Stadtmusikanten

Grund­sätz­lich kann ich von mir behaup­ten, einen viel­sei­ti­gen Musik­ge­schmack zu haben, der von Alter­na­tiv über Blues, Klas­sik, Pop und Rock, Jazz, ja sogar Heavy Metal bis zum Zither­spiel für die gesamte Ton­lei­ter musi­scher Qua­li­tä­ten ein offe­nes Ohr hat.
Da gibt es natür­lich auch kon­kre­tere Vor­lie­ben, den­noch bin ich sehr fle­xi­bel.
Musik gehört quasi bei mir zum Leben, wie gutes Essen und Trin­ken.
Daher habe ich es mir auch nicht neh­men las­sen, aus­nahms­weise dem all­ge­mei­nen Trend der Digi­ta­li­sie­rung zu fol­gen und mir einen trag­ba­ren MP3-Player zuge­legt.
So habe ich wo und wann immer ich will die Mög­lich­keit mich berie­seln zu las­sen.
Und genau da ist das Pro­blem: wenn ich WILL.

Es gibt also logi­scher– und sicher auch ver­ständ­li­cher­weise Momente, in denen ich eben KEINE Musik hören will. Und das aus gutem Grund.
Beson­ders trifft dies zu, wenn ich die sel­tene Gele­gen­heit erha­schen kann, gemüt­lich in einem Café oder Bis­tro zu sit­zen und einen Latte Mac­chiato oder Cap­pu­cino genieße.
Beson­ders im Som­mer, wenn die Loka­li­tä­ten ihren Gäs­ten im Freien freie Plätze anbie­ten.
Dies sind Momente, in denen ich ent­we­der abschal­ten, den Gedan­ken nach­hän­gen, mit mei­ner Liebs­ten plau­schen oder den „Voy­eur” bei den geschäf­ti­gen Leu­ten spie­len darf. Mit ein­fa­chen Wor­ten: die Seele bau­meln lassen.

Doch lei­der gibt es im Som­mer außer Tau­ben noch andere Pla­ge­geis­ter auf den Plät­zen der Stadt: soge­nannte Stra­ßen­mu­si­ker.
Oh, Moment. Bevor ich unge­recht erscheine, möchte ich aus­räu­men, daß ich kei­nes­wegs alle Stra­ßen­mu­si­ker schlecht­hin über einen Kamm sche­ren möchte.
Im Grunde respek­tiere ich die Leis­tung und den Mut die­ser Leute. Doch gibt es unter Stra­ßen­mu­si­kern nicht nur „Frie­dens­tau­ben”, son­dern auch wel­che von ganz ande­rem Schlag.
Es sind die­je­ni­gen, die meist im Hin­ter­grund der Bistro-Idylle lau­ern und sich just in dem Moment auf ihre Opfer stür­zen, wenn die nach Kaf­fee dürs­ten­den Gäste gerade die Bestel­lung auf­ge­ge­ben und damit keine Chance auf Flucht mehr haben.
Sie bauen unge­fragt ihre Instru­mente auf und plär­ren mun­ter ihr Reper­toire unauf­ge­for­dert über die Köpfe und in die Ohren der Leute.
Aus­ge­rech­net dann, wenn man ein­fach nur seine Ruhe haben möchte.
Auch hier ist die Band­breite der Musik­stile und dahin­ge­hend der Instru­mente schier uner­schöpf­lich. Solis­ten bis Quar­tetts, ja ganze Orches­ter habe ich schon erlebt.
Jedoch ist das Spek­trum der spie­le­ri­schen und sän­ge­ri­schen Qua­li­tä­ten häu­fig eher beschränkt. Wie ich bereits erwähnte, bewun­dere ich bei man­chen auch den Mut.

Als abschre­cken­des Bei­spiel dien­ten hier­für neu­lich zwei eher ori­en­ta­lisch aus­se­hende Gesel­len, einer mit Gitarre (?), der andere mit sei­ner Stimme (?) bewaff­net. Der Angriff erfolgte mit dem Gas­sen­hauer „Marina, Marina”.
Auch wenn der Titel per se schon nicht die pas­sende Ziel­gruppe traf, war diese „Inter­pre­ta­tion” des Songs gleich­falls unpas­send und kako­pho­nisch vor­ge­tra­gen.
Mein Ita­lie­nisch reicht sicher gerade mal, um die Spei­se­karte der nächst­bes­ten Piz­ze­ria zu ent­zif­fern, doch was ich da zu hören bekam, konnte sicher auch ein wasch­ech­ter Sizi­lia­ner nicht ver­ste­hen.
„Oh, no, no, no, no, no.„
Trotz­dem muß man sich diese Dis­so­nan­zen antun, bis einem das Blut aus den Ohren läuft, das Duo selbst das Weite sucht oder mit ein biß­chen Glück ein Sizi­lia­ner unter den Gäs­ten weilt, der spon­tan sei­nen Gei­gen­kas­ten zückt, um in diese Runde „einzustimmen”.

In mei­ner Wahl­hei­mat Mainz gibt es der­weil ein ganz beson­de­res Exem­plar, der Sorte „Möchtegern-Musiker”, der sich sei­nen Spitz­na­men um Grunde selbst zu ver­dan­ken hat: Herr „Weiß­russ­land”.
So steht es zumin­dest auf dem Schild, daß er beim „Musi­zie­ren” vor sich ste­hen hat. Weiß­russ­land.
Was unser „Freund” aus Ost­eu­ropa mit dem Schild bezwe­cken will, weiß wohl nur er selbst. Will er damit etwa andeu­ten, er sei ein armer Ver­trie­be­ner, der außer sei­nem „Talent” und sei­ner schä­bi­gen Gitarre nichts mehr hat?
Möchte er damit viel­leicht Mit­leid erwe­cken, damit er nicht wie­der ver­trie­ben wird?
Es gibt sicher genug, die ihn am bes­ten gleich bis nach Sibi­rien trei­ben wür­den, wenn er zu spie­len beginnt.
Hört man ihn das erste Mal, ist es ver­mut­lich noch ganz erträg­lich. Seine „Wei­sen” klin­gen, wie vom Wind getra­gen, wenn seine Akkorde vom ange­schlos­se­nen Effekt-Gerät „sphä­risch her­über­we­hen”.
Außer­dem hat er auch ein recht umfang­rei­ches Reper­toire, anders als die Marina-Interpreten aus den Lan­den von tau­send und einer Nacht, aber nur einem Song.
Lei­der ver­kommt die­ses Port­fo­lio an aus­ge­such­ten Musik­stü­cken durch den Hall-Effekt sei­nes Ver­stär­kers zu einem ein­tö­ni­gen Med­ley. Manch­mal kann man den Titel des gespiel­ten Stü­ckes nur erah­nen.
Des­wei­te­ren ten­diert sein Gesichts­aus­druck meist schwer­mü­tig Rich­tung „Moll”. Die Ver­schmel­zung der Melo­die und jeg­li­chen Rhyth­mus’ mit dem Echo-Klang depri­miert auch das unfrei­wil­lige Publi­kum. Bis ER die meis­ten davon eben­falls ver­trie­ben hat.

Zu allem Über­druß rei­chen die Stadt­mu­si­kan­ten auch noch den Klin­gel­beu­tel herum.
Für was wol­len diese Leute auch noch mein sau­er­ver­dien­tes Klein­geld? Als Erpres­sung, damit sie end­lich das Weite suchen?
Wir soll­ten das bei denen tun, um für das ange­rich­tete Übel Spen­den zu sam­meln, damit wir uns spä­ter die Hör­ge­räte leis­ten kön­nen, die wir mal brau­chen wer­den.
Von mir bekom­men so wel­che kate­go­risch auf jeden Fall nichts. Ich habe näm­lich sol­che Allein­un­ter­hal­ter nicht bestellt. Ich möchte nur mei­nen Cap­pu­cino schlür­fen.
Ich bin echt froh, wenn der Herbst kommt und die Bis­tros ihre Außen­gar­ni­tur ein­mot­ten. Dann brin­gen auch die schrä­gen Vögel ihre Instru­mente ins Pfand­haus.
Dann kann mich nur noch eine der dreis­ten S-Bahn-Combos auf die Palme brin­gen. Hin und wie­der tau­chen diese in den Zügen auf, fah­ren zwei bis drei Sta­tio­nen schwarz, um sich mit ohren­be­täu­ben­den Getöse das Klein­geld der Fahr­gäste zu ergat­tern.
Sicher nicht, um sich dann doch ein Ticket zu kau­fen.
Trick­reich sind die Typen schon, denn im Zug hat man gemein­hin noch sel­te­ner die Chance für eine rasche Flucht.
Da hilft nur noch eins: die Ohr­stöp­sel des MP3-Players hin­ein, Laut­stärke auf Anschlag und Heavy Metal bis das Trom­mel­fell platzt.
End­lich Ruhe. Will­kom­men im Land der Stille.

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