The Old Truck

Ich bin alt. Ich erblickte 1952 das Licht der Welt. Glaube ich. Ich hatte meine Zeit. Vor langer Zeit. Ich erinnere mich schon nicht mehr daran.

Man brauchte mich. Ich war immer stark und kraftvoll. Ich arbeitete jeden Tag, den ganzen Tag. Niemals wurde ich müde. Niemals beklagte ich mich darüber. Sie waren stolz auf mich.
Doch irgendwann kamen die Jungen. Sie waren besser. Das ist fast immer so. Ich nahm es ohne Verbitterung und doch bedeutete dies das Ende. Ein langsames und schleichendes Ende.

Ich habe keine Schmerzen. Auch wenn vieles nicht mehr intakt ist, manches bereits entfernt und ausgetauscht. Viel schlimmer ist es für mich, dass man sich einfach nicht mehr an mich erinnert. Ich merke das. Niemand kommt mehr zu mir und erfreut sich an meinem Anblick. Niemand braucht mehr meine Kraft, meine unermüdliche Energie. Ich habe keine Kraft mehr, keine Energie. Man hat mich verlassen. Ich bin einsam.

Ich bin alt.

Doch vor einiger Zeit hörte ich sie über mich reden. Man erzählte von mir und meiner Zeit. Von damals. Hatte man mich doch nicht vergessen? Würden sie wiederkommen und mich wieder brauchen?
Ich konnte nicht verstehen, worüber sie noch sprachen, warum sie über mich sprachen. Vielleicht wollten Sie mich holen, um mich endgültig wegzubringen. Dann war es auch schon wieder vorbei. Und sie kamen nicht, um mich zu holen. Um mich zu brauchen. Es schien, als wären es nur kleine Erinnerungen an früher gewesen.

Eines Tages jedoch, bemerkte ich seine Anwesenheit. Er bahnte sich seinen Weg zu mir. Durch all das Gestrüpp, das mich seit ewiger Zeit zugewuchert hatte. Wie dieser Prinz, der Dornröschen befreite. Eine Geschichte, die sie ihren Kindern erzählten.

Mit lautem Getöse wurde es licht um mich herum. Ich bekam zuerst Angst, man würde mich nun doch holen und mich für immer fortbringen.
Nach und nach fielen die mannshohen Unkrautstauden und lagen schnell verdorrend in weitem Umkreis um mich herum. Und da merkte ich, wie er mich voller Neugier, Interesse und Begeisterung anschaute. Ich erinnere mich nicht mehr daran, wann mich zuletzt jemand so betrachtete. Ich spürte, dass er es ernst mit mir meinte und seit vielen Jahren überkam mich erneut der alte Stolz, doch noch gebraucht zu werden.
Als er ging, dachte ich zuerst, sein Interesse sei bereits erloschen. Wie beim letzten Mal. Doch irgendwie wusste ich auch, dass dies nur der Anfang von etwas war, das ich noch nicht erahnen konnte.

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Am nächsten Tag kam er wieder. Und er brachte seine Freunde mit. Sie lachten und schienen ebenso begeistert und fasziniert von mir, dass ich vor Spannung und Freude kaum denken konnte. Sie blieben mehrere Stunden. Sie saßen und standen auf mir, kletterten in mich hinein, lehnten entspannt an mir und manchmal streichelten sie sogar fast zärtlich mein altes, rostiges Gerippe.
Ein anderer fotografierte sie. Und mich. Das war mehr als ich je hätte erträumen können. Sie würden diese Bilder anderen zeigen. Und mich.

Als sie dann gingen, wusste ich, dass sie wiederkommen würden und womöglich sogar andere. Sie interessierten sich wieder für mich.
Ich bin alt. Aber sie brauchen mich.

Bandshooting mit PackEis

Meinungen

  1. Netter Text, tolle Bilder. Man merkt, dass Du Talent hast!

    — Ismirworscht , 22. Juli 2012

    • Danke. 🙂

      — CFK , 23. Juli 2012