Endstation

Ich sehe von mei­ner Lek­türe auf und schaue leicht irri­tiert aus dem Fens­ter. Wir fah­ren noch und drau­ßen zieht die schmut­zige graue Wand des U-Bahn-Tunnels vorbei.

Es kommt mir vor, als sei seit der letz­ten Sta­tion sehr viel Zeit vergangen. Normalerweise lie­gen die Sta­tio­nen nicht so weit auseinander. Oder war ich durch das Lesen abgelenkt? Ich ver­gesse dar­über häu­fig die Zeit.

Ich sehe mich im Wagen um. Ich bin wohl nicht der ein­zige, dem auf­fiel, daß die nächste Hal­te­stelle über­fäl­lig erscheint. Es ist die End­sta­tion für die­sen Zug. Manche schauen ner­vös auf die Uhr.

Wurde die Sta­tion denn schon angesagt? Ich kann mich bewußt nicht daran erinnern. Auch ich schaue auf die Uhr. Sie zeigt 15:53. Hatte der Zug zwi­schen­zeit­lich gehal­ten, ohne daß ich es bemerkt habe? Na ja, wir wer­den sicher jeden Moment einfahren.

Mein Blick wan­dert durch den Wagen. Diesmal fah­ren nicht so viele Leute mit, wie sonst um diese Zeit. Ein paar Geschäfts­leute, Stu­den­ten, Haus­frauen. Jung und alt. Die meis­ten sind sicher auf dem Weg nach Hause. So, wie ich.

Die­ser Zug endet am Haupt­bahn­hof, wo man­che in andere Gefährte umstei­gen. So, wie ich.

Heute wer­den man­che ihren Anschluß ver­pas­sen. So, wie ich.

Ein Mann mir gegen­über schaut leicht ver­är­gert auf die Uhr und mur­melt etwas Unverständliches. Er trägt einen dunk­len Anzug und eine stil­volle Kra­watte auf wei­ßem Hemd. Er steht auf und geht zu einer der Türen des Zugwagens. Wieder sieht er auf die Uhr und schüt­telt den Kopf.

Wir fah­ren immer noch. Immer noch gibt es keine Ansage der Haltestelle. Immer noch keine Durch­sage vom Fah­rer.
Immer noch bewegt sich der Zug an der nicht enden­wol­len­den grauen Beton­wand entlang.

Lang­sam werde ich unru­hig. Bekomme das Gefühl, daß irgend etwas nicht stimmt. Ich sehe eben­falls noch ein­mal auf meine Uhr: 15:57.

Vier Minu­ten sind seit mei­nem ers­ten Blick auf den Zeit­mes­ser vergangen. Davor waren wir bereits min­des­tens fünf Minu­ten seit dem letz­ten Halt unterwegs. So lange braucht der Zug nun wahr­lich nicht, um die Stre­cke zwi­schen der letz­ten Hal­te­stelle und der End­sta­tion zu überwinden. Schon gar nicht bei die­ser Geschwin­dig­keit, die sich in den letz­ten Minu­ten auch nicht merk­lich ver­än­dert hat.

Ich bli­cke erneut aus dem Fens­ter. Der graue Beton. Ab und zu schwirrt ein Mau­er­vor­sprung oder eine Lampe vorbei. Blaß und durch­sich­tig blickt mein Gesicht aus dem Fens­ter zurück.

Nun wer­den auch andere Fahr­gäste unru­hig. Man­che begin­nen zu diskutieren. Eine ältere Frau schräg gegen­über ruft: „Hat jemand ‚ne Ahnung, was hier los is’? Warum hält der Zug nich’?„
Nie­mand gibt ihr eine Antwort. Niemand kann ihr eine Ant­wort geben. Niemand weiß, was hier los ist. Manche schauen sie an und schüt­teln den Kopf oder zucken unwis­send mit den Schultern.

Grim­mige und ver­ängs­tigte Gesichter. Aus dem Hin­ter­grund höre ich, wie jemand witzelt: „Vermutlich ist der Haupt­bahn­hof über­füllt und die las­sen uns krei­sen, bis ein Gleis frei wird.” Verhaltenes Lachen. Leich­tes Lächeln.

Einige schei­nen sich genau dies vor­zu­stel­len und beru­hi­gen sich ein wenig. „Wird schon so was sein”, sagt der junge Mann neben mir. Ich schaue ihn fra­gend an.

Na ja, daß die uns hier in einer War­te­schleife fah­ren las­sen, oder so was.”

War­ten muß man doch dau­ernd”, fügt er hinzu.

Na ja, ich weiß nicht”, sage ich.

Mein Gefühl sagt mir, daß so etwas nicht sein kann. Ich fahre schon lange, fast jeden Tag, mit der U-Bahn, doch von einer „War­te­schleife” habe ich noch nichts mitbekommen. Man war­tet höchs­tens auf die Ein­fahrt in die Sta­tion. Natur­ge­mäß steht dabei der Zug.

Ich schaue wie­der auf die Uhr. 16:02. Fast 15 Minu­ten, sind wir nun unterwegs. „Wohin?”, kommt es mir in den Sinn. Die Sta­tio­nen kön­nen unmög­lich so weit aus­ein­an­der liegen. Also, wohin wer­den wir gefahren?

Ich stehe auf und bewege mich in Fahrt­rich­tung zum ande­ren Ende des Wagens. Dort befin­det sich eine Fah­rer­ka­bine. Dies ist einer der Züge, des­sen Wagen alle­samt als Trieb­wa­gen fun­gie­ren kön­nen. Die Wand, die den klei­nen Raum für den Fah­rer vom Fahr­gast­raum trennt, ist meist aus ver­dun­kel­tem Glas.

Dort ange­kom­men, ver­su­che ich durch diese Scheibe nach vorn zu sehen. Doch lei­der ist alles sehr dun­kel. Ich kann noch nicht ein­mal den Wagen vor mir erkennen.

Ich gehe zurück zum Ende des Wagens, wel­cher auch der letzte ist. Ich sitze immer im Letz­ten, da er näher beim Aus­gang zum Ste­hen kommt, den ich nehme, wenn ich mei­nen Anschluß­zug recht­zei­tig errei­chen möchte. Auch dort ist eine Fah­rer­ka­bine. Dies ist schon eine geniale Lösung: jeder Wagen eines Zuges kann in beide Rich­tun­gen als Trieb­wa­gen ver­wen­det werden. Ich ver­su­che hier eben­falls durch die dunkle Scheibe zu bli­cken. Doch auch dies­mal ist kein Licht­schein aus­zu­ma­chen. Der Tun­nel hin­ter dem Zug ist nicht einzusehen.

Was geht hier vor? Ein unbe­stimm­tes mul­mi­ges Gefühl erfaßt mich.

Die Unruhe unter den ande­ren Mit­fah­rern stei­gert sich deutlich. Manche schimp­fen lautstark. Andere schauen ner­vös auf das vor­bei­rau­schende Grau hin­ter den Scheiben. Die Frau, die zuvor die Frage stellte, schimpft: „Warum gibt der Fah­rer nich’ mal ‚n Kom­men­tar ab? Die las­sen uns hier immer schmor’n, wenn ‚was nich’ stimmt.”

Der Fah­rer. Natürlich. An den Türen gibt es doch Ruf­knöpfe mit Wech­sel­sprech­an­lage zum Fahrer. Die sollte man mal benut­zen. Dann klärt sich womög­lich alles.

Ich gehe zur Tür, an der der gut geklei­dete Herr mit Anzug steht. Er flucht leise vor sich hin. Ich drü­cke den Knopf unter dem deut­lich „Fah­rer­ruf” zu lesen steht. „Oh, Mann, das ist mal eine glän­zende Idee. Daß ich da nicht drauf gekom­men bin”, sagt der Mann im Anzug und lächelt mir entgegen. „Ja, viel­leicht hilft’s ja”, sage ich. Doch ich bemerke in mei­ner Stimme wenig Zuversicht. Mein Gefühl sagt mir, daß dies nichts brin­gen wird.

Bei gedrück­tem Knopf beuge ich mich zur geloch­ten Platte hin­un­ter, hin­ter der ich die Wech­sel­spre­ch­elek­tro­nik vermute.

Hallo?”, sage ich, „Hallo? Kann mich jemand hören?” Nichts. Nur ein leich­tes Rau­schen, das sich mit dem Fahr­ge­räusch vermischt.

Hallo!”, sage ich noch ein­mal etwas lauter. Ich warte.

Ver­dammt noch mal, warum mel­det sich denn nie­mand?”, brüllt der Mann im Anzug plötz­lich, der sich zur Sprechmu­schel hin­über gebeugt hat. Ich schaue ihn wohl leicht pikiert an, denn er zuckt mit den Schul­tern und sagt: „Na ja, Ent­schul­di­gung. Man sollte halt nicht zu zag­haft mit sol­chen Leu­ten reden. Die den­ken doch sowieso man kann es mit uns machen.„
„Ich sehe das anders”, sage ich, „Aber, wenn Sie der Mei­nung sind, damit wei­ter zu kom­men als ich. Bitte!” Ich zeige auf die Sprech­an­lage, ent­ferne mich und über­lasse ihm die wei­tere Initiative. Innerlich ahne ich bereits, daß der Ver­such ver­geb­lich ist, mit dem Fah­rer Kon­takt aufzunehmen. „Oh, der Herr gibt aber leicht auf”, frot­zelt „Anzug”. Er brüllt danach noch zwei­mal die Loch­platte an. Dann gibt er eben­falls auf und flucht wie­der leise vor sich hin.

Ich setze mich wie­der an mei­nen Platz. Mittlerweile sitzt kaum noch jemand. Ich über­lege, was man tun könnte. Warten. Abspringen.

Viel­leicht sollte man die Not­bremse zie­hen”, höre ich durch meine Grübeleien. Es ist der junge Mann neben mir. Er sieht aus wie ein Stu­dent. Zumin­dest so, wie ich mir einen Stu­den­ten vorstelle. Aus sei­nen Augen fällt ein neu­gie­ri­ger und durch­aus intel­li­gen­ter Blick auf mich. Er trägt eine etwas aus­ge­lei­erte kha­ki­far­bene Jeans­hose, ein oliv­grü­nes Hemd, Revoluzzer-Look a la Che Gue­vara. Ganz nach dem aktu­el­len Mode-Hype. Darunter prangt auf einem grauen T-Shirt der Spruch „wer bremst, verliert!”. Sehr passend!

Wie, bitte?”, frage ich.

Na ja, ich meine ja nur. Die Not­bremse ist doch für Not­fälle. Und dies ist doch ein Not­fall, nicht wahr!?”

Na klar. Das ist es. Ich lächele ihn an. „Gute Idee”, ant­worte ich. Er lächelt ebenfalls. Dann stehe ich auf und hebe die Hände.

Alle mal her­hö­ren”, ver­su­che ich mir Auf­merk­sam­keit zu verschaffen. Niemand reagiert. Fast alle Mit­fah­rer dis­ku­tie­ren, schimp­fen und fluchen. Keiner von denen erkennt bis­lang ein ernst­haf­tes Pro­blem an der Situation.

Hören Sie mir bitte zu”, rufe ich etwas lau­ter, um die Stim­men und die Fahr­ge­räu­sche zu übertönen. Einige dre­hen sich um. Andere rea­gie­ren verzögert. Doch schon bald hört man nur noch die Geräu­sche des Zuges, wie er mit unver­min­der­ter Geschwin­dig­keit durch den schein­bar end­lo­sen Tun­nel don­nert und rattert.

Danke. Bitte set­zen Sie sich alle hin und hal­ten sich fest, wir ver­su­chen den Zug mit der Not­bremse zu stop­pen. Viel­leicht errei­chen wir so den Fah­rer oder kön­nen zu Fuß zur nächs­ten Sta­tion laufen.” Ein zustim­men­des und teil­weise erleich­ter­tes Stim­men­ge­wirr erhebt sich plötzlich. Aus man­chen Ecken ertö­nen Bestä­ti­gun­gen mei­nes Vorschlags.

Ja. Natür­lich.”

hätte man auch drauf kom­men können”

So nahe­lie­gend”

Die meis­ten Leute set­zen sich wie­der. Andere blei­ben ste­hen und hal­ten sich fest. So auch „Anzug”, der mich abschät­zend anschaut, als wolle er damit andeu­ten, ich solle mich nicht als Hel­den hier aufspielen. Habe ich auch nicht vor. Ich will nur end­lich raus hier. Und vor allem erfah­ren, was denn los ist.

Die ande­ren sehen mir nach, als ich mich unge­fähr in die Mitte des Zuges begebe, wo der Hebel für die Not­bremse ange­bracht ist. Der rote Metall­griff ist mit einer klei­nen Blei­perle verplombt. Darüber hängt auch ein Not­ham­mer, mit dem man die Schei­ben ein­schla­gen kann, wenn dies not­wen­dig erscheint. Auf der Not­bremse lese ich den Text „Hand­griff nur bei Gefahr zie­hen. Miß­brauch wird bestraft.” Ich zögere.

Die War­nung ist deutlich. Befinden wir uns in Gefahr? Wann ist man in einem U-Bahn-Zug in Gefahr? Genaugenommen fah­ren wir im Moment nur schein­bar end­los im U-Bahn-Tunnel spa­zie­ren, ohne irgendwo zu halten.

Was ist los? Nun zie­hen Sie schon”, höre ich hin­ter mir jeman­den sagen. Ich drehe mich um und bli­cke in die erwar­tungs­vol­len und ängst­lich wir­ken­den Augen einer jun­gen Frau.

Ich will hier raus”, setzt sie fle­hend hinzu. Ich wende mich wie­der der Not­bremse zu, die mich durch ihre Farbe und den ein­dring­li­chen Text regel­recht davor warnt, zu ziehen.

Wer bremst, verliert”

Zögernd erfasse ich den Griff. Dabei fällt mein Blick auf die Uhr: 16:18. Mittlerweile befin­den wir uns rund 30 Minu­ten in die­sem Abschnitt des U-Bahn-Systems, in die­sem dunk­len, grauen Tun­nel ohne Ende. Was pas­siert nach­dem der Zug gestoppt wurde? Wohin sol­len wir laufen? Zurück? Nach vorn? Was ist, wenn wir auch zu Fuß im Tun­nel ver­blei­ben und keine Sta­tion uns end­lich freigibt? Hier im Wagen ist es wenigs­tens hell. Im Tun­nel kom­men wir ohne Licht ver­mut­lich kaum vor­wärts.
Und über­haupt, es wim­melt da drau­ßen womög­lich von ekel­er­re­gen­dem Getier. Rat­ten. Kakerlaken.

Ich erschau­dere.

Ich fürchte mich vor den Kon­se­quen­zen, die sich erge­ben, wenn ich mit Gewalt die­sen Zug stoppe. Plötzlich will ich es gar nicht mehr tun. Warum zieht kei­ner der ande­ren Fahr­gäste daran? Warum ich? Warum zieht denn in den ande­ren Wagen nie­mand an einem die­ser Griffe? Außerdem befin­den wir uns doch nicht in direk­ter Gefahr.

Rüde werde ich in mei­nen Gedan­ken unter­bro­chen, als „Anzug” mich zur Seite drängt. „Worauf war­ten Sie, Mann. Daß man sie höf­lich darum bit­tet?”, sagt er schroff. Er faßt ent­schlos­sen nach dem Griff.

Als er daran zieht, erscheint mir alles wie in Zeit­lupe, obwohl dies nur in weni­gen Sekun­den­bruch­tei­len von­stat­ten geht.

Ich sehe, wie der Draht mit der Blei­plombe sich lang­sam dehnt. Dann spannt sich die Schlaufe, als wolle die Plombe den Vor­gang mit aller Kraft verhindern. Eine win­zige Ver­schnauf­pause vor dem Unvermeidlichen.

Plötz­lich bricht die Blei­perle auf. Der Wider­stand ist gebrochen. Der Griff bewegt sich lang­sam nach unten. Immer wei­ter schiebt sich der Stift aus dem Gehäuse der Bremse. Schmierig grau vom Fett, das die Füh­rung des Griffs erleich­tern soll. Bevor der Stift ganz aus der Bremse gezo­gen wer­den kann, blo­ckiert die­ser und ver­harrt end­gül­tig in die­ser Position.

Unwill­kür­lich halte ich mich fest, in Erwar­tung einen star­ken Ruck zu spü­ren, der auf­grund der unver­züg­li­chen Voll­brem­sung des Zuges auf­tre­ten wird. Gleichzeitig schließe ich die Augen. Viel­leicht kann ich ja damit der nun fol­gen­den Unge­wiß­heit entfliehen.

Ich weiß nicht wie­viel Zeit ver­gan­gen ist, als ich vor­sich­tig wie­der die Augen öffne. Was war passiert?

Nichts. Wir fah­ren immer noch. Irritiert schaue ich den Mann im Anzug an.
Die­ser steht fas­sungs­los da. Er öffnet den Mund, um schein­bar wie­der irgend­ei­nen Fluch zu versprühen. Doch er bleibt stumm. Sein Mund schließt sich.

Mit plötz­lich her­auf­bre­chen­der Wut erfaßt er wie­der den Griff und zieht wie ein ver­rückt gewor­de­ner Affe daran. Nun ist auch seine Stimme wie­der zu hören. „Verdammtes Scheiß­ding. Warum bremst Du nicht?”

Ent­setzt sehen mich die übri­gen Leute an, als sei ich daran Schuld, daß der Zug immer noch fährt. Wie betäubt trete ich zurück. „Anzug” brüllt und zerrt an der Not­bremse. Doch die ist unerbittlich.

Plötz­lich werde ich auf den zusätz­li­chen Text über der Bremse aufmerksam:

Bei Not­brem­sung im Tun­nel erfolgt der Still­stand des Zuges erst nach Ein­fahrt in die nächste Station.”

Ver­ständ­nis­los und immer noch ver­wirrt, tapse ich zum Ende des Wagens zurück und lasse mich auf den Sitz fallen. Der Junge schaut mich eben­falls ver­wirrt und fra­gend an. Ich schüt­tele den Kopf und zucke mit den Schultern.

Ich weiß nicht, was das soll”, denke ich. Was nun? Welche Mög­lich­kei­ten blei­ben uns noch?

Der Zug wird kein biß­chen langsamer. Die graue Wand. Die Fahrgeräusche. Das Quiet­schen der Räder auf den Schienen. Der Fahrtwind. Alles dröhnt in mei­nen Ohren. Resigniert starre ich vor mich hin und ver­sinke in wir­ren Gedanken.

Was ist, wenn wir immer so weiterfahren? Oder wer­den wir irgend­wann, irgendwo zum Ste­hen kommen? Was pas­siert dann mit uns?

Als meine Gedan­ken mich wie­der frei­ge­ben, sind wir mitt­ler­weile über eine Stunde unterwegs. Das Gebrüll und Gekeife des adret­ten Herrn hat wie­der nachgelassen. Resignation macht sich auf sei­ner Miene breit. Auch die ande­ren star­ren fas­sungs­los und teil­weise bedrückt. Die Dis­kus­sio­nen sind vor­erst verschoben. Man brü­tet in sich hinein.

Nur der Junge erscheint ver­hält­nis­mä­ßig unbeeindruckt. Er hat sich dem Grau zugewandt. Seine Hal­tung drückt Nach­denk­lich­keit aus. Ich erkenne dies am Spie­gel­bild sei­nes Gesichts im Fenster. Hat er womög­lich wie­der eine Idee? Können wir Hoff­nung schöpfen?

Wor­über den­ken Sie nach?”, frage ich ihn vorsichtig.

Wie?”

Er dreht sich zu mir, als hätte ich ihn aus den Gedan­ken aufgeschreckt.

Was haben Sie gerade über­legt?”, ver­su­che ich es noch einmal.

Ach so. Ent­schul­di­gen Sie”, sagt er verlegen.

Schon, okay.”

Mir ist etwas auf­ge­fal­len”, setzt er an. „Und zwar an unse­rer Position.”

Wie soll ich das ver­ste­hen?, frage ich verständnislos.

Na ja, spü­ren Sie es nicht?”

Was denn?”

Die Lage des Zuges”, erwi­dert er. Ich stehe auf dem Schlauch. Ich weiß nicht, wor­auf er hin­aus möchte und schaue ihn stirn­run­zelnd an.

Na ja, ver­ste­hen Sie nicht. Wäh­rend der Fahrt wir­ken doch die Kräfte der Bewe­gung auf die Mit­fah­ren­den. Und man spürt hier einen leich­ten Druck nach links, als ob der Zug durch eine Rechts­kurve fährt.” Nun fällt es mir auch auf. Der Junge hat recht. Ohne sicht­bare Bezugs­punkte, wie eben in einem U-Bahn-Tunnel üblich, ach­tet man nicht unbe­dingt auf diese Bewe­gun­gen, doch ich spüre schwach die­sen leich­ten Zug oder Druck nach links. Die Flieh­kraft, die auf­tritt, wenn man in eine Kurve fährt.

Stimmt”, sage ich, „ich kann es auch spü­ren. Und?”

Na ja, die­sen Ein­druck habe ich schon die ganze Zeit, als ob wir tat­säch­lich im Kreis fah­ren”, mut­maßt der Junge.

In einem sehr gro­ßen Kreis, denn die Kraft ist nicht sehr stark”, ent­gegne ich.

Genau.”

Also, doch eine War­te­schleife”, schluß­fol­gere ich.

Nicht ganz. Eher eine Wartespirale.” Mein Gesicht­aus­druck in die­sem Moment, muß wohl so ver­dat­tert aus­se­hen, daß der junge Mann unver­mit­telt lachen muß. Andere schauen fra­gend zu uns herüber.

Oh, ich glaube, ich sollte mich wohl doch etwas deut­li­cher aus­drü­cken”, lächelt er. „Ich habe nicht nur den Ein­druck, wir beschrei­ben eine sehr weite Kurve. Ich werde auch das Gefühl nicht los, daß wir dabei auch leicht nach unten fah­ren. Der Zug scheint ein wenig nach vorn geneigt zu sein.” Er macht eine bedeu­tungs­volle Pause und erwar­tet wohl ein Zei­chen des Ver­ste­hens von mir.

Nur sehr lang­sam wird mir bewußt, was er meint. „Wir fah­ren nach unten”, sage ich vorsichtig. Er nickt. „Und wir beschrei­ben eine weite Kurve”, füge ich hinzu. Er nickt. Dann ver­voll­stän­digt er: „Dies ergibt logi­scher­weise auto­ma­tisch eine Spirale.” Verunsichert schaue ich auf den Boden des Wagens vor mir.

Das würde ja bedeu­ten, wir wer­den kon­ti­nu­ier­lich — quasi — in die Tiefe „geschraubt”, sage ich mit auf­blü­hen­dem Entsetzen.

Genau”, erwi­dert der Stu­dent ruhig. Er möchte wohl wei­ter­spre­chen, doch dazu kommt er nicht. Der Mann mit dem Anzug mischt sich in die­sem Augen­blick unver­blümt in unser Gespräch. „Was quatscht Ihr bei­den da?”, fletscht er heraus. Seine Kra­watte zer­stört nun das zuvor adrette Erscheinungsbild. Sie bau­melt halb geöff­net vor sei­nem blü­ten­wei­ßen Hemd. Der obere Knopf des­sen ist geöffnet. Kleine Schweiß­per­len sit­zen höh­nisch auf sei­ner Stirn und unter­strei­chen den begin­nen­den Zer­fall sei­ner Fassade. Sein Auf­tre­ten steht sowieso im Wider­spruch zu sei­nem Äußeren.

Was ist?”, trö­tet er her­vor, um mei­nen Ein­druck zu bestätigen. Ich öffne den Mund, um etwas zu ant­wor­ten, dann lasse ich es und drehe mich bit­tend zu dem jun­gen Mann. Mit ver­ste­hen­dem Kopf­ni­cken, gibt er die Antwort: „Wir haben uns gerade gefragt, wo wohl die nette Zug­be­glei­tung abge­blie­ben ist, die uns mit ihrem Ser­vier­wa­gen fri­sche Getränke und Snacks vor­bei­brin­gen könnte. Die wären nun ganz nützlich.” Frech grin­send ver­paßt er „Anzug” einen Verweis. Diesem feh­len die Worte. Entrüstet kehrt er stumm an sei­nen Steh­platz bei der Tür zurück. Der Junge zwin­kert mir zu. Ich bin baff, aber erleichtert. Die ältere Frau gegen­über, die diese Situa­tion mit­be­kom­men hatte, bestä­tigt eben­falls mit einem Kopfnicken.

Danke”, füge ich hinzu.

Keine Ursa­che”, sagt der Junge.

Was sol­len wir nun unter­neh­men?”, frage ich unsicher.

Über diese Frage mache ich mir bereits seit eini­ger Zeit Gedan­ken”, meint er.

Doch wird es dar­auf wohl so schnell keine ver­nünf­tige Ant­wort geben.” Ein wenig ent­täuscht schaue ich ihn an. Wahr­schein­lich hatte ich im Stil­len die Hoff­nung, er wüßte viel­leicht einen Aus­weg aus unse­rer Lage. Ich zucke wie­der mit den Schul­tern und Schwei­gen ersetzt unsere kurze Unterhaltung.

Plötz­lich setzt sich die ältere Dame uns gegenüber. „Ihr beide wißt doch ‚was!?”, sagt sie leise, neigt dabei ihren Kopf nach vorn und blickt ein wenig kon­spi­ra­tiv von unten herauf. Ihr Alter könnte man leicht auf Mitte Vier­zig schätzen. Nicht unbe­dingt modisch, jedoch ordent­lich geklei­det und mit Ihrem rot­blon­den, leicht zer­zaus­ten schul­ter­lan­gen Haar, wirkt sie sehr sympathisch. Ihre Gesichts­züge sind freund­lich, stel­len­weise jedoch auch ein wenig mystisch. Besonders in den Augen schim­mert ein geheim­nis­vol­ler Glanz. Im Gegen­satz zu den ande­ren Fahr­gäs­ten, die ich flüch­tig betrach­tet habe, macht sie noch einen sehr gefaß­ten Ein­druck, trotz unse­rer selt­sa­men Lage.

Ich glaube, ich meine, wir glau­ben”, sage ich und zeige auf den jun­gen Mann neben mir, „wir glau­ben, daß die­ser Zug die ganze Zeit in einer Art Spi­rale immer tie­fer fährt.” Ihre Augen und ihr Mund ver­ra­ten Ungläubigkeit.

Das is’ doch nich’ Euer Ernst!”, sagt sie, „Ihr wollt mich veräppeln.”

Nein, nein”, setzt der Stu­dent dazwi­schen. „Wir glau­ben zu spü­ren, wie der Zug sich in einer leich­ten Kurve nach unten bewegt.” Ihre Stirn zieht sich über der Nase kraus und sie schaut uns abwech­selnd schwei­gend an. Es sieht fast so aus, als wolle sie zwei unge­zo­ge­nen Jun­gen sogleich eine Stand­pre­digt halten.

Ihr seid nich’ bei Trost, oder!?”, meint sie. „Wie soll’n das gehen?”

Das wis­sen wir auch nicht, doch ist es genau das, was wir bemerkt haben”, beharrt der junge Mann. Sie schaut uns nach­denk­lich an, dann sagt sie lang­sam: „Hm, das würde erklä­ren, warum’s hier drin’ immer wär­mer wird. Das is’ doch so, wenn man immer tie­fer in die Erde geht, nicht wahr!?” In der Tat. Daß es wär­mer wurde in der letz­ten Zeit, hatte ich auch bereits wahr­ge­nom­men. Ich maß die­sem Umstand jedoch keine Bedeu­tung bei. Doch damit wäre zumin­dest unsere „Theo­rie” gestützt, daß wir uns nach unten bewegen.

Jungs”, bricht sie plötz­lich her­vor, „Wir müs­sen „was unter­neh­men. So geht’s nich’ weiter.” Sie schlägt sich mit den Hän­den auf die Ober­schen­kel. Wir sind zwar ver­dutzt, doch direkt ange­spornt, durch ihren unver­mit­tel­ten Tatendrang.

Wir soll­ten es noch ein­mal mit der Wech­sel­sprech­an­lage pro­bie­ren”, meint der junge Mann. „An jeder Tür ist eine. Wir soll­ten zumin­dest alle ausprobieren.”

Okay”, sage ich. Wir drei sprin­gen auf und bege­ben uns zu den nächs­ten Türen. Die ande­ren Fahr­gäste bli­cken neu­gie­rig hoch. Wir pro­bie­ren es an allen Sprechanlagen. Als wir alle durch haben, tre­ten wir wie­der zusammen.

Na?”, fragt die ältere Frau.

Nichts!”, sage ich resigniert. Auch der Stu­dent schüt­telt den Kopf.

Na, gut. Dann las­sen wir uns „was and’res einfallen.”

Die Not­bremse funk­tio­niert auch nicht. Was bleibt uns da noch?”, gebe ich zurück.

Wir soll­ten ver­su­chen mit den Fahr­gäs­ten im nächs­ten Wagen Kon­takt auf­zu­neh­men”, sagt der Junge.

Ja, viel­leicht wis­sen die ja mehr”, sagt die Frau.

Wie wol­len wir das bewerk­stel­li­gen?”, frage ich zweifelnd. Kurzes Schwei­gen. Die Frau sieht sich um.

In Hol­ly­wood, sprin­gen die Hel­den immer aufs Dach und spa­zie­ren drauf ‚rum”, meint sie. Dabei macht sie mit den Hän­den eine Geste, die Klet­tern andeu­ten soll. Dann äfft sie das geduckte Balan­cie­ren auf einem fah­ren­den Zug nach, wie es in den Fil­men gerne dar­ge­stellt wird. Sie sieht unfrei­wil­lig komisch aus und ich muß ein wenig schmunzeln.

Das ist im Film. Ich bezweifle, daß so etwas in Wirk­lich­keit funk­tio­niert. Und wenn, ist es sicher gefähr­lich”, sage ich, „Und im wirk­li­chen Leben kann man eine miß­lun­gene Szene nicht wiederholen.”

Na ja, zumin­dest soll­ten wir diese Mög­lich­keit nicht außer Acht las­sen”, kon­tert der junge Mann.

Na gut, nur wie sol­len wir denn dort hin­auf kom­men?”, frage ich und zeige gegen die Decke. Wir schauen alle hoch und schweigen.

Na, durch die Tür, ihr Schlau­meier, was sonst”, sagt die Frau auf ein­mal und geht auf eine der Türen zu. Dort gibt es, wie an ande­ren auch, einen Hebel, der es ermög­li­chen soll, eine Tür auch manu­ell zu öffnen. Ich lese die Auf­schrift: „Nothe­bel. Zum Öffnen der Tür nach unten zie­hen. Miß­brauch strafbar.” Auch hier wie­der die ein­deu­tige Warnung.

Wer bremst, verliert!”

All das erscheint mir mit einem Mal so unwirklich. Wie in einem allzu rea­lis­ti­schen Traum. Ich schließe die Augen und hoffe im Stil­len, auf­zu­wa­chen, wenn ich sie öffne und alles ist wie­der normal. Doch die Hoff­nung stirbt sofort, nach­dem sich das Bild vor mei­nen Augen nicht ver­än­dert hat. Wie durch einen Schleier, beob­achte ich, wie der Junge und die ältere Frau sich an dem Nothe­bel zu schaf­fen machen. Er legt die Hand an und zieht.

Zuerst pas­siert nichts.

Doch plötz­lich ertönt ein durch­drin­gen­der Knall, dem ein lau­tes Zischen folgt. Einige der Fahr­gäste schreien erschro­cken auf. Man­che kom­men vor­sich­tig näher, um zu sehen, was wir hier tun. Auch „Anzug” reiht sich in die kleine Gruppe ein. Argwöhnisch stiert er her.

Das bringt doch auch nichts. Wollt Ihr etwa absprin­gen?”, kom­men­tiert er mit einem sar­kas­ti­schen Grinsen. Doch nie­mand ant­wor­tet ihm, nie­mand beach­tet ihn. Er ver­stummt. Das Grin­sen versiegt.

Der Junge und die Frau kral­len ihre Fin­ger in den Spalt zwi­schen den Tür­hälf­ten und begin­nen mit aller Kraft zu ziehen. Nur ganz lang­sam scheint sich die Tür zu öffnen. Sofort wird es lauter. Der Fahrt­wind und gele­gent­li­ches Quiet­schen der Räder auf den Schie­nen dringt herein. Die graue Wand scheint nur dar­auf gewar­tet zu haben, daß jemand die Tür öffnet. Sie scheint sich eben­falls durch die Öffnung ins Innere zu drängen. Zumindest wird einem die­ser Ein­druck ver­mit­telt, da nun keine Tür mehr vor dem schnell vor­bei­zie­hen­den Beton schützt. Sie ist ver­dammt nah.

Erschro­cken und respekt­voll wei­che ich zurück. Immer wie­der huschen Lam­pen und Vor­sprünge vorbei. Eine schlimme Ahnung kommt in mir hoch. Da paßt nie­mals ein Mensch zwi­schen die Wand und die Außen­seite des Zuges. Wie soll da jemand auf das Dach gelangen? Der Junge ver­sucht vor­sich­tig hin­aus­zu­spä­hen und sein Gesichts­aus­druck bestä­tigt meine Befürchtungen. Ich sehe nur wie er den Kopf schüttelt. Die Frau will sich selbst davon über­zeu­gen und sieht eben­falls hinaus. Doch auch sie muß ihre Hollywood-Fantasie vor­erst begraben. Etwas betrippst kom­men beide zu mir herüber.

Hm, ist ganz schön eng”, sagt der junge Mann grimmig.

Was nun?”, frage ich müde. Beide sehen mich schwei­gend an. Die Wan­gen­mus­keln des Jun­gen tre­ten hervor.

Ich probier’s trotz­dem”, sagt er entschlossen.

Das ist Wahn­sinn”, ver­su­che ich ihn umzustimmen.

Laß uns lie­ber noch drü­ber nach­den­ken”, erwi­dert die Frau. Der Junge blickt ver­bis­sen drein.

Was sol­len wir hier rum­sit­zen und grü­beln”, meint er.

Das bringt uns nicht wei­ter. Die Sprech­an­lage funk­tio­niert nicht. Mög­li­cher­weise ist der Fah­rer ja bewußt­los oder gar tot.” Er wirft einen kur­zen Blick zur Tür. „Wir müs­sen etwas unter­neh­men. Ich werde ver­su­chen in den nächs­ten Wagen zu gelan­gen. Viel­leicht bekom­men wir eine Ant­wort dar­auf, was hier tat­säch­lich los ist. Viel­leicht funk­tio­niert dort die Sprechanlage.”

Das sind mir zu viele ‚viel­leicht’”, ent­gegne ich. „Zu unbe­stimmt, um sich in Gefahr zu brin­gen. Wir soll­ten lie­ber unsere Köpfe benut­zen und einen ande­ren Weg finden.” Der Junge sieht mich ein­dring­lich an und wirkt, als sei er nur schwer davon abzu­brin­gen raus­zu­klet­tern und den Hel­den zu spielen.

Was sol­len wir denn Eurer Mei­nung nach tun? Seht Ihr denn Alter­na­ti­ven? Ich nicht”, hält er dagegen. „Ich gehe jetzt da raus.” Entschlossen geht er auf die offene Tür zu.

Viel­leicht war’s ja doch nich’ so ‚ne gute Idee”, sagt die Frau und hält den Jun­gen am Arm fest.

Das ist der ein­zig ver­nünf­tige Weg”, meint er ruhig. Sie läßt ihn resi­gniert los.

Das ver­nünf­tigste wäre, die­sen Weg noch mal zu über­den­ken”, ver­su­che ich eben­falls ihn davon abzuhalten. Doch er scheint nicht dar­auf zu hören. Vorsicht späht er durch den manns­brei­ten Tür­spalt und sucht wahr­schein­lich eine Mög­lich­keit zum Hochklettern.

Ja, dort, knapp über der Tür ist eine Strebe. An die­ser müßte ich mich hoch­zie­hen kön­nen”, sagt er plötzlich. „Der Abstand zwi­schen Dach und Ober­lei­tung scheint aus­rei­chend zu sein.”

Ver­stört schaue ich aus der Öffnung auf die vor­bei­ra­sende graue Wand. Auf ein­mal werde ich auch wie­der der durch das Öffnen der Tür gestei­ger­ten Geräu­sche gewahr. Irgendwie hatte das Unter­be­wußt­sein diese zuvor ausgeblendet. Eine Art Schutzmechanismus? Die Vor­stel­lung dort hin­aus­zu­stei­gen und auf das Dach zu klet­tern, läßt mir einen Schauer über den Rücken laufen. Angstvoll starre ich den jun­gen Mann an. Er schaut zurück und lächelt unverhofft.

Das wird schon klap­pen. Drückt mir die Daumen.” Er zieht sein Militär-Hemd aus und drückt es der Frau in die Hand. Diese wagt den wohl letz­ten Ver­such, ihn umzustimmen. „Junge, laß es blei­ben. Du wirst Dich umbringen.” Der Glanz in ihren Augen ist leicht verblaßt.

Keine Sorge”, beru­higt er und stellt sich knapp an den Rand der Tür. Die Frau sieht mich ent­setzt an. Ich zucke bedau­ernd mit den Schultern. Im Stil­len hoffe ich, daß der Junge etwas erreicht. Doch groß ist diese Hoff­nung nicht.

Er hält sich an der Tür fest und setzt vor­sich­tig einen Fuß außen auf ein vor­ste­hende Leiste. Sofort ergreift der Fahrt­wind gie­rig seine Haare und sein T-Shirt.

Wer bremst, verliert!”

Ich bemerke, wie sich ein Kloß in mei­ner Kehle ausbreitet. Ich schlu­cke krampfhaft. Ich schaue mich um und sehe wie ein Groß­teil der ande­ren Fahr­gäste uns ver­schreckt beobachtet. Niemand wagt es näher zu kommen. Niemand sagt ein Wort. Niemand ver­sucht einzugreifen. Im Grunde sind wir drei die ein­zi­gen in die­sem Zug.

Der Junge hält einen Augen­blick inne und fixiert die Strebe über der Tür. Er scheint abzu­schät­zen, wie er sie am bes­ten errei­chen kann, um dann in einer guten Posi­tion zum hoch­klet­tern zu sein. Bevor er es end­gül­tig wagt, sieht er abwech­selnd zu uns her­über und nickt. So, als wolle er uns sagen: „Macht Euch keine Sorgen.”

Dann wird sein Aus­druck ernst und entschlossen. Er setzt zum Sprung an. Nun pas­siert alles gleichzeitig.

Ich sehe es wie­der, als liefe es hun­dert Mal lang­sa­mer ab.

Er springt.
Gleich­zei­tig schießt ein grauer Mau­er­vor­sprung heran.
Gleich­zei­tig ertönt ein durch­drin­gen­der klat­schen­der Laut.
Gleich­zei­tig ver­schwin­det der Junge aus der Tür­öff­nung.
Gleich­zei­tig färbt sich der Mau­er­vor­sprung dun­kel­rot.
Dann ver­schwin­det auch dieser.

Was bleibt? Die Türöffnung. Die graue Wand. Ab und zu ein paar graue Vor­sprünge und Lampen. Das Quiet­schen und Rauschen.

Die Frau sieht mich ent­setzt an. Der Glanz kehrt in ihre Augen zurück. Doch die­ser Glanz birgt nicht die geheim­nis­volle Aura. Dieser Glanz erfüllt die Augen, um sich hoff­nungs­los dar­aus zu ergießen. Sie steht wie ange­wur­zelt und weint lautlos.

Die ande­ren star­ren auf die Öffnung, wo zuvor der Junge war. Nun ist er fort.Niemand weiß, wohin. Niemand hat es gewagt ihn aufzuhalten. Niemand kannte sei­nen Namen. Niemand weiß, was nun geschieht.

Sie ver­tei­len sich wie­der im Zug. Jeder flüch­tet in seine eigene Resignation.

Ich bleibe zurück. Soll es das wirk­lich schon gewe­sen sein? Was wer­den wir nun tun? Sollen wir uns nun alle Trüb­sal bla­send ins Unge­wisse wei­ter­fah­ren lassen? Doch auch ich sehe keine Lösung für das Dilemma. Uns bleibt wohl nichts ande­res übrig, als Warten.

Warten. Auf was? Auf wen? Wie lange?

Schnell zie­hen Mau­er­vor­sprünge und ab und zu Lam­pen an der offe­nen Tür vorbei. Nun gelangt das Geräusch, das sie dabei machen, an meine Ohren. Es klingt, als würde uns die graue Wand auslachen. Irgendwer beginnt leise zu wei­nen. Ich glaube, es ist die junge Frau, die mich vor­hin ein­dring­lich gebe­ten hatte, die Not­bremse zu ziehen. Verzweiflung. Trauer.

Ich setze mich auf den nächst­bes­ten Platz. Ich schließe die Augen. Ich werde warten. Warten bis zur Endstation.

Wer bremst, verliert.

Meinungen

  1. Ich habe die Geschichte mit Span­nung gelesen.Wüßte aber gerne wo die Fahrt endet.

    — Eva Kaufhold , 25. März 2009

  2. Dar­über habe ich mir ehr­lich gesagt beim Schrei­ben wenig Gedan­ken gemacht. Im Grunde eigent­lich nir­gends.
    Viel­leicht ist das auch der Kern der Geschichte, dass wir uns oft im Leben in einer Spi­rale bewe­gen, die man nicht auf­hal­ten kann. Und sich dage­gen auf­leh­nen oder anhal­ten meist das Ende bedeu­tet.
    Ziem­lich düs­ter, ich weiß, aber als ich das schrieb war ich in einer ent­spre­chen­den Stim­mung.
    Zum Glück ist das nicht meine Grundhaltung. ;)

    — CFK , 22. April 2009

  3. Das Ende gefällt mir!

    — Oliver , 28. November 2010

  4. Nice ;)

    — Dominik , 28. November 2010