Verschollen in Bermudahosen

Ich halte ja nicht so viel von Ver­schwö­rungs­theo­rien, wenn­gleich diese häu­fig einen span­nen­den Unter­hal­tungs­wert haben. Vor­aus­ge­setzt man hat etwas übrig für geheim­nis­träch­tige und kon­spi­ra­tive Legen­den à la „Akte X” und Co.
Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker und –anhän­ger kön­nen sicher einige sol­cher und ande­rer Eigen­schaf­ten ihr eigen nen­nen.
Nicht min­der erwächst jener Arg­wohn gegen­über oft poli­ti­schen, wirt­schaft­li­chen oder reli­giö­sen Unge­reimt­hei­ten oder auch Unwis­sen­hei­ten aus eige­nen Erfah­run­gen bis hin zu einer fast krank­haf­ten Nei­gung zur Para­noia.
Ziele die­ser teils hane­bü­che­nen Theo­rien über fin­gierte Ter­ror­akte bis hin zu Fir­men­un­ter­wan­de­run­gen durch Geheim­lo­gen oder Sek­ten, sind meist mäch­tige Insti­tu­tio­nen hin­ter des­sen Kulis­sen nur sehr wenige Men­schen Ein­blick erlan­gen. Ganz klar, daß hier Geheim­dienste als die poten­ti­el­len Ver­schwö­rer schlecht­hin her­hal­ten müs­sen.
Die Frage, ob tat­säch­lich etwas dran ist, an Behaup­tun­gen über außer­ir­di­sche Besu­cher, die unter uns leben oder der lang­sa­men, sub­ti­len Über­nahme der Welt­herr­schaft durch dubiose Her­ren in roten Roben mit Kapu­zen, soll jeder für sich selbst beant­wor­ten.
Ich jeden­falls ver­su­che dem eher kri­tisch gegen­über zu stehen.

Den­noch beschleicht mich manch­mal ein ähnlich para­no­ides Gefühl, beson­ders wenn ich wie­der­holt ver­waiste Socken aus der Wasch­ma­schine ziehe. Jeder kennt diese Situa­tio­nen sicher zu Genüge.
Man ist sich hun­dert­pro­zen­tig sicher die Socken paar­weise in die Wasch­trom­mel gelegt zu haben. Nach dem Wasch­gang jedoch hat sich so man­ches Paar für immer getrennt und der zurück­ge­blie­bene fris­tet von da an ein ein­sa­mes Sin­glele­ben.
Hat je ein Mensch eine ver­schol­lene Socke wie­der­ge­fun­den?
Ich nicht.

Jedoch beschränkt sich die Ver­miss­ten­su­che nicht nur auf Socken.
Viele ken­nen sicher diese schma­len Plas­tik­plätt­chen zur Ver­stär­kung von Hemd­kra­gen. In man­chen Hem­den sind diese zwar fest ein­ge­näht, doch bei den meis­ten las­sen sie sich her­aus­neh­men. Und dies sollte man vorm Waschen gemein­hin tun.
Meis­tens jedoch ver­gisst man diese Din­ger ein­fach und über­lässt die Ent­fer­nung der Plätt­chen dem „Zufall” und dem nächs­ten Wasch­gang. Natür­lich haben hier die Hem­den­her­stel­ler rea­giert und nicht sel­ten legen diese jedem Hemd gleich zwei Ersatz­plätt­chen bei.
Eines Abends ver­kün­dete mir meine Frau stolz, wie sie uns und unsere Nach­barn par terre vor einer Über­schwem­mung und unse­ren Geld­beu­tel vor der Repa­ra­tur oder gar Neu­an­schaf­fung einer Wasch­ma­schine bewahrte.
Denn es ver­fing sich ein ver­miss­tes Plätt­chen in der Maschine und hätte fast zur all­seits gefürch­te­ten Flut­ka­ta­stro­phe geführt. Meine Frau rea­gierte glück­li­cher­weise sofort, als sie anor­male Geräu­sche aus dem Socken­grab ver­nahm und den „Übel­tä­ter” stellte.
Als ich mir die spek­ta­ku­läre Geschichte anhörte und das völ­lig zer­knautschte Plas­tik­teil sah, das zuvor noch eines die­ser Kra­gen­plätt­chen gewe­sen sein mußte, konnte ich nicht mehr an den viel­ge­schol­te­nen Zufall glau­ben.
Auf ein­mal über­kam mich das bedrü­ckende Gefühl es hier mit einer sorg­fäl­tig und lang­fris­tig geplan­ten Ver­schwö­rung zu tun zu haben.
Vor mei­nem geis­ti­gen Auge sah ich die Zusam­men­kunft der obers­ten Bosse der Tex­til­in­dus­trie mit Ver­tre­tern der Her­stel­ler von Wasch­ma­schi­nen und der Hand­wer­ker­ver­bände an einem gehei­men Ort.

„Wir sind hier zusam­men­ge­kom­men, weil der tech­no­lo­gi­sche Fort­schritt nun end­gül­tig dafür gesorgt hat, daß Wasch­ma­schi­nen nahezu war­tungs­frei quasi ewig rotie­ren”, hört man die Stimme des Vor­stands­vor­sit­zen­den einer der größ­ten Pro­du­zen­ten von Wasch­ma­schi­nen.
„Wir und die Ver­tre­ter diver­ser Hand­wer­ker­un­ter­neh­men und Repa­ra­tur­dienste fürch­ten um unsere Ab– und Umsätze, was sich eben­falls am sin­ken­den Brut­to­so­zi­al­pro­dukt und erhöh­ten Arbeits­lo­sen­zah­len erken­nen lässt. Zur Sta­bi­li­sie­rung bei­der Märkte müs­sen nun unge­wöhn­li­che Mit­tel erdacht wer­den.„
Ein­heit­li­ches Kopf­ni­cken wabert durch den Saal.

„Die Kon­spi­ra­tion sieht vor, daß die Tex­til­in­dus­trie ihre Ware so pro­du­ziert, daß Teile davon sich selbst­stän­dig beim Waschen lösen und einen nicht uner­heb­li­chen Scha­den in den Maschi­nen ver­ur­sa­chen. Die pro­fi­ta­ble Kon­se­quenz für die Maschi­nen­her­stel­ler und die vie­ler Hand­werks­be­triebe muß hier sicher nicht erläu­tert wer­den.„
Zustim­men­des Gemur­mel bro­delt durch den Saal.

„Doch auch die Socken– und Hem­den­we­ber pro­fi­tie­ren von die­sem arg­lis­ti­gen Han­del, denn dem End­ver­brau­cher bleibt nichts ande­res, als sich für jede ver­schwun­dene Socke ein neues Paar zuzu­le­gen, noch bevor die ers­ten Löcher sich im Gewebe zei­gen.„
Erleich­ter­tes Grin­sen erleuch­tet den Saal aus der Ecke der Weber.

„Unser For­schungs­ab­tei­lun­gen bestä­tig­ten auch nun, daß moderne Nano– und Infor­ma­ti­ons­tech­no­lo­gien in nicht allzu wei­ter Zukunft nahezu intel­li­gente Stra­te­gien zur Steue­rung und Kon­trolle von Tex­til­teil­ab­lö­sun­gen in Wasch­ma­schi­nen und Wäsche­trock­nern ermög­li­chen wird. Denk­bar erscheint eine gezielte Tren­nung von zer­stö­re­ri­schen Arte­fak­ten kurz nach Ende der Garan­tie­zeit, sodaß auch hier dem Kun­den keine Hand­lungs­frei­hei­ten blei­ben.„
Befrei­en­des Geläch­ter und Applaus häm­mert durch den Saal…

Plötz­lich erlöste mich meine Frau aus mei­nen Grü­be­leien über die­ses Schre­ckens­sze­na­rio.
Ich war erschüt­tert, wie leicht man doch macht­volle Ver­stri­ckun­gen in neben­säch­li­che All­tags­er­schei­nun­gen pro­ji­zie­ren kann.
Obwohl man uns viel­leicht genau diese Neben­säch­lich­keit sug­ge­rie­ren möchte, damit man die­ser Sache nicht län­ger nachgeht.

Wie auch immer.
Je mehr man dar­über nach­denkt, umso grö­ßer wird das Gespinst von aus den Fin­gern gesaug­ten und an den Haa­ren her­bei­ge­zo­ge­nen Argu­men­ta­ti­ons­fä­den, die ober­fläch­lich logisch erschei­nen. Beleuch­tet man diese jedoch näher erkennt man häu­fig eine sub­jek­tive Fär­bung der Beweg­gründe für die ange­stell­ten Vermutungen.

Im Grunde bleibt es jedoch meine eigene Ver­gess– und Schus­se­lig­keit, wenn sich mal wie­der ein klei­nes, schma­les Kunst­stoff­plätt­chen in der Pumpe der Wasch­ma­schine ver­hakt.
Den­noch lag ich in die­ser Nacht eine zeit­lang wach und grü­belte über die tat­säch­li­che Bedeu­tung von her­aus­nehm­ba­ren Hemd­kra­gen­ver­stär­ker­plätt­chen aus Kunst­stoff nach.
Als ich dann end­lich in den Schlaf sank, träumte ich von zwei FBI-Agenten. Einem lang­wei­li­gen, hage­ren Mann und einer klei­nen, rot­haa­ri­gen Frau mit einem Schlaftabletten-Blick.
Der Mann betrach­tet gedan­ken­ver­lo­ren ein schma­les Plas­tik­plätt­chen zwi­schen sei­nen Fin­gern.
„Mit wel­cher Begrün­dung kann man diese Plätt­chen eigent­lich her­aus­neh­men, Scully?”, sagt der Mann, „Eine für mich plau­si­ble Erklä­rung erkenne ich jeden­falls nicht.„
„Wor­auf wol­len Sie schon wie­der hin­aus, Mul­der?„
Träge schaut Mul­der Scully in die Augen:
„Ist dies womög­lich doch der Teil eines ”gro­ßen Plans”?”

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