Mobile Örtchen

Eine mei­ner inten­sivs­ten Frei­zeit­be­schäf­ti­gun­gen ist der­zeit das Bahn­fah­ren.
Darum erscheint es sicher nicht unge­wöhn­lich, daß ich als wie­der­keh­ren­des Thema die­ser zeit­rau­ben­den Tätig­keit auch eine wei­tere Kolumne widme.

Um kei­nen fal­schen Ein­druck zu wecken: ich bin schon für die Nut­zung öffent­li­cher Ver­kehrs­ein­rich­tun­gen, denn beschert mir das all­täg­li­che War­ten und Bum­meln, irgendwo zwi­schen Mainz und Frank­furt, eine Viel­zahl ande­rer Gele­gen­hei­ten meine kost­bare Zeit tot­zu­schla­gen.
Ich kann lesen, Musik hören, Leute beob­ach­ten oder ein­fach nur aus dem Fens­ter star­ren und die Land­schaft genie­ßen.
Doch, im Ernst.
Mich an der Natur des Rhein-Main-Gebiets zu erfreuen funk­tio­niert oft sehr gut, denn ein beson­de­rer Ser­vice der Bahn ist es, den Fahr­gäs­ten Land und Leute näher zu brin­gen, indem Züge hin und wie­der zwi­schen den Bahn­hö­fen, manch­mal ohne ersicht­li­chen Grund, für einige Minu­ten still ste­hen.
Sel­ten über­kommt mich wäh­rend des Pen­delns auch der Arbeits­ei­fer, doch tue ich dies ja aus­gie­big neben­bei, wenn ich mal nicht im Zug oder am Bahn­steig warte.
Doch will ich hier nicht die müde Wiederholungs-Reality-Soap eines Pend­lers zum Bes­ten geben und die uner­schöpf­li­chen, „preis­güns­ti­gen” Dienst– und Ser­vice­leis­tun­gen der Deut­schen Bahn hul­di­gen. Obwohl ich hier in der Hin­sicht einer neuen Erfah­rung Aus­druck ver­lei­hen möchte.
Einer durch­aus unap­pe­tit­li­chen Erfah­rung.
Wer also gerade etwas geges­sen oder von Grund auf einen emp­find­li­chen Magen hat, sollte viel­leicht lie­ber nicht weiterlesen.

Lei­der hatte ich vor kur­zem, bei Beginn mei­ner Heim­reise, das erste Mal, ein dring­li­ches Bedürf­nis, nach­dem ich es mir bereits im Zug bequem gemacht hatte und die­ser harrte mit der übli­chen Ver­spä­tung der ersehn­ten Abfahrt. Daher blieb mir keine Gele­gen­heit die Örtlich­kei­ten des Bahn­hofs auf­zu­su­chen.
Nun hatte ich das unbe­schreib­li­che Glück in einem der Regional-Züge zu sit­zen, die, wohl auf­grund ihrer poten­ti­ell wei­te­ren Reich­weite, mit Toi­let­ten geseg­net sind.

Ich stol­perte sodann, mit Sack und Pack — denn man sollte sein Gepäck nicht unbe­auf­sich­tigt las­sen, warnt manch­mal eine quä­kige Stimme aus den Laut­spre­chern am Bahn­steig — zum Toi­let­ten­raum in einem ande­ren Wagen, fand die­sen, öffnete die Tür und… erschrak gleich zwei­mal in kur­zer Folge.

Ein­mal, da der Raum hin­ter der Tür, etwa zur Hälfte von die­ser ein­ge­nom­men, denn sie ging „sinn­vol­ler­weise” nach innen auf, eher die Aus­maße eines grö­ße­ren Sportstudio-Spinds auf­wies. Ich zwängte mich samt Tasche in die­sen „Toiletten-Schrank” und mußte diese und den Bauch ein­zie­hen, um die Tür wie­der schlie­ßen zu kön­nen.
Was tun eigent­lich Rei­sende mit Kof­fern in so einem Fall?
Die Kof­fer unbe­auf­sich­tigt las­sen?
Das zweite Ent­set­zen galt dem opti­schen und olfak­to­ri­schen Zustand des „Rau­mes”. (Anm.: da lt. Wiki­pe­dia der Begriff Raum vom alt­hoch­deut­schen rumi stammt, was gemein­hin weit oder geräu­mig hei­ßen sollte, ist dies hier eher iro­nisch gemeint.)

Es muß ein Natur­ge­setz sein, daß öffent­li­che Ein­rich­tun­gen für die mensch­li­che Not­durft grund­sätz­lich nach häu­fi­gem Gebrauch voll­kom­men unbe­nutz­bar wer­den.
Okay, ich kann ver­ste­hen, wenn die bedau­erns­wer­ten Rei­ni­gungs­kräfte vor die­sen unaus­sprech­li­chen Ver­un­rei­ni­gun­gen kapi­tu­lie­ren.
Dann soll­ten die Damen und Her­ren WC-Keramik-Designer doch Toi­let­ten­sys­teme aus­klü­geln, die den Ein­satz von Men­schen­hand zur Sau­ber­hal­tung der Anla­gen unnö­tig macht. Im Raumfahrt-Zeitalter sollte dies doch mög­lich sein, wie man es in man­chen Städ­ten bereits sehen kann. Dort wer­den Toi­let­ten­häus­chen auch schon auto­ma­tisch gerei­nigt.
Da lasse ich auch gerne eine wei­tere Ver­schlech­te­rung der Arbeits­lo­sen­quote gelten.

Wie dem auch sei, erwarte ich, quasi als zah­len­der Kunde, hygie­ni­schere Ver­hält­nisse bei den lei­der oft unver­meid­li­chen Austritten.

Ins­be­son­dere in einem schwan­ken­den und rucken­den Gefährt, das einen zu akro­ba­ti­schen Meis­ter­leis­tun­gen ver­lei­tet, um mög­lichst nicht in Kon­takt mit den Wän­den und den Uten­si­lien die­ses Räum­chens zu kommen.

Als ich meine klei­nen Königs­ti­ger end­lich gebän­digt und mich um 180° gedreht hatte, um mir noch die Hände zu waschen und danach bauch­ein­zie­hend die Tür öffne wollte, wurde ich auf einen Hin­weis auf­merk­sam.
Die­ser erbat doch tat­säch­lich „die­sen Raum so zu ver­las­sen, wie man ihn vor­fin­den möchte”.
Das schlug der Kera­mik die Brille run­ter.
Man erwar­tet doch nicht ernst­haft, daß ich die­ser „Bitte” Folge leis­ten werde. Dies würde ja, wört­lich genom­men, bedeu­ten, daß ich beim nächs­ten Mal mit Put­zei­mer­chen, Citrus­rei­ni­ger und Bürste hier erschei­nen muß, um die­ses Örtchen mal wie­der in einen brauch­ba­ren Zustand zu brin­gen. Wobei ein Dampf­strah­ler wohl ange­brach­ter wäre.

Auf jeden Fall zeigt mir die­ses Schild nur zu deut­lich, es in Deutsch­land mit vie­len Leg­as­the­ni­kern zu tun zu haben, die ent­we­der die­ses Schild nicht lesen oder ein­fach das Wort „Rück­sicht” weder buch­sta­bie­ren, noch deu­ten kön­nen.
Der Rest teilt sich auf in Igno­ran­ten oder Wesen einer bestimm­ten Gat­tung Paar­hu­fer, die sich wohl selbst gerne im Dreck und den eige­nen Fäka­lien wälzen.

Unter die­sen Umstän­den hoffe ich inbrüns­tig, nie­mals der Not zu bedür­fen ein grö­ße­res Geschäft abschlie­ßen zu müs­sen. Schon gar nicht wün­sche ich dies den weib­li­chen Bahn-Fahrgästen, zumal diese WCs häu­fig „unisex” sind.
Doch hat man wohl kaum eine „ordent­li­che” Alter­na­tive, wenn es wirk­lich pressiert.

Apro­pos „Alter­na­tive”.
In einer ande­ren Sache rund um das mobile Örtchen bat man eben­falls unlängst um das Ver­ständ­nis der Fahr­gäste.
Näm­lich war in einem der Wagen eines Regional-Expreß, der zwi­schen Frank­furt und Saar­brü­cken pen­delt, die Toi­lette außer Betrieb.
So auch der Hin­weis des „Rei­se­be­glei­ters” nach­dem der Zug bereits unter­wegs war.
Mit „betrof­fe­nem” Bedau­ern mußte er den Fahr­gäs­ten mit­tei­len, daß eben diese Toi­lette unbe­nutz­bar sei (wie wir bereits fest­ge­stellt haben, sind sie es meist auch so, trotz grund­sätz­li­cher Funk­ti­ons­fä­hig­keit) und er daher „um Ver­ständ­nis bitte”.
Sollte jemand in die­sem Wagen den­noch sei­nen Harn­drang nicht unter­drü­cken kön­nen, so die sinn­ge­mäße Zusatz­in­for­ma­tion, stän­den ja die wei­te­ren Toi­let­ten in den ande­ren Wagen zur Verfügung.

Womög­lich war der nette Bahn­be­diens­tete das erste Mal in einem die­ser Art von Zügen, denn er wußte ver­mut­lich nicht, daß diese lei­der nicht über die gesamte Länge „durch-gängig” sind.
Das Gefährt wird meist von drei Dop­pel­wa­gen gebil­det. Um von einem in den ande­ren Dop­pel­wa­gen zu gelan­gen, muß man den Zug gemein­hin ver­las­sen.
Außer man ist Sean Con­nery alias 007 und tän­zelt geübt auf dem Dach ent­lang zum nächs­ten.
Da dies ohne Dou­ble sel­ten glimpf­lich von­stat­ten geht, bleibt einem armen Gesel­len mit schwa­cher Blase keine andere Chance, als auf den nächs­ten Halt zu war­ten, um blitz­schnell von einem in den ande­ren Teil des Zuges zu hech­ten.
Mit vol­lem Marsch­ge­päck, wohlgemerkt.

Wie ich bereits erwähnte, kann man bei sol­chen Service-Höchstleistungen nur hof­fen, daß man gut trai­nierte Becken­bo­den– und Schließ­mus­keln hat.

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