Der Un-Sinn des Lebens

Falls einem urplötzlich die Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest in den Sinn kommt, dann hat man entweder kürzlich „Per Anhalter durch die Galaxis“ gelesen oder man ist gerade beim Bügeln.

Dies ist nämlich meines Erachtens eine der mit Abstand unsinnigsten und unnötigsten Tätigkeiten mindestens seit Erfindung der Webkunst. (Anm.: hiermit ist nicht die „kunstvolle“ Gestaltung von Internetseiten gemeint und „Web“ wird mit langem „e“ gesprochen.)

Wenn man(n) irgendwann einmal die heiligen Hallen des Elternhauses verlassen und auch das Studentenleben endlich ein Ende hat, wird man im alltäglichen Kampf gegen die weibliche Emanzipation doch auch mal in der Zwangslage sein, ein „heißes Eisen“ anzufassen. Wer anfangs noch auf „Muttis“ Worte – „Mein Kind, du siehst reichlich zerknittert aus.“ – eingeht und notgedrungen auch T-Shirts und Hosen glättet, beschränkt sich nach der millionsten Bügelfalte und einiger Brandblasen doch lieber auf die Hemden, in die man sich für den Arbeitgeber zwängen muß.

Nicht nur, daß die faltenfreie Einebnung des Gewebes für Hobby- und Freizeit-Bügler eine mühsame, schweißtreibende und vor allem zeitaufwendige Beschäftigung ist. Spätestens nach der Fahrt zur Arbeitsstätte und Entkleidung des Jacketts, wird man leidlich feststellen, welch vollkommen unnötige Zeitverschwendung dies gleichfalls war.

Doch mal ehrlich: was bringt mir das zeitraubende, dampfschnaufende Glattstreichen der Wäsche, wenn der Stoff beim Tragen in Sekundenbruchteilen bimetallartig in eine scheinbar zuvor „gemerkte“ Form zurückspringt. Das teure Hemd unter der noch kostspieligeren Anzugjacke, zusammen mit dem Träger in Bus und Bahn eingeklemmt wird, bis die zuvor mühsam beseitigten Unebenheiten danach wie eine Miniaturausgabe der Mittelgebirge erscheinen.
Niemand kann ernsthaft verlangen, daß man sich vorsichtig, ohne Faltenbildung durch den Tag bewegt. Jeglichen Kontakt mit knitterbringenden Gefahren meidet.

Zum Aufatmen aller Hausmänner (und natürlich auch Hausfrauen) haben die Hemden-Weber von Armani bis Venti diesen Un-Sinn des Lebens eingesehen und verstärkt die Attribute „bügelleicht“ bis „bügelfrei“ hinzugefügt.
Jedoch verbirgt sich hinter der vermeintlich Erleichterung bringenden Eigenschaft häufig nur ein schnödes Verkaufsargument, denn nicht immer ermöglichen einem die Textilien das vielgerühmte „Wash&Go“.

Einfacher wäre es, man würde gänzlich auf das Bügeleisen verzichten. Lassen wir doch den Knitter-Look wieder auferstehen.
Wir hätten wieder mehr Freizeit, könnten uns um nützliche Dinge kümmern, beispielsweise Geschirrspülen oder Bettenmachen.

Nun im Ernst: es gibt tatsächlich Menschen, denen diese Tätigkeit sogar Spaß macht. Manche bügeln sogar Socken und Unterwäsche. Oder am besten gleich noch die Bettwäsche, damit sie beim nächsten Besuch im Land der Träume wieder zerknautscht wird.
Kaum zu glauben, aber wahr.
Die Begeisterungsbekundungen werden dabei häufig mit Aussagen, wie „dabei kann ich so schön abschalten“ oder „dabei kann ich in Ruhe fernsehen“ untermauert.
Also, wenn ich mal in Ruhe durch die Glotze zappe, tue ich das lieber, indem ich mich selbst in die Horizontale begebe. Und abschalten kann ich sowieso am besten, wenn ich im Liegen auch noch die Augen schließe und sogar dabei eindusele.

Aber: jedem das Seine.
Ich kann gerne darauf verzichten. Doch bleibt es einem leider zu oft nicht erspart.
Drang und Zwang nach einem adretten und „glatten“ äußeren Erscheinungsbild ist Merkmal unserer typisch westlichen Einstellung geworden.
Wer in zerknitterter Kleidung in die Öffentlichkeit tritt, ist vermeintlich entweder

a) Student, der nicht mehr bei Mutti wohnt,
b) Single oder
c) Strohwitwer,
d) hat Ärger mit seiner Frau oder
e) ist gar Landstreicher.

Genaugenommen alles Zustände, die von mitleidigem Lächeln bis verachtende Abscheu alle möglichen Gefühlsregungen in den Mitmenschen wecken. Daß man sich das Bügeln einfach nur abgewöhnen möchte, weil es mindestens so lästig ist wie das Rauchen, wird einem wohl kaum einer abnehmen.
Also, hält man es wie Sisyphus und bügelt munter weiter, in der Hoffnung, irgendwann einmal von der Textilindustrie mit dem ultimativen Anti-Knitter-Stoff schlechthin bedient zu werden, der zudem noch unschlagbar günstig ist.

Doch haben da bestimmt auch die Hersteller von Bügeleisen ein Wörtchen mitzureden, denn die gehören dann eher zum „alten Eisen“.

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