Stimmungsschwankungen

Neu­lich wurde ich gefragt, ob ich denn schon in Weih­nachst­stim­mung sei.
Wie kommt man über­haupt in Weih­nachts­stim­mung?
Einige kom­men es bestimmt, wenn in den Fuß­gän­ger­zo­nen die Weih­nachts­deko auf­ge­hängt wurde oder die Weih­nachts­märkte sai­son­ty­pi­sche Düfte von Anis bis Zimt ver­sprü­hen. Oder alle fünf Meter und eben­sol­chen Höhen unzäh­lige klet­ternde Niko­läuse an den Haus­wän­den sehen.
So man­cher gerät in advent­li­che Ver­zü­ckung, wenn jedem noch so unweih­nacht­li­chen Rock– und Pop-Song im Radio ein ryth­mi­sches Rentierschlitten-Gebimmel unter­ge­mischt wird.
Andere dage­gen viel­leicht schon Ende August bei schwü­len 35 Grad Cel­sius im Dis­coun­ter ange­sichts lan­ger Rei­hen Leb­ku­chen, Spe­ku­la­tius und Domi­no­stei­nen.
Obwohl die kli­ma­ti­schen Bedin­gun­gen einer emo­tio­na­len Bin­dung zur Advents­zeit sicher ganz zuträg­lich sein kön­nen, wecken die jah­res­zei­tun­üb­li­chen Tem­pe­ra­tu­ren und Nie­der­schläge in Zei­ten des Kli­ma­wan­dels höchs­tens nebu­löse Erin­ne­run­gen an weiße Weih­nach­ten. Außer in Kali­for­nien oder Aus­tra­lien viel­leicht.
Hier­zu­lande ist die Stim­mung zum Fest der Liebe daher eher kon­kret an kom­mer­zi­elle Belange gekop­pelt. Erst wenn der Ein­zel­han­del es vor­gibt hat jeder gefäl­ligst weih­nacht­li­che Gefühle zu ent­wi­ckeln. Und das meist schon im Som­mer.
Ich kann aber nicht auf Kom­mando in Stim­mung kom­men. Zumin­dest nicht in fest­li­che. Beim Anblick von 90 Minu­ten Volle­ro­tik komme ich sicher auch ganz bewußt in Stim­mung. Das hat dann wohl auch manch­mal was mit Liebe, aber natür­lich nichts mit Weih­nach­ten zu tun.
Ich finde es in der Tat immer wie­der befremd­lich, wie man­che tat­säch­lich sich quasi vor­schrei­ben las­sen, wann sie in besinnlich-familiäre Andacht ver­fal­len sol­len.
Wieso kann ich das nicht auch im Hoch­som­mer? Am Strand? Auf Mal­lorca?
Ich möchte doch in Stim­mung kom­men, wenn ich in Stim­mung bin, um in Stim­mung zu sein. Nicht weil andere das so wol­len oder weil zufäl­lig gerade so ein beson­de­rer Ter­min ansteht.
Na gut, ein wenig in Stim­mung komme ich in der Tat, wenn Süße das ganze Haus sai­son­ge­recht deko­riert und die Kleine die­sen typi­schen Glanz in die Augen bekommt. Obwohl die­ses Leuch­ten schon mehr die unge­dul­dige Vor­freude auf die Geschenke bedeu­tet. Aber das war es dann auch schon.
Komisch, ich wurde noch nie gefragt, ob ich in Oster­stim­mung bin. Oder in Fast­nachts­stim­mung. Oder in Tag-der-deutschen-Wiedervereinigungs-Stimmung.
Wieso nur wird Advent und Weih­nach­ten immer so ein hoher Stel­len­wert ein­ge­räumt?
Wegen des ollen Christ­kinds doch nur noch in Ein­zel­fäl­len. Außer­dem bin ich sowieso nicht reli­giös und pseudo-christlichen Gebräu­chen über­haupt nicht zugäng­lich.
Womög­lich wuch­sen mir bei die­ser Anwort Hör­ner aus dem Kopf, ein Schwanz aus dem Aller­wer­tes­ten und Hufe an den Füßen. Denn mein Gegen­über schaute mich voll­kom­men ent­setzt an.
Ja, es ist so. Weih­nach­ten ist reine kirch­li­che Will­kür. Nie­mand weiß genau, wann die­ser Jesus gebo­ren wurde, also ist der 24. Dezem­ber nur pro forma.
Und alles andere, wie bei­spiels­weise deko­rierte Nadel­bäume heid­ni­scher Fir­le­fanz, den die Geist­li­chen sich einst pro­fit­träch­tig zu Nutze mach­ten. Also braucht mir kei­ner mit christ­li­chem Brauch­tum zu kom­men.
Daher bin ich dafür, dass jeder sein ganz eige­nes Weih­nachts­fest zele­brie­ren kann. Wie und vor allem wann immer man dafür in Stim­mung gerät. Von mir aus auch im April. So sollte das mit allen ande­ren Fes­ten auch sein.
Dann könnte der Ein­zel­han­del, das ganze Jahr über jede Art von fest­ty­pi­scher Ware anbie­ten. In mei­nem Lieblings-Billigdiscounter gibt es sowieso das ganze Jahr über bunte Eier. Warum nicht auch Leb­ku­chen oder Domi­no­steine? Oder Scho­ko­weih­nachts­män­ner?
Und dann könnte ich froh ver­kün­den: „Hoho, ich bin in Weih­nachts­stim­mung.„
Wenn mir danach ist. Wenn mir jemals danach ist.

Meinungen

  1. Ich kann eini­ges echt nach­voll­zie­hen in dei­nem Text aber ich bin fast trau­rig, das du dem Gan­zen wohl kaum was abgewinnst.…..Ich behaupte näm­lich, das Emi­lias Augen nicht nur wegen der Geschenke strah­len aber dazu später.….……

    Wenn du magst, dann lies mal, wie ich es erlebt und emp­fun­den habe und tw. heute noch erfahre:

    Wenn ich Weih­nach­ten rie­che, mir Düfte in die Nase stei­gen, die ich damit ver­binde, dann erin­nere ich mich:an strah­lende Tan­nen­bäume mit ech­ten Ker­zen, lie­be­voll geschmückt weil es zwar alle so tun aber auch, weil es ein­fach wun­der­schön war.
    Ich war immer sehr auf­ge­regt und spürte, das es was beson­de­res sein muss, irgend­wie.
    Ich glaube daran, das es einen Gott, eine Göt­tin, ein Irgend­was da irgendwo gibt. Ich glaube, das es so gewe­sen sein könnte wie beschrie­ben und mir ist egal, an wel­chem Tag. Klar, Men­schen haben den 24. fest­ge­legt und fei­ern an die­sem Tag.
    Fami­lie ist an die­sem Tag, finde ich, anders spür­bar, inni­ger, ver­eint, zusam­men, herz­lich.
    Ein war­mes Gefühl machte sich immer in mir breit, es gab kei­nen Streit weil auch „das Böse” immer irgend­wie Pause dann hatte (in dem Fall ja DU von wegen 3-Zack, Hör­ner und so.….kann nicht sein, dafür bist du zu unbös und zu nett!!!!Nur mal am Rande und trotz der Kolumne!!!!)
    Ich ging gerne mit in die Kir­che, mochte aber alle Leute nicht, die nur dann gin­gen und ihren Pelz aus­stell­ten. Ich sang „Oh du fröh­li­che” aus vol­lem Her­zen weil ich fröh­lich war, auch wegen dem Inhalt des Fes­tes und weil es sich ein­fach gut anfühlte.
    Wir san­gen daheim, lasen was vor, Oma und Opa dabei, kein Streß, Ruhe, Span­nung, immer ein Knis­tern.……
    Ver­stehst du es ein bischen bis hier­her?
    Dann natür­lich die Geschenke: ich erin­nere mich genau an bestimmte Sachen, das sich meine Eltern Mühe gaben, wir waren ja 3 Kin­der, und wir hat­ten immer Rie­sen­spass mit den Sachen und es war nie zuviel. Wir teil­ten und taten das gerne, wir spiel­ten zusam­men. Und dann mal ohne Streit unter dem Trio.(war sonst nicht der Fall.…)
    Auch sonst die Fei­er­tage mochte ich. Oma backte schon immer Wochen vor­her die tolls­ten Plätz­chen, ich fand sie 100xbeser als die von einem Bäcker.….und dann die Sorten.….Sie wur­den in den Blechdosen(die ihr, glaube ich, jetzt habt) ange­schleppt iund beschrif­tet in den Kel­ler gestellt. Und immer, wenn wir in den Kel­ler muss­ten, um z.B. einen Liter Milch zu holen, sti­bitz­ten wir einen Keks, und Mama machte das auch. Und jeder dachte, es merkt kei´ner, das die Dosen lee­rer wur­den. Es wur­den immer Witze dar­über gemacht denn nie­mand war es natür­lich. Die Kekse waren immer der Ham­mer, sowas tol­les, lecke­res.….
    Ich bin über­zeugt, das Kin­der, wenn sie diese Atmo­sphä­ren um diese Zeit spü­ren, auch des­we­gen den Glanz in den Augen haben. Sie erle­ben das Lich­ter­spiel, den Kranz, sie hören die Lie­der und Geschich­ten, sie sind rundum gespannt.
    Du legst den Grund­stein mit für die Erin­ne­run­gen an alle Weih­nach­ten von Emi­lia. Und wie du sagst/schreibst, machst du ja auch ihr­zu­liebe mit.
    Wenn ich könnte und wüsste, wie, dann würde ich dich am liebs­ten von alle­dem anste­cken aber ich weiß nicht, ob sowas mög­lich wäre.…Keine Ahnung.
    Wie war es bei euch frü­her, als du Kind warst?
    Wie machen das Fami­lien, die nicht gläu­big sin, denen das fest an sich schnuppe ist und der Hype darum?

    Heute ist es so, das die Gefühle im Bauch noch immer ähnlich denen von damals sind nur nicht mehr so inten­siv und weni­ger lange. Fami­lie ist bei­sam­men, wir las­sen das Jahr Revue pas­sie­ren, wir reden, schauen hin. Das mache wir sonst auch aber an die­sem Tag irgen­diwe anders.
    Fami­lie ist ober­wich­tig dann, Geschenke auch ganz nett, ist ja klar.

    Du hast Recht, ich mag es auch null, wenn es ab Som­mer in den Läden den gan­zen Mist schon gibt und das nciht mehr war­ten kön­nen rich­tig gut gepusht wird. Man hat kaum mehr eine Wahl. Ich sehe die Sache dort ste­hen und es ist für mcih wie Käse und Wurst, ein­fach Lebens­mit­tel. Sie gehö­ren um diese Zeit nciht an diese Plätze.

    Emi­lia hatte 2007 in der Kita einen Rie­sen­spass mit unse­rem Tun in der Advents­zeit: täg­li­che Tref­fen an einem Rie­sen­kranz, anzü­den einer Kerze und jeden tag hören, wie die Geschichte wei­ter­geht, auch dran­kom­men wol­len, auch einen Keks krie­gen und das Sin­gen des Lie­des, pas­send dazu. Die Kin­der­au­gen strah­len um die Wette und für Augen­bli­cke scheint die Welt still­zu­ste­hen.
    Was ist es, was die Men­schen da Jahr für Jahr ver­zückt?
    Was lässt sie leuch­ten, was macht sie ruhig in sich?

    Ich werde die Kolumne noch­mal lesen und noch­mal.……
    Und es stimmt mich echt nach­denk­lich und macht mich inner­lich trau­rig, wie du es erlebst und siehst aber ich glaube, das schrieb ich schon.….……

    Hm, seufz.….….….….…ich freu mich auf Weih­nach­ten rundum und irgen­diwe.
    Immer­hin müs­sen wir nicht arbei­ten, yeah.…(oder du doch???)


    Gaby Hofbuhr
  2. Hi Gaby,

    es ist wirk­lich lieb von Dir, dass Du so beherzt ver­suchst mir Dein
    Gefühl von Weih­nach­ten zu ver­mit­teln und .…es ist gelun­gen. Ganz ehr­lich.
    Aber Du bist mal wie­der etwas über’s Ziel hin­aus geschos­sen.…
    Was ich da schreibe ist.… SATIRE!!! ;o)
    Natür­lich steckt da auch ein wenig ernste Kri­tik dahin­ter. Das soll
    Satire ja auch sein. Hin­ter­grün­dig. Aber auch bis­sig und über­spitzt. DAS
    ist SATIRE.

    Ich habe sehr gute und schöne Erin­ne­run­gen an Weih­nach­ten. Ähnlich wie
    Du. Und es gibt rein vom Fest her keine Hor­rorer­in­ne­run­gen. Das ist
    ein­fach nur ein Teil mei­ner (heu­ti­gen) Sicht und die ist hier noch ein
    wenig kari­kiert.
    Ja, ich für mich alleine bräuchte Weih­nach­ten nicht mehr, aber für
    die Fami­lie feiere ich gerne Weih­nach­ten und seit die Kleine bei uns ist,
    habe ich auch Spass mit mei­ner klei­nen Fami­lie die­ses Fest zu feiern.

    Also, noch­mal: das ist SATIRE. Sonst nix. :o )
    Aber ich sehe, dass mein Text auch funk­tio­niert. Er pro­vo­ziert und das soll Satire auch.

    Bin gespannt auf wei­tere Reaktionen.

    Danke!
    CFK


    cfk

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