Jetzt schlägt’s dreizehn

Ich möchte mich gleich vorweg für möglicherweise derbe Ausdrücke und emotionale Aussagen entschuldigen, aber ich kann mir hier meine Entrüstung nicht verkneifen

Ich habe ja nichts dagegen, wenn sich exhibitionistische Idioten in einer Barracke vor laufender Kamera zum Affen machen. Solange sie erwachsen sind und dies selbst verantworten können. Ob sie vernünftig oder zurechnungsfähig sind oder sich überhaupt ein Gehirn in deren Denkmurmel befindet, lasse ich mal dahingestellt.

Ebenso habe ich als Fernsehkonsument glücklicherweise immer noch die Freiheit und Wahl, ob ich mir so einen Schmonsens anschaue oder nicht. Bei den viel- und einfältigen, wie auch häufig eher niveau- bis geschmacklosen Angeboten im Glotzofon kann man sich das bevorzugte Hirnerweichungs-Programm ja selbst er-zappen. Oder es einfach bleiben lassen und einer sinnvollen, weniger verdummenden Beschäftigung nachgehen. Doch für mich hört der Spaß auf, wenn Menschen ohne die Fähigkeit oder Möglichkeit auf eigene Entscheidung für hirnloses Unterschichten-TV ausgeschlachtet werden.

Im „Großen Bruder“-Pendant in den Niederlanden hat tatsächlich von den einschaltquotengeilen Produzenten und der jungen geldgierigen Mutter ganz bewußt in Szene gesetzt, ein Baby das Licht der Welt erblickt, wie kürzlich u.a. in Spiegel-Online zu lesen war.

Wenn Menschen, die selbst und frei entscheiden können, sich vor einem breiten Publikum auszuziehen, um vor laufender Kamera zu poppen, ist das deren Sache. Kinder und speziell Neugeborene dem Voyeurismus einiger geifernder Zuschauer an den Bildschirmen auszusetzen ist jedoch mehr als unverantwortlich. Von allen Parteien, die dies unterstützen.
Wie so oft werden Babys und Kleinkinder als Anschauungsobjekte und nicht als denkende Menschen mit dem Recht auf Privatsphäre verstanden. Hat man selbst Kinder ist einem dies zu genüge bekannt. Denn nicht selten wollen Verwandte und auch Fremde das Baby begaffen, am liebsten noch betätscheln. Besonders beliebt ist das Streicheln der zarten Wangen.
Ich habe mich schon oft gefragt, wie ein wildfremder Erwachsener reagieren würde, wenn ein anderer ihm mit einem „Gutschi-Gutschi“ im Gesicht tätscheln würde. Erntet man dafür unter Umständen nicht immer nur Erstaunen oder Unverständnis.

Mit Sicherheit befinden sich unter den Machern dieser „Sendung“ nicht nur Kinderlose. Jedoch bin ich überzeugt, daß nur wenige derer ihr eigenes Kind einem Fernsehpublikum präsentieren würden.
Was wird dieses Kind irgendwann einmal sagen, wenn es erfährt, daß es im Wohncontainer einer bescheuerten Fernsehshow geboren wurde?
Wurde hier womöglich der Anstoß für eine wahre „Truman-Show“ geliefert?
Wo der Film noch tragikomische Elemente aufweist und außer einem Lachen dem Zuschauer auch (hoffentlich) ein wenig Nachdenklichkeit beschert, hat dies in der Realität äußerst bedenkliche Ausprägungen.
Mutmaßlich wird das Gros der Zuschauer dieser „Big Brother“-Veranstaltung ihren Denk-Klapperatismus kaum in Gang setzen und kritisch darüber urteilen. Und leider kann ich mir nur allzugut ausmalen, daß es eine genügend große Zielgruppe gibt, die für eine Art „Show“, wie sie Jim Carrey einst in Szene setzte, ähnlich überschwengliche Euphorie zeigen würde, wie die „Fans“ der „Truman-Show“ im Film.

Da kann man an dieser Stelle nur hoffen, daß ein Rest an menschlicher Vernunft übrig bleibt, wenn ein solches Programm ins Gespräch kommt.
Die Palette des schlechten Geschmacks im deutschen Fernsehen reicht hier sowieso bereits von niveaulosen Reality-Soaps über billig inszenierte Gerichtsdramen bis hin zu den unzähligen, abgründigen Talkshows. Immer wieder und mehr sind es Minderjährige, die sich hierfür zur Schau stellen. Die meisten merken dabei auch gar nicht, daß sie im Grunde nur „vorgeführt“ werden. Wo sind denn hier deren Erziehungsberechtigte, die ihre Kinder vor solchem Schund bewahren?

Manchmal komme ich mir beim „Switchen“ durch die Kanäle vor, als sei ich ein „Mülltonnen-Wühler“ auf der Suche nach etwas Genießbarem.
Es ist traurig, daß das Fernsehpublikum keine anderen Sorgen mehr hat, als die anderer Leute. Jedoch haben viele noch gar nicht mitbekommen, daß die meisten dieser Shows nur inszeniertes oder zumindest choreographiertes Privatleben vorgaukeln.
Ich werde es auf jeden Fall äußerst bedauerlich finden, wenn ich eines Tages ein solche Nachricht lesen muß, daß im deutschen Fernsehen ähnliches zur Schau gestellt wird, wie in den Niederlanden. Dann wird meiner Ansicht nach wirklich das Ende niveauvollen deutschen Fernsehens eingeläutet.

Meinungen

  1. Ein Kommentar nach 4 Jahren… Wer hätte damit gerechnet?

    Tja ich glaube „das Ende niveauvollen deutschen Fernsehens“ IST eingeleitet.

    Da unser kölner Privatsender luxemburgischer Abstammung neuerdings Eltern dazu bringt ihre Kinder „auf Probe“ zu verleihen, um gehirnamputiert-wirkenden Teenies die Chance zu geben sich vor einem großen Publikum zum Affen zu machen und sich selbst wieder mal zu beweisen, dass man zu nichts fähig ist, würde ich sagen, dass es das nun ein für alle mal war mit dem Silberstreifen am Horizont.

    Ich muss ja sagen, dass, nachdem Marcel Reich-Ranicki den Deutschen Fernsehpreis ablehnte und deutschlands Lieblingsmoderator Thomas Gottschalk danach mit ihm eine interessante Diskussion vor laufenden Kameras führte, ich für einen kurzen Moment gedacht habe, es könnte vielleicht irgendwo in den müllspuckenden Entscheidungsebenen deutscher Fernsehanstalten angekommen sein.

    Nun…. dem war nicht so.

    Und damit kann ich nur sagen:
    Viel Spaß beim Müllsortieren auf der Couch oder Lest ein Buch! 😉

    — Dominik , 23. Juli 2009