Der Hacker

Ich kann es immer noch nicht fassen. Ich hatte heute tatsächlich das unbeschreibliche Glück, einem echten „Hacker“ bei seiner „Tätigkeit“ zuschauen zu dürfen. Nicht nur das. Ich habe daraus sogar selber Profit geschlagen.

Es trug sich heute beim allmonatlichen Erwerb meiner Bahnfahrkarte im Mainzer Hauptbahnhof zu.
Nichtsahnend ging ich zum Schalter und grüßte mit einem freundlichen, aber mir typischen „Morgen“ den Herrn hinter dem Tresen.
Er machte auf mich den Eindruck eines „normalen“ DB-Bediensteten. Der vermeintlich Anfangfünfzige mit glänzender, rotgefleckter Gesichtshaut und schüttem Haar, erwiderte meinen Gruß mit einem dezent lächelnden Kopfnicken.
Immer noch der Überzeugung einen Bahnmitarbeiter vor mir zu haben, gab ich meinem Wunsch freies Geleit: „Eine Monatskarte. Bis Frankfurt. Ab heute.“
Er quittierte wiederum mit einem Lächeln, obwohl dies schon eher ein wenig konspirativ wirkte. Hätte er mir zugleich noch zugezwinkert, wäre dieser Eindruck sicher auch Gewißheit geworden.
Er drehte sich zum Bildschirm seines Rechners hin und dann wurde mir alles klar.

Mit der rechten Hand ergriff er die Maus, um in der nächsten Sekunde seinen Zeigefinger blitzartig gegen die linke Schläfe des grauen Kunststoff-Tieres zu hämmern.
Wo bei stinknormalen PC-Benutzern ein eher langweiliges – klick – zu hören ist, ertönte hier ein knochenerweichendes
TSCHAK
Ich konnte mich kaum von dem Schock erholen, der mich ereilte, da erklang es in kurzer Folge hintereinander noch zweimal.
TSCHAKTSCHAK
Souverän den linken Arm auf dem Tisch vor seiner Brust ruhend, traktierte er aus der Hüfte heraus den armen Plastiknager.

Irgendwie wollte ich es nicht für wahr haben.
War dies womöglich KEIN Mitarbeiter des Servicebereichs des Mainzer Hauptbahnhofs, sondern ein gewiefter Computerspezialist der sich den Zugang zu einem der Terminals erschlichen hatte?
Unvorstellbar.
Doch ich sollte eines besseren belehrt werden.
Er nahm die rechte Hand nun von der Maus zur Tastatur. Ich merkte, daß nun Konzentration gefordert war, denn auch der linke Arm folgte seinem Partner zum Tastenfeld.
Er verharrte kurz und schien sich zu sammeln, dann schlugen die Zeigefinger seiner beiden Hände kurz und zackig auf die Tasten.
TACKTACK —– TACK
Wo andere sich angeberisch damit versuchen 6-10 Finger zu verwurschteln, schafft er das mit zwei. Ohne auf den Bildschirm zu schauen. Respekt!!
Die Finger suchten ihr Ziel und fanden es schnell. Stürzten sich auf ihre Opfer.
TACKTACK
Die Heftigkeit des Aufpralls schmerzte in meinen Ohren.
Das System hat bei solchen Übergriffen keine realistische Chance.

Dennoch. Ich war fasziniert.
Er „hackte“ sich in das Fahrkartensystem der Deutschen Bahn ein, um mir eine Monatskarte zu verschaffen.
Würde es klappen?
Äußerlich schien er vollkommen ruhig und abgebrüht. War dies nur ein Pokerface oder ist er tatsächlich so skrupellos?

Plötzlich entspannte sich sein maskenhafter Ausdruck. Er war „drin“.
Nun machte seine subtile Angespanntheit professioneller Routine Platz. Dies hatte er vermutlich schon viele Male zuvor getan.
Er nahm aus einem versteckten Fach unter dem Tisch einen kleinen Bogen Papier heraus. Dieser war bedruckt mit dem typischen Muster einer Bahnfahrkarte. Vermutlich eine perfekte Fälschung.
Er schob sie in den Fahrkartendrucker.
Was passierte nun? Der Drucker spuckte den Bogen wieder aus.
Noch ein Versuch.
Doch wieder wollte das Gerät den gefälschten Fahrkarten-Vordruck nicht annehmen.
War man ihm auf die Schliche gekommen?
Hatte man seine wiederholten Systemeinbrüche entdeckt und blockierte nun sein Terminal?

Mir lief es eiskalt den Rücken hinunter und ich schaute mich vorsichtig im Raum um.
Möglicherweise würden jeden Moment Bahnsicherheitsleute mit ihren roten Baretts und Schlagstöcken hereinstürmen.
Sie würden auch mich verdächtigen und in Gewahrsam nehmen.
Ich bekam es mit der Angst.

„Na, na, der wird doch wohl…“, hörte ich den „Hacker“ sagen.
Er grinste. Er schien vollkommen ruhig. Kein bißchen Angst vor dem Sonderkommando „interne Bahnsicherheit“ machte sich auf seiner Mimik breit. Durch und durch gelassen schob er den Vordruck ein drittes Mal in den dafür vorgesehenen Schlitz des Druckers.

Diesmal klappte es.
Ich war erleichtert.
„Nun aber her mit der Karte, damit ich verduften kann.“, dachte ich.

Er legte mir immer noch grinsend das bedruckte Stück Papier mit der getürkten Monatskarte auf den Tresen.
Ich war beeindruckt. Die sah genauso aus, wie die Originale.
Wahnsinn!!
„Macht 131 Euro.“, vernahm ich seine Stimme.
Naja, ein ordentlicher Preis für eine ordentliche Leistung. Das war ich gerne bereit zu zahlen.
Dafür, daß er mir die Karte quasi umsonst „besorgt“ hatte.

Mit einem mulmigen Gefühl in der Magengrube gab ich ihm meine Kreditkarte. Ob er sich auf die Schnelle meine Kreditkartennummer merken konnte?
Womöglich würde er sich damit auf meine Kosten bereichern. Ich glaubte einen Fehler gemacht zu haben.
Doch hinterher vertraute ich doch eher dem Ehrenkodex der „Hackerszene“, die den Kampf nur gegen die „Großen“ führten. Gegen den Kapitalismus, gegen die Ausbeutung.
Der kleine Mann war nur das Opfer.

Plötzlich fiel mir auf, daß ich für DEN Preis meine Fahrkarte auch regulär hätte kaufen können.
Doch hätte ich dann das Geld Mehdorn und Konsorten in den Rachen geworfen.
Dann war es so schon besser.

Auf jeden Fall werde ich mich nun diesen Monat immer an das markante Geräusch des „Hackens“ erinnern, wenn meine Fahrkarte im Zug kontrolliert wird.
TSCHACKTACKTACK

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