Aufklärung im 21. Jahrhundert

Neulich an der Ampel.

„Papa, warum haben die Erdbeere und die Banane so komische Hütchen auf?“
Verdutzt schaue ich meine kleine Tochter (5 1/2) an und frage mich was sie meint.

„Wie, bitte?“

„Na, da, auf dem Bild.“

Sie zeigt mit dem Finger auf ein großes Werbeplakat am Straßenrand und ich verstehe was sie meint. Süße sitzt daneben und grinst mich süffisant an. Ihr Blick sagt, na dann erklär‘ mal.

Als ich noch klein war, erzählte man uns Märchen vom Klapperstorch und dass man Zucker auf die Fensterbank streuen muss. Man hätte mit seinen Informationen zur menschlichen Sexualität den Rest seines Lebens als blumen- und bienenzüchtender Mönch im Kloster verbringen können, wenn man nicht irgendwann in die Pubertät gekommen wäre. Zum Glück. Doch so mancher ist da bis heute noch nicht raus. Missing in Action. Aber das ist ein anderes Thema.

Heutzutage übernehmen Fernsehen, Internet und Printmedien die sexuelle Früherziehung. Naja, nicht ganz. Es gibt ja auch für die Kleinsten bereits kindgerecht aufbereitete Lektüre, die den medienkritischen Eltern wenigstens vernünftige Mittel an die Hand geben. Doch hilft es wenig, seine Kinder so lange wie möglich vor Unterschichten-TV und vor grauseligen, viel nackte Haut zeigende Browser-Pop-Ups zu bewahren, wenn groß und breit am Straßenrand die Anti-Aids-Kampagne freche Früchtchen präsentiert.

Die Idee verfehlt ihr Ziel, Aufmerksamkeit zu erregen, jedoch nicht. Wie man sieht.

Die kleine Süße schaut mich fragend und unschuldig an und wartet auf das weise Wort des Vaters.

„Naja…äh…das ist so“, stammele ich. „Diese Hütchen…tja…das sind…äh.“

Die Kleine schaut erwartungsvoll. Süße schaut vorwurfsvoll.

„Also…“, stottere ich weiter.

Verdammt. Wie soll man einer 5-Jährigen die Sexualität erklären (sollte man das in dem Alter überhaupt wissen?) wenn man als Grundlage eine Handvoll Obst mit Hang zum Gummifetischismus hat.

„Papa, will sagen, dass diese Hütchen eigentlich Kondome sind“, platzt Süße ungeduldig heraus.

Danke. Vielen Dank für die Steilvorlage.

„Papi?“

Jetz kommts.

„Was sind Kon-do-me?“

Na also, nun wird“s erst richtig kompliziert.

„Erklär‘ Du’s ihr doch bitte. Du weißt es scheinbar besser“, versuche ich mich mit einem Frontalangriff gegen Süße zu wehren.
„Wieso?“, grinst sie zurück, „sie hat doch Dich gefragt.“

„Paaapiiii!“

Jetzt nur nicht nervös werden.
Fieberhaft überlege ich mir eine Antwort oder eine Ausrede. Doch bei solchen Themen sind Väter erstmal vollkommen überfordert. Ich starre auf das Plakat.

Plötzlich kommt die Eingebung.

„Genau. Pass auf.“ So könnte es gehen.

„Wenn die Erdbeere und die Banane sich ganz doll nett finden und die eine die andere mal anknabbern mag, aber beide keinen frischen Pfirsich haben wollen, brauchen sie diese Hütchen.“

Schweigen.

„Ganz einfach“, freue ich mich, endlich eine meines Erachtens diplomatische Antwort gefunden zu haben. Süße und die Kleine schauen mich verwirrt an. Während der Ausdruck der Tochter sich kaum verändert, bemerke ich in Süßes Augen den Hauch von Ärger oder besser „gleich-platze-ich“.

„Was, denn?“, frage ich etwas leiser.

„Pfirsich?“, fragt Süße, „Anknabbern?“

„Ja, cool, oder?!“ Und zur Kleinen gewandt, „das hast Du doch verstanden, oder?!“

„Hmmm, mmh, ja, Papi.“

„Siehste“, sage ich wieder zu Süße. Sie sieht aus, als könnte sie mir an die Gurgel gehen.

„Was dein Vater tatsächlich meinte…“, setzt sie an. Und sie erklärt der Kleinen das Plakat. Weil Kondome ja „unentbeerlich“ seien. Wegen „Beere“ und so.

„Okay, ja, mmmh, aha, klar, Mami.“ Süße triumphiert nun.

„Na und?“, sage ich, „das ist nicht viel besser. Viel schlauer ist sie nun auch nicht.“

Ich befürchte, dass unser Kind früher als uns lieb ist, den wahren Hintergrund von Tutti Frutti herausbekommt. Ich hoffe nur, dass sie sich rechtzeitig auf die Hütchen besinnt. Für mich bestätigt dies jedoch nur eins, dass wahre Aufklärung nicht von der Werbung kommt…

aber wohl auch nicht aus dem Elternhaus.

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