Städte(ent)wertung

Ich war wirk­lich noch nicht in allen Ecken Frank­furts, doch die Ver­ant­wort­li­chen des Städte-Rankings vom Eco­no­mist waren wohl auch noch nicht da, wo ich die meiste Zeit vor­bei­komme. Daß Frank­furt am Main in einer Rang­liste von den 127 lebens­wer­tes­ten Städ­ten welt­weit den 11. Platz belegt, kann doch nur daran lie­gen, daß die Damen und Her­ren „Ran­ker” sich die Städte bestimmt nicht per­sön­lich ange­schaut haben.

Im Vor­der­grund des Ran­kings stan­den wohl sol­che Dinge wie poli­ti­sche Sta­bi­li­tät, Gesund­heit, Kul­tur und Umwelt, Aus­bil­dung und Infra­struk­tur. Sicher alles Fak­to­ren, die zusam­men­ge­nom­men den Grad der Lebens­qua­li­tät einer Stadt oder Region defi­nie­ren. Womög­lich wur­den hier­bei jedoch für die Bewer­tung irgend­wel­che sta­tis­ti­schen Werte her­an­ge­zo­gen, denn betrach­tet man die­ses Ergeb­nis aus einer sub­jek­ti­ven Per­spek­tive, muß man sicher einige Abstri­che machen. Hinzu kommt, daß eine sol­che Liste ein ver­fälsch­tes Bild von den Tat­sa­chen lie­fert und eher als Aus­hän­ge­schild loh­nend erscheint, denn hier stellt sich die Frage, wel­che Aus­wahl­kri­te­rien für eine Bewer­tung gal­ten. Köln ist schon auf­grund des Rhei­ni­schen Narr­hal­las, der Prä­senz der meis­ten Medi­en­kon­zerne und des vor eini­gen Jah­ren statt­ge­fun­de­nen G8-Gipfels inter­na­tio­nal sicher keine Unbe­kannte. Jedoch taucht Köln in der Bewer­tung über­haupt nicht auf. Natür­lich sehr zur Freude der „Längs­ten Theke der Welt” am gegen­über­lie­gen­den Rhein­ufer, die immer­hin Platz 26 einnimmt.

Ich möchte den Frank­fur­tern nicht auf die Füße tre­ten, denn mein täg­li­cher Ein­druck von der Bör­sen­me­tro­pole Deutsch­lands ist auch auf andere Städte über­trag­bar. Doch die­ser Ein­druck ist ent­spre­chend ein­schnei­dend, daß ich stel­len­weise nicht mehr von „lebens­wert” reden kann.
Allem voran das Bild, daß sich mir jeden Tag beim Her­aus­tre­ten aus dem Haupt­por­tal des Frank­fur­ter Haupt­bahn­hofs bie­tet.
Dort recken sich die blank­po­lier­ten Türme der Hoch­fi­nanz in den die­si­gen Him­mel, daß man den Kopf in den Nacken legen muß. Ein Anblick, der auch aus der Ferne nur vom Pan­orama New Yorks über­trumpft wird. Zuge­ge­be­ner­ma­ßen, sehr beein­dru­ckend.
So auch die trotz des regen Ver­kehrs ruhig wir­kende Vogel­per­spek­tive auf den Park der Tau­nus­an­lage, die sich mir beim Blick aus dem Fens­ter mei­nes der­zei­ti­gen Arbeits­plat­zes bie­tet.
Doch wer­den diese Bil­der getrübt von der Rea­li­tät am Fuße der „Him­mels­stür­mer”, jen­seits der prunk­vol­len Alleen und Haupt­ver­kehrs­stra­ßen. Rund um den Haupt­bahn­hof bis weit hin­ein in die „Adern” des Finanz­di­strikts flan­kie­ren in den Sei­ten­stra­ßen nicht mehr kra­wat­ten­be­han­gene und anzug­be­frackte Top-Manager und alle die es wer­den wol­len. Dort geben sich die von der Gesell­schaft aus­ge­grenz­ten ein Stell­dich­ein. Pro­sti­tu­ierte, Dro­gen­süch­tige und Obdach­lose tum­meln sich hier neben Tage­die­ben, Hüt­chen­spie­lern und Dro­gen­händ­lern.
Nur wenige Meter von geschäf­ti­gen Damen und Her­ren im edlen Tuch von Armani bis Venti.
Am skur­rils­ten ist jedoch das täg­li­che Katz– und Maus-Spiel im und um und um den Haupt­bahn­hof herum, das sich Ord­nungs­hü­ter der Stadt, Bun­des­grenz­schutz und Bahn­si­cher­heit mit den Her­um­lun­gern­den lie­fern.
Dort wer­den Betrun­kene und Dro­gen­süch­tige ein­mal aus dem Bahn­hof gescheucht, um ankom­mende und weg­fah­rende Rei­sende nicht zu beläs­ti­gen, ein ande­res Mal vom Ord­nungs­amt aus den umlie­gen­den Stra­ßen zurück­ge­hal­ten, da man die­ses „Kli­en­tel” dort eben auch nicht gebrau­chen kann.
So befin­den sich die aus dem Leben Gestürz­ten und Ver­trie­be­nen in der Grau­zone zwi­schen Bahn­hof und Stadt, sozu­sa­gen auf dem Vor­platz der Gesell­schaft. Nie­mand will sie weder „drin­nen” noch „drau­ßen” haben.

Ich behaupte nicht, daß diese Pro­ble­ma­tik alleine auf Frank­furt beschränkt bleibt. Doch lei­der teilt sich die Main­me­tro­pole hier­bei die Rang­liste der davon betrof­fens­ten Groß­städte und dient beson­ders gerne als das berüch­tigte „schlechte Bei­spiel”. Die meis­ten Men­schen­sied­lun­gen ab einer gewis­sen Größe kran­ken jedoch am sozia­len Elend, bei man­chen viel­leicht weni­ger offen­sicht­lich.
Es bleibt ein­fach ein grund­sätz­li­ches Pro­blem der soge­nann­ten Zivi­li­sa­tion der west­li­chen Indus­trie­na­tio­nen. Beson­ders jedoch derer, die wie Frank­furt am Main, nicht nur durch den Flug­ha­fen, inter­na­tio­na­ler Kno­ten­punkt sind.
Doch ist es gleich­sam ein Pro­blem, das jeden angeht.
Es ist ein Leich­tes weg­zu­schauen oder sol­che Men­schen von vorn­her­ein abzu­ur­tei­len, nur weil sie in ihrem Zustand auf uns „Nor­male” absto­ßend und läs­tig erschei­nen. Und ohne Zwei­fel auch genü­gend Kan­di­da­ten dabei sind, die sich bewußt und beharr­lich in die­sem Zustand befin­den.
All­zu­sehr ver­gißt man dabei jedoch, daß man selbst sehr schnell diese Daseins­form errei­chen kann.
Ein Pro­blem das wie­der mal nicht ganz oben zu lösen ver­sucht wird, ver­mut­lich weil damit die Sta­tis­tik nicht so „schön” aus­sieht. Einen „unschö­nen” Bahn­hofs­vor­platz nimmt man da gerne in Kauf. Ver­mut­lich kos­tet es im Ver­gleich auch den Steu­er­zah­ler weni­ger, wenn man auf dem Spiel­brett nur die Bau­ern und Vaga­bun­den einsetzt.

Bleibt abzu­war­ten, ob sich die Spiel­re­geln im kom­men­den Jahr wäh­rend der Fußball-Weltmeisterschaft ändern, wenn Frank­furt neben ande­ren deut­schen Städ­ten erst recht zur Dreh­scheibe inter­na­tio­na­len Publi­kums wird. Doch ist anzu­neh­men, daß man hier gar nichts tut, denn womög­lich fal­len ein paar umher­tor­kelnde „Dauer-Brenner” zwi­schen joh­len­den Fußball-Fans und –Fana­ti­kern gar nicht erst auf.
Also bleibt alles nach wie vor beim Alten und man spielt wei­ter „Völ­ker­ball” mit den Umher­ge­schubs­ten.
Die ganz oben ste­hen­den bekom­men von die­sem Elend sicher über­haupt nichts mit, wenn sie sich über­haupt dafür inter­es­sie­ren. Die wer­den in ihren schwar­zen Limou­si­nen direkt in die Tief­ga­ra­gen und von dort mit dem Auf­zug in die obers­ten Eta­gen der Wol­ken­krat­zer chauf­fiert, wo sich das wahre Gesicht der Stadt nur ver­schlei­ert zeigt.

Die Stadt­müt­ter und –väter täten hier gut daran sich der Pro­bleme anzu­neh­men, um lang­fris­tig diese „Zwei-Klassen-Hierarchie” auf­zu­lö­sen. Hier fehlt es mei­ner Ansicht an ech­ter Initia­tive der Stadt­ver­ant­wort­li­chen. Die (ge)schön(t)e Sta­tis­tik rund um poli­ti­sche Sta­bi­li­tät, Gesund­heit, Kul­tur und Umwelt, Aus­bil­dung und Infra­struk­tur zählt für die Men­schen am und im Rinn­stein der Sei­ten­stra­ßen nur sehr wenig. Und die „Auf­fang­la­ger” im „Nie­mands­land” zwi­schen Bahn­sta­tio­nen und Stadt­mitte sind die­sen Men­schen ebenso nicht dien­lich. Daß man sol­che Pro­bleme nicht allein in den Städ­ten und in kur­zer Zeit lösen kann, ist klar, doch wird es Zeit dafür etwas zu tun. Ansons­ten ist die Bezeich­nung „Main­hat­tan” nicht nur ein inter­es­san­tes Wort­spiel, son­dern Frank­furt lan­det viel­leicht mal Kopf an Kopf mit dem gro­ßen Namensgeber-Bruder auf der Rang­liste der Städte mit den Ärms­ten und Ver­rück­tes­ten.
Mein Ver­hält­nis zur Han­dels­haupt­stadt Deutsch­lands ist ver­mut­lich eher eine Art Haß­liebe. Denn wie die meis­ten Groß­städte hat natür­lich auch die Stadt am Main­ufer ihre Reize, doch darf man bei all den schö­nen Sehens­wür­dig­kei­ten die Unwür­di­gen nicht über-sehen, sonst heißt es wirk­lich eines Tages:
Will­kom­men in Frank­furt am Main. Metro­pole Nr. 1 der Aus­ge­sto­ße­nen und Ver­rück­ten. Wir haben sogar New York den Rang abge­lau­fen.

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