Parttime Blues

Die Dämmerung quetschte sich gerade durch die Lamellen der Jalousie, als mein Schädel mir zubrüllte, dass es Zeit war wach zu werden. Ich war im ersten Augenblick orientierungslos, doch dann ließ mein alkoholgeschwängertes Gehirn eine blaße Erinnerung an den gestrigen Abend frei.

Vorsichtig drehte ich meinen Kopf – zumindest glaubte ich, dass es meiner war – und sah im Halbdunkel Deine weißen Schultern. Sie wirkten fremd, passten einfach nicht in diese Szene.

„Regisseur! Cut! Neue Einstellung!“ Doch es schien alles nach Drehbuch zu laufen. Niemand gab das Zeichen „Alles auf Anfang“. Mein Regisseur im Kopf blieb jedoch lautstark und mahnte mich aufzustehen. Ein morgendliches Bedürfnis forderte Aufmerksamkeit. Nein. Zu früh! Einsatz verpasst. Doch wieder kein Abbruch der Szene.

Widerwillig und lahmarschig schälte ich mich aus dem Bett. Nun wußte ich, dass das alles kein schlechter Film war. Mein Kopf kämpfte gegen die Schwerkraft und sämtliche Innereien wollten gleichzeitig zurück in die Horizontale. Träge Masse. Scheiße! Die Blase lag mal wieder unter dem müden Haufen aus Eingeweiden. Ich schaffte es tatsächlich auf die Beine ohne zu kotzen. Eisern blieb das gestern Konsumierte – mehr Flüssiges, denn Festes – auch unten.

Ich schleppte dieses marode Wrack von Körper ins Bad, wo ich mich gar nicht erst als Mann fühlen wollte und eben als Maus im Sitzen mein Geschäft erledigte. Das war auch gut, denn so konnte sich die innere Plage wieder abregen. Ich hatte die Augen erstmal wieder geschlossen. Hinterher war mir nicht klar, wie lange ich hier döste, doch vorher war das Badezimmer noch nicht rot. Hatte jemand heimlich das Bad streichen lassen?

Hallo, aufwachen, schallt ich mich diesmal selbst. Ich sah mich um. Okay, keine Farbe. Nur die olle Morgensonne.
„Wann hatte ich das letzte Mal einen Sonnenaufgang live erlebt?“, schoss es mir durch die Birne. Doch zu heftig. Der Regisseur brüllte wieder. „Scheiss auf die Sonne. Steh auf. Klatsch‘ Dir mal kaltes Wasser in die Visage und begib Dich unter die Lebenden.“

„Halt’s Maul!“, krächzte ich halblaut. Aus dem Schlafzimmer säuselte ein zarter Laut herein.

„So nun hast Du sie geweckt“, raunzte der Regisseur, „das stand nicht im Drehbuch.“

„Schnauze!“, schrie ich zurück. Im Geiste. Nicht gut. Der Regisseur hatte noch die Oberhand über den Zellklumpen, den er steuerte. Leise wankte ich zur Tür und lauschte. Zwischen Meeresrauschen und Vogelgezwitscher – mein Arzt nannte es Tinnitus – vernahm ich Deinen ruhigen Atem. Du schliefst noch. Gut so.

Irgendwie hatte das Anschreien meines Treibers doch was gebracht. Die Bewegungen bei einer Katzenwäsche waren schon stabiler. Mittlerweile war es im Bad auch schon hell genug, dass mir es leider nicht erspart blieb mein Gesicht im Spiegel zu sehen. War es wirklich meins?

Die Frage hatte ich mir schon zu oft gestellt. „Wie kannst Du Dir das nur antun?“, fragte ich. Doch mein Spiegelbild wartete auch auf die Antwort, denn es hatte mir die gleiche Frage gestellt. Ich zuckte mit den Schultern und ließ es dabei. Hatte kein Lust mit mir selbst zu diskutieren. Endete nur im Streit. Danach mochte ich mich wieder und ging gemeinsam einen trinken. Also, was soll’s?!

Zurück im Schlafzimmer hatte ich nun die Wahl. Wieder ins Bett oder Frühstück. Ich mußte nicht lange überlegen, denn mein Magen entschied lautstark für Nummer zwei. So leise ich meine steifen Knochen knirschen konnte, streifte ich mir die Hose über. Der unnachahmliche Duft von Kneipe stieg mir dabei in die Nase und ließ eine abgedrehte Szene Revue passieren. Meine Galle gluckste ein wenig. Ich hasste den Gestank von kaltem Rauch in den Klamotten, obwohl ich aus dem Hals bestimmt gut mithalten konnte. Doch da mußte ich jetzt durch. An der frischen Luft würde es ein bisschen verfliegen und ich wollte Dich nicht wecken, auf der Suche nach frischen Kleidern.

Als ich zu gehen bereit war, schickte ich Dir noch einen letzten Blick. Mein Magen tönte wieder, doch diesmal kam’s von tiefer drinnen. Dich so sanft da liegen zu sehen, zeugte von einer Ruhe und Erhabenheit, die so streng im Kontrast zu meinem Leben stand, dass es manchmal schmerzt. Wieso darf ich bei Dir sein?

Dich gestern wieder so auf der Tanzfläche zu beobachten, von der Theke aus. Wie vor fast drei Jahren.
Du tanztest allein mit geschlossenen Augen. Irgendwie wirktest Du wie von einer anderen Welt. Obwohl das Parkett rappelvoll war, stießt Du niemanden an. Eine Aura umschloss Dich, gab Dir diesen Glanz. Diese Unnahbarkeit.
Du warst vollkommen anders, als all die anderen. Das spürte ich damals schon. Was es war, hatte ich bis heute nicht erfahren. Gestern schien es auch wieder so. Nur, gestern bemerkte ich die anderen Männer, die Dir zusahen. Sie betrachteten Dich anders als ich. Gieriger. Sie wollten Dich. Aber anders als ich es wollte. Ich ahnte von Anfang an, dass Du was besonderes warst. Deshalb konnte ich Dich auch nicht ansprechen. Du hattest es getan.

Als die Musik eine Pause einlegte, transformiertest Du in meine Welt. Kamst zur Theke direkt auf mich zu. Du schautest mir tief in die Augen. Unsere Blicke explodierten förmlich, als sie aufeinander stießen. Du sagtest nur „ein Glas Wasser“. Und Du wußtest, dass ich es Dir besorgen würde. Gestern brauchtest Du nichts zu sagen. Deine Aura ist so stark wie eh und je. Unnahbar.

Du hattest mich ausgesucht. Warum gerade mich? Vielleicht weil ich Dich nicht dumm angemacht hatte? Wie die anderen? Ich haßte sie dafür. Aber ich verstand sie auch. Doch gehörst Du jetzt zu mir? Diese Frage stellte ich mir auch schon seit drei Jahren. Die Antworten mussten warten. Der Regisseur rief zur neuen Einstellung.

„Steh‘ nicht so dämlich rum. Raus mit Dir. Lass‘ sie schlafen, du Trampel.“

Gerne hätte ich Dich zum Abschied noch geküsst. Doch wollte ich Dich wirklich nicht wecken. Draußen vor der Tür gab ich dem Regisseur den Kick. Die frische Luft legte ihn lahm. Das Morgenlicht traktierte meine Augen, doch die frische Luft tat mir gut. Zeit für eine Kippe. Ich steckte mir eine zerknautsche Zigarette an, die ich in meiner Jeansjacke fand, nahm einen tiefen Zug und hustete den ganzen Dreck wieder raus. Wahrscheinlich war der Antreiber darunter, denn von da an hörte ich nichts mehr von ihm.

Ich stakste die Straße Richtung Bahnhof hinunter. Es war noch wenig los auf den Strassen. Die Sonne schien zwar, doch hier und da waren ein paar schwere Wolken unterwegs, die vom Herbst kündeten. Der frische Wind unterschrieb meinen Eindruck. Kurz vorm Bahnhof kam ich an der Trinkhalle vorbei. In dem Kasten hinter der Scheibe, saß eine verschrumpelte Rosine mit Flaschenböden auf der Nase. Als er sah, dass ich auf ihn zuging, öffnete er unvermittelt und glotzte erwartungsvoll.

Ich ließ mir ein neues Päckchen geben und zahlte mit einem großen Schein. Mißmutig starrte der Vertrocknete auf die Patte.

„Okay, dann gib mir noch das Käseblatt dazu“, und ich deutete auf den Stapel Zeitungen direkt vor seiner Nase.

„Is‘ von gestern“, quäkte er.

„Egal, gib schon her.“ Er murrte etwas, als er mir das Wechselgeld auszählte und klappte das Fenster prompt wieder zu. Ich zuckte mit den Schultern, verstaute die Kippen und stapfte weiter. Soll er unter seines Gleichen bleiben. Schon bald würde ein Haufen Tagediebe um die Barracke stehen und sich ein paar Bierchen schieben.

Im Gehen warf ich einen Blick auf die Schlagzeilen, die wahrscheinlich schon gestern alt waren. Ich blieb an ein paar fetten Buchstaben hängen, die bei näherer Betrachtung lauteten: „Immer mehr Teilzeitarbeit“.

Sofort kamst Du mir in den Sinn. Wieso ausgerechnet bei Teilzeitarbeit? Bin ich eine Teilzeitliebe für Dich? Bin ich nicht auch ein Tagedieb? Siehst Du mich schon als Rosine hinter dickem Glas Bierflaschen und Kippen verkaufen?

Scheiße. Du hattest mich ausgesucht. Du brauchtest mich, um Dir die anderen Schnarchnasen vom Leib zu halten.
Aber wieso seit drei Jahren?

Ja, wir hatten eine Menge Spaß miteinander. Immer noch. Nur die Nächte in den Kneipen und Discos waren anders. Tagsüber warst Du ein liebes Mädel, dass man einfach gern haben musste. Nachts warst Du unnahbar. Auch für mich.

Wer bist Du? Wer bin ich? So wird das nicht weitergehen. Nicht wahr?

Als ich am Eingang zum Bahnhof stand, in Gedanken versunken, hatte ich so ein seltenes Gefühl von Klarheit. Doch meist war so etwas bei mir nicht von Dauer. Ich drehte mich um und sah die Stadt hinter der die Sonne aufging, die so langsam zu Leben begann. Das blecherne Blut pulsierte schon und immer mehr Menschen strömten chaotisch durcheinander.

In dem Moment wuchs ein Gefühl des Abschieds in mir. Einfach ein Ticket kaufen. Irgendwohin. Weit weg. Alles hinter sich lassen. Die Stadt. Die Trinkhalle. Die Rosine. Die Wolken. Dich.

Ja. Das sollte ich tun. Endlich raus und wissen, wohin ich gehörte. Ich würde Dich vermissen. Ich würde Dich schnell vergessen. Würdest Du mich vermissen? Tagsüber vielleicht. Nachts nie.

Entschlossen ging ich in die Halle. Eine kleine Schlange hatte sich hinter dem einzigen besetzten Ticketschalter gebildet. Die restlichen waren leer. „Teilzeitarbeit“, kam mir in den Sinn. Ich schnickte die alten Nachrichten in einen Prospektständer, der dabei gefährlich ins Schwanken geriet. Auf einem Prospekt sah man junge Leute, die an einem See auf einem Bootssteg saßen.
Stimmt, Norwegen oder Finnland oder Schweden. Da wollte ich schon immer mal hin.
Die Schlange rückte vorwärts und zog mich mit. Hinter mir standen ebenfalls schon wieder zwei. Ich überlegte. Wo sollte ich hin? Ich hatte noch nicht mal Gepäck.

Ach, scheisse. Wer braucht schon Gepäck. Wird alles überbewertet. In Norwegen gibt’s auch Klamotten zu kaufen. Meine Kreditkarte wird eine Zeitlang halten, dann würde ich mir einen Job suchen. Die hatten bestimmt auch Trinkhallen in Norwegen. Man müsste noch nicht einmal die Sprache können. Zeitung, Ziggis und Saufen versteht jeder.

„Junger Mann?“ Verträumt blickte ich hoch. „Was wünschen Sie?“, sagte die Beamtin am Schalter. Waren Bahnbedienstete noch Beamte? Egal. „Bitteschön?!“ Ich war dran. Was sollte ich tun? War ich wirklich bereit einfach zu gehen?

Die Tante musterte mich ernst von allen Seiten. „Wenn Sie sich noch nicht entschieden haben, könnte ich vielleicht die Schlange hinter Ihnen bedienen. Oder?!“ Hatte ich mich nicht schon entschieden? Für was eigentlich?

Ich nickte langsam und verließ die Schaltertheke. Blitzschnell rückte ein Laffe im Businessdress auf und strafte mich mit verächtlichem Blick. Okay, ich war nicht gerade für die Gala gekleidet, doch was bildete der sich ein. Empört ging ich nach draußen. Die Stadt empfing mich wieder. Sollte ich doch bleiben?

Untentschlossen stand ich da, während andere an mir vorbei hechteten und die Zeit erstmal ohne mich weiterlief. Ja, alles kam ohne mich aus. Ich war nur Statist in meinem eigenen Leben. Die Hauptrollen spielten andere. Womöglich würde ich bis zu meinem Ende ein B-Movie-Statist bleiben. Und auch diesmal ließ ich wahrscheinlich eine große Rolle sausen.
„Aber hauptsache dabei“, murmelte ich zu mir selbst, „ja, ich komme wieder zu Dir. Dieses eine Mal. Ich spiele die Rolle zu Ende und dann lasse ich mich für was neues casten.“ So blieb es dabei. Für dieses Mal. Für immer?

Tagsüber warst Du Teil meines Lebens. Nachts war ich noch nicht mal Teil Deines Lebens.

Es wird Herbst. Bald.
Dann werden die Tage kürzer.

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