Das Wichtelmännlein in der Straßenbahn

Ich erinnerte mich unlängst daran, dass ich vor einiger Zeit einem wundersamen Ereignis beiwohnen durfte, wie es in dieser Art nur noch in Sagen und Märchen vorkommen mag. Dann laßt mich kurz beschreiben, was ich erlebte.

In der Straßenbahn, durch das Gewirr von Haltestangen und -griffen erblickte ich einst voller Erstaunen ein kleines Wichtelmännchen, welches mir so noch niemals begegnet war. Woran ich erkannte, daß es sich um ein solch sagenumwobenes Geschöpf handelte? Das Wesen maß nicht mehr als drei gestapelte Räder Schweizer Käse und womöglich entsprach es ebenso im Umfang einem solchen Stapel. An den hängenden Schultern glitten kurze Arme hinab, die in Händen endeten deren Finger eher Stummeln glichen, statt brauchbaren Tast- und Greifgliedmaßen. Gemäß seiner Kleidung in kontrastarmen Grauschattierungen fiel das Männlein kaum in der Menschenmeute auf, die sich in aller Frühe auf dem Weg zum täglichen Broterwerb befand.

Nervös huschten die kleinen Äuglein hinter den dicken Gläsern seiner Brille hin und her. Immer auf der Hut nicht erkannt zu werden. Es bemerkte jedoch nicht, daß ich ihm bereits gewahr wurde und es genaustens zu studieren vermochte. Mit den Stummelfingern hielt es sich an einem kleinen schwarzen Lederbeutel fest, in dem es wohl allerlei gesammelten und unnützen Kleinod aufbewahrte.

Ich musterte es eine zeitlang, doch blieb es bis auf die Augen weitestgehend unbeweglich, so daß ich fast dem Glauben verfiel, nichts Aufregendes mehr zu erhaschen. Doch plötzlich zuckte es leicht um die knubbelige Nase des Geschöpfs und die Unruhe seiner Augen übertrug sich auf das Männlein. Es machte den Eindruck, als piesackte es ein Jucken oder Kneifen, denn es wurde auf einmal ziemlich rege.

Meine Aufmerksamkeit spannte sich erneut, denn ich ahnte, was da vor sich ging. Es schien, als hätte ein Kobold auf der Suche nach einem gemütlichen Nachtlager, die zwar feuchte aber warme Höhle der Nase des Männleins entdeckt und sich unbemerkt dort häuslich eingerichtet. Da es in der steten Zugluft und aufgrund der Lage der Behausung durchaus turbulent zugehen mag, muß ein solcher Kobold allerhand Ideenreichtum besitzen, um sich und seine Habe an der Wand und dem Gestrüpp der Höhle zu befestigen. Doch schien dieser nicht sonderlich meisterhaft bei seinem Versuch gewesen.

Das Männlein prüfte hastig die Umgebung, um sicher zu sein, nicht beobachtet zu werden. Zum Glück bemerkte es immer noch nicht, daß ich es bereits seit einigen Minuten fixierte. Als es sich unbeobachtet fühlte, ging alles blitzschnell. Ich hatte Mühe dem unglaublichen Geschehen zu folgen und im Nachhinein erscheint mir alles wie ein vager Traum.

Einer der unförmigen Finger schnellte in Richtung Nasenloch und stieß rabiat hinein. Es entbrannte ein wildes Gerangel zwischen dem Finger und dem Kobold. Zumindest erweckten die ungestümen Wallungen der Nasenwand diesen Eindruck.
Doch der Kobold des jähen Angriffs vollkommen überrascht, verlor den ungleichen Kampf in Windeseile und ohne nennenswerte Gegenwehr. Dessen wurde ich gewiß, als der Finger des Männleins samt Kobold aus der Nase gezogen wurde. Hilflos klammerte sich der winzige Eindringling fest und zappelte ängstlich vor dem unbekannten Schicksal, das ihn zweifellos ereilen würde.

Ungläubig und gebannt starrte ich auf die Szene, die sich vor meinen eben noch vom Schlaf getrübten Augen abspielte. Was würde mit dem Kobold nun geschehen? Würde er sein Leben unter dem Sitz der Straßenbahn verschmiert wissen? Oder könnte es dem Erstickungstod in weißer Baumwolle anheim fallen?

Sekunden, die wie Stunden erschienen, wartete ich auf das schreckliche Finale dieses Kampfes und ich sollte das Grauen sogleich erleben. Ein weiteres Mal vergewisserte sich das Männlein rasch ohne Zuschauer zu sein, als auch schon darauf der Finger mit dem verzweifelten Kobold im Mund des Männleins verschwand. Mit einem Haps ward der Kobold verschlungen und nie wieder gesehen.

Das Männlein jedoch verfiel zurück in seine Unbeweglichkeit, bis auf die unruhigen Augen, die unaufhörlich, linkisch fast, hin- und herhuschten, bis es an der nächsten Haltestelle der Straßenbahn jäh aufsprang und flinker als der unförmige Körper es erahnen ließ, das Weite suchte.

Ich war entsetzt, angewidert und erstaunt zugleich. Kann es auch heute noch nicht fassen eines solch sagenhaften Ereignisses Zeuge geworden zu sein.

Ihr glaubt mir nicht?

Doch so hat es sich tatsächlich zugetragen.

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