür schob sich wieder zu. Immer noch war niemand zu sehen. Als der Aufzug sich wieder in Bewegung setzte, diesmal nach oben, lehnte sich Sillia an die Kabinenwand und atmete erleichtert auf.
Sie schloß die Augen. Sie glaubte es geschafft zu haben.
Wenn der Aufzug auf der Promenaden-Ebene hielt brauchte sie nur über die breite Brücke über der Rheinallee und direkt ins „Heilig Geist“ zu laufen.
Dort wartete sicher bereits Milena auf sie. Sie würde die Polizei rufen lassen.
Der Gedanke machte ihr neuen Mut und gab ihr Entschlossenheit zurück.
Eine Ewigkeit schien vergangen zu sein, der Aufzug meilenweit unterwegs, als das typische „Bing“ ihr erneut signalisierte, daß der Aufzug angekommen war.
Sie seufzte und öffnete die Augen.
Die Kabine sollte nun in dem Glasaufbau des Aufzugs angekommen sein, der auf der Promenadenebene saß. Sie hoffte nun, durch die durchsichtige Wand die metallene Skulptur zu sehen, die als markantes, groteskes Gebilde vor dem eher häßlich anmutenden Rathaus der Stadt Mainz stand.
Dann hieß es nichts wie raus und ins Freie.
Die frische Luft würde sie nun gut gebrauchen können.
Sie schaute sich um. Doch sie sah kein Rathaus, kein starres Kunstwerk. Sie sah nicht die grauen Waschbetonplatten der Promenadenebene. Nicht die Brücke, die sie ihrem Ziel näherbringen würde.
Sie blickte auf nackten Betonboden, sie sah parkende Autos, die Streifen, die die Fahrzeuge umrahmten, die kalte Neonbeleuchtung, der niedrigen Decke, die durchzogen war mit Rohren und Kabelschächten.
Und sie sah in zwei lächelnde Augen.
Die Tür des Aufzugs schob sich zur Seite, öffnete ihren gläsernen Käfig und bot der Bestie Einlaß.
Sillia konnte nichts mehr denken.
Die Erkenntnis wieder im ersten Parkdeck angelangt zu sein, wo der Schrecken begann, schnürte ihr die Atmung ab, wie plötzlich in eiskaltes Wasser geworfen worden zu sein.
Sillia preßte sich mit dem Rücken an die Wand der Kabine, rutschte langsam in die Hocke und begann zu weinen.

Im „Heilig Geist“ saß Milena und wartete vergeblich auf ihre Freundin, die auch per Handy nicht erreichbar war.

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