Wissenschaft, Alltag und der ganze Rest – Heute: Das Kuscheltier des Erwin S.

Die modernen Wissenschaften haben in den letzten 100 Jahren ein ganze Reihe an bemerkenswerten Möglichkeiten geschaffen, unseren Alltag mehr oder weniger angenehm zu machen.

Vor allem die fortschreitende Miniaturisierung der Technik vollbringt wahre Wunder, nicht zuletzt sind die Errungenschaften des Allerkleinsten uns allgegenwärtig. Und so erfreut sich so mancher (aber eben auch nicht jeder) tagtäglich, wo man geht und steht, an einem Feuerwerk aus poly- und kakophonen Klängen, der immer flacher und kleiner und vor allem kaum mehr bedienbar werdenden Mobiltelefone, im Volksmund auch Handys genannt. Doch bevor ich zu sehr abschweife, will ich noch tiefer in die Welt des Allerwinzigsten vorstoßen. Denn noch allgegenwärtiger sind sie uns trotzdem am wenigsten bewußt, die sogenannten Quanten. Die kleinsten Bauteile aller auch nur erdenklichen Materie dieses Universums.

Wie sehr versucht man doch, diese Welt des Mikro-, nein Nano-, nein gar Picokosmos zu ergründen und vor allem für den Menschen nutzbar zu machen. Wobei sie per se schon außerordentlich nützlich sind, da sie uns und vielen anderen Dingen die Existenz bescheren.

Doch gibt es schlaue Leute, denen auch das nicht reicht und so hegt und pflegt man munter und mit kostspieligem Spielzeug den allumfassenden Teilchenzoo. In den Gehegen findet man ein Gewibbel und Gewabbel von Prot-, Elektr-, Mes-, Fermi-onen und damit es rein sprachlich nicht langweilig wird von Quarks. Wobei das letzte wenig mit vergorener Milch zu tun hat, auch wenn es darin ebenfalls mal linksherum wibbelt, mal rechtsherum wabbelt.

Nun gehöre ich nicht gerade zu diesen besagten „schlauen“ Leuten, die sich beispielsweise Fermionen im Geiste vorstellen können und sogar damit hantieren, wie meine kleine Tochter mit den bekannten dänischen Kunststoff-Bauklötzchen. Dennoch möchte ich heute die praktische Nutzbarkeit eines grundlegenden Postulats der Quantenphysik erläutern. Doch zuerst ein wenig angefeuchtete Theorie.

Im Grunde wurde es durch den Österreicher Erwin Schrödinger beschrieben, der (s)eine Katze zusammen mit einem Fläschchen Blausäure und einem Geigerzähler in eine Kiste sperrte.

(Bevor nun alle Tierschützer wieder auf die Barrikaden gehen, es handelte sich um ein sogenanntes Gedankenexperiment. Also keine Panik. Es kamen keine realen und lebenden Tiere zu Schaden.)

Ich kann mit meinem geistigen Horizont, der maximal den Abstand zwischen Hirn und Brett definiert, den Gedanken Schrödingers nicht wissenschaftlich korrekt repetieren, doch versuche ich es für alle Laien und die es werden wollen auf populäre Weise.

Er stopfte also, außer der Mietzekatze und des Geigerzählers, auch eine geringe Menge radioaktiven Materials in die Kiste. Da radioaktives Material recht instabil ist und gerne in seine kleinsten Bestandteile zerfällt, kommt es nicht selten vor, daß sich davon eben eines oder mehrere der obengenannten oder anderer Teilchen verflüchtigt. Der Geigerzähler bekommt das dann mit und knackt munter drauf los.

Soweit, sogut. Im Grunde denke ich, daß dieser Vorgang vielen, nicht unbedingt bis ins Detail, aber dennoch verhältnismäßig geläufig ist. Nun ist jedoch der Trick, dessen sich Schrödinger im Geiste bediente, daß der Geigerzähler nicht unbedingt knackt, sondern einen kleinen Hammer betätigt, der das Fläschchen mit Blausäure zerstößt und damit die giftigen Dämpfe die arme Mietze dahinraffen.

(Auch hier wieder beruhigende Worte an alle Tierfreunde: es war rein hypothetisch!)

Wenn das alles nicht schon kompliziert genug war, nun wird es noch ein wenig kniffliger, aber keine Sorge wir haben es bald geschafft.

Herr Schrödinger, so schlau, wie er nun einmal war, kombinierte, daß ein Teilchen seine Flucht aus der radioaktiven Masse mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit vornimmt oder es einfach bleiben läßt. Und ebenso wahrscheinlich zerdeppert das Hämmerchen das Fläschchen und tötet so das Kätzchen.

Oder eben auch nicht.

Kapiert? Dann weiter.

Der schlaue Herr Schrödinger stellte sich nun weiter vor, daß bei verschlossener Kiste, die zudem keinen Blick auf die darin eingesperrte Katze gewähren soll, diese mit besagter Wahrscheinlichkeit tot oder lebendig sei. Logisch. Doch da schlaue Menschen immer etwas komplizierter Denken, sagte sich der Herr Schrödinger, daß die Katze nicht ODER, sondern tot UND lebendig sei. Gleichzeitig also. Was für nicht so schlaue Menschen nur in Zombiefilmen funktioniert, ist bei Leuten wie Erwin kein Problem. Nehmen wir es also einfach so hin und an, daß die Katze tot und lebendig zugleich ist. Von mir aus.

Doch nun wollte es Herr Schrödinger wirklich wissen und öffnete die Kiste, um Gewißheit zu erlangen. Er hätte dann zweifellos gesehen, ob er Ärger mit dem österreichischen Tierschutz bekommen hätte oder eben nicht. Um es noch einmal mit den Worten eines nicht so schlauen Menschen zu sagen:

„Erst wennst fei noa g’schaut hoast, is‘ die Koatzen doat. Oda fei holt net.“

Genug der plancken Theorie – Verzeihung, freudscher Vertipper – der blanken Theorie, kommen wir zurück zur entsetzlichen Wirklichkeit und zum Alltag.

Als ich neulich mal wieder einen Blick in die Postkiste tat, fand ich keine Katze darin, dafür stapelweise Rechnungen. Doch kam mir sofort Schrödingers Kuscheltier in den Sinn. Ich dachte, wenn ich der Theorie nach nicht in die Kuverts schaue und diese verschlossen halte, dann könnte man mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit darauf schließen, daß man zahlen muß oder eben auch nicht. So lange ich nicht hineinschaue, könnten beide Zustände zur gleichen Zeit wahr sein. Daher wäre ich auch erstmal aus dem Schneider.

Ich legte die Rechnungen beiseite und versuchte sie zu vergessen. Doch wie heißt das Sprichwort: „Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach.“

Und so hielt ich es nach kurzer Zeit nicht mehr aus und schweißgebadet öffnete ich die Briefe. Wenn Herr Schrödinger recht behalten sollte, könnte ich mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit immer noch den Nichtzahlen-Zustand feststellen. Leider ist Statistik nicht nur geduldig, sondern auch erbarmungslos. Ich wiederholte das Experiment mehrere Male, dennoch mußte ich immer zahlen. Statistisch gesehen ist es wahrscheinlich äußerst unwahrscheinlich, daß bei mehreren Wiederholungen eines Experiments immer das gleiche Ergebnis herauskommt, aber eben auch nicht ausgeschlossen.

Ich experimentiere immer noch, werde jedesmal um einige Euro ärmer, aber ich bin begeistert, wie sehr die Wissenschaft doch unseren Alltag ein Stück weit angenehmer macht.

Oder eben auch nicht.

Meinungen

  1. Und da gibt es Leute,die für solche Erkenntnisse studieren.
    Das braucht man unbedingt „Oder eben auch nicht.“

    LG Andrea

    — AndieGraphie , 04. November 2010