Kopfgeld

Wissen Sie“, sagte ich zu dem Herrn am anderen Ende der Mobilfunkverbindung, „ich bin kein Mensch, der Zeitschriftenabonnements an der Haustür abschließt oder die Zeugen Jehovas auf einen Plausch über Gott und die Welt zum Kaffee hereinbittet.

„Wenn die Sternsinger unterwegs sind, schalte ich gerne die Klingel ab und beobachte durch den Türspion, wie sie dem Nachbarn ein Ständchen bringen. Ich tue das nicht, weil ich zu geizig bin. Im Gegenteil, ich spende gerne, wenn damit anderen Menschen geholfen wird. Doch stehe ich nicht so gerne wie ein Depp mit bescheuertem Ach-wie-nett-Grinsen da und lasse mir etwas vorsingen. Als ich zuletzt an Halloween das Pfefferspray zückte, schaute mich meine Süße jedoch giftig an. Schade, ich hätte den kleinen Monstern gerne Saures gegeben.

Noch weniger zugänglich bin ich für ähnliche Angebote, die mir telefonisch unterbreitet werden. Meinungsforscher und T-Com-Mitarbeiter werden von mir regelmäßig freundlich, aber bestimmt, abgewürgt. Nehmen Sie dies bitte nicht persönlich, Sie machen ja auch nur Ihren Job. Doch bei meinen Emails filtere ich auch den ganzen Spam heraus.“

Mit diesen Worten verwies ich den durchaus freundlichen Personalberater, der mich angerufen hatte, auf seinen Platz. Seit einiger Zeit gehen wieder berüchtigte Personalberater auf die Jagd nach abtrünnigen oder vogelfreien Angestellten. Zu Beginn des Jahres und mit der schleichend einsetzenden Konjunktur haben Personalagenturen ebenfalls gehörig Aufschwung. Früher nannte man diese Herrschaften gemeinhin „Headhunter“. Heute ist das Wort eher verpönt und im Grunde sind wir ja alle irgendwie Berater. Ausnahmsweise klingt hier der Anglizismus weitaus härter, sodaß man sich lieber der deutschen Begriffe bedient. Personalberatung hört sich einfach seriöser an.

Beim Abschied wirkte seine Stimme etwas zerknirscht und konsterniert, was ich an seiner Stelle gut nachvollziehen konnte. Sicher hatte er schon oft genug mehr oder weniger freundlich einen Korb bekommen. Doch wohl selten wird seine „Arbeit“ mit der von Drückern oder Sektenanhängern verglichen. Gleichwohl mag dies ein einträgliches Geschäft sein, sonst würden nicht listenweise Telefonnummern durchprobiert. Der freundliche Herr war übrigens bereits der dritte Kopfgeldjäger – Verzeihung – Personalberater, der mich in kürzester Zeit anrief. Ich bin jedoch einer der Kandidaten, die sich partout nicht zwischen Tür und Angel oder per Telefon akquirieren lassen. Mag sein, daß ich damit einige lukrative Angebote verpasse, doch finde ich es in der Tat moralisch verwerflich, daß andere an meinem beruflichen Fortbestehen mitverdienen. Für mich ist dies eine quasilegale Form modernen Menschenhandels. Der Mensch wird zur Ware degradiert.

Als frischgebackener Diplom-Informatiker bildete ich mir darauf noch etwas ein, als man mich auf diesem Weg für eine freie Stelle anwarb. Doch mittlerweile beschleicht mich nach solchen Anrufen eher so ein mulmiges Gefühl, als sei auf meinen Kopf eine hohe Belohnung ausgesetzt. Überall erwarte ich Steckbriefe mit dem unvorteilhaften Phantombild meiner selbst und zucke jedes Mal zusammen, wenn das Telefon klingelt. Oder ziehe den Kopf ein, wenn die Polizei in meiner Nähe auftaucht.

Der Text unter dem Fandungsfoto könnte wie folgt lauten:

„Wir suchen diesen IT-Berater. Ihm werden die Durchführung und Mittäterschaft an diversen IT-Projekten vorgeworfen. Er könnte unter Umständen mit überdurchschnittlichen Fähigkeiten und Branchenwissen bewaffnet sein. Zuletzt wurde er in fester Anstellung bei einer internationalen Unternehmensberatung gesichtet, wo er sich womöglich noch aufhält. Sachdienliche Hinweise nimmt jede Personalberatung gerne entgegen. Eine saftige Belohnung für die Vermittlung ist nicht ausgeschlossen.“

Dennoch suche ich mir meine Tatorte gerne alleine aus und meine erste Regel lautet:“Traue niemandem über 50, unter 1,30m oder wenn man dir am Telefon das Blaue vom Himmel holen will“. Womöglich bin ich jedoch für mein Schicksal, potentiell als Freiwild zu gelten, selbst verantwortlich, da ich bereit- und freiwillig meinen Steckbrief bei einem bekannten Dienstleister für soziale Netzwerke einstellte und mich somit quasi zur Selbstanzeige brachte.

Aber wie heißt es doch so schön: jeder Täter begeht früher oder später einen entscheidenden Fehler und man kommt ihm auf die Spur.

Eines noch, liebe Kopfjäger, ich bin nur der kleine Fisch. Die Großen agieren eher im Hintergrund, sind jedoch leichter käuflich als ich.

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