Manchmal lässt die Welt Dich einfach stehen.

Die Welt dreht sich. Und wir mit ihr. Gemeinsam. Mit Fremden. Mit Freunden. Mit denen, die Du liebst. Mal dreht sie sich schneller. Mal langsamer. Stetig.

Doch plötzlich kommt der Moment, da lässt sie Dich einfach stehen. Abrupt! Minuten. Stunden. Tage.

Jahre.

Alles. Alle ziehen an Dir vorbei. Bemerken gar nicht, warum Du stehst. Einige. Wenige halten kurz inne, um Dir die Hand zu reichen. Weinend. Doch auch sie drehen sich weiter. Und Du bleibst zurück.

Still.

In dieser Stille bist Du allein. Die Welt verschwimmt in der Hast. Du fragst Dich, warum Du stehen musst. Und dann spürst Du den Moment des Schmerzes, der Dir klarmacht, dass Du nur weiterziehen darfst, wenn Du Dich verabschiedest. Von jenen, die Du liebst.

Du fragst. Du schreist. Doch niemand gibt Dir eine Antwort darauf.

Der Schmerz frisst Dich. Die Einsamkeit. Die Stille.

Aber Du spürst, dass Du weiter musst. Irgendwann. Irgendwie. Allein.

Manchmal bleiben einige stehen, um Dich an die Hand zu nehmen. Manchmal helfen Sie Dir ein Stück. Wenn Du bereit dazu bist. Das ist der Augenblick, in dem ein Teil von Dir zurückbleiben wird.

Den Schmerz nimmst Du mit. Die Erinnerung. Die Gedanken. Du sehnst Dir die Zeit herbei, die niemals war. Denkst immer an den Moment der Stille.

Und an jenes, das Du zurücklassen musstest.

Parttime Blues

Die Dämmerung quetschte sich gerade durch die Lamellen der Jalousie, als mein Schädel mir zubrüllte, dass es Zeit war wach zu werden. Ich war im ersten Augenblick orientierungslos, doch dann ließ mein alkoholgeschwängertes Gehirn eine blaße Erinnerung an den gestrigen Abend frei.

Vorsichtig drehte ich meinen Kopf – zumindest glaubte ich, dass es meiner war – und sah im Halbdunkel Deine weißen Schultern. Sie wirkten fremd, passten einfach nicht in diese Szene.

„Regisseur! Cut! Neue Einstellung!“ Doch es schien alles nach Drehbuch zu laufen. Niemand gab das Zeichen „Alles auf Anfang“. Mein Regisseur im Kopf blieb jedoch lautstark und mahnte mich aufzustehen. Ein morgendliches Bedürfnis forderte Aufmerksamkeit. Nein. Zu früh! Einsatz verpasst. Doch wieder kein Abbruch der Szene.

Widerwillig und lahmarschig schälte ich mich aus dem Bett. Nun wußte ich, dass das alles kein schlechter Film war. Mein Kopf kämpfte gegen die Schwerkraft und sämtliche Innereien wollten gleichzeitig zurück in die Horizontale. Träge Masse. Scheiße! Die Blase lag mal wieder unter dem müden Haufen aus Eingeweiden. Ich schaffte es tatsächlich auf die Beine ohne zu kotzen. Eisern blieb das gestern Konsumierte – mehr Flüssiges, denn Festes – auch unten.

Ich schleppte dieses marode Wrack von Körper ins Bad, wo ich mich gar nicht erst als Mann fühlen wollte und eben als Maus im Sitzen mein Geschäft erledigte. Das war auch gut, denn so konnte sich die innere Plage wieder abregen. Ich hatte die Augen erstmal wieder geschlossen. Hinterher war mir nicht klar, wie lange ich hier döste, doch vorher war das Badezimmer noch nicht rot. Hatte jemand heimlich das Bad streichen lassen?

Hallo, aufwachen, schallt ich mich diesmal selbst. Ich sah mich um. Okay, keine Farbe. Nur die olle Morgensonne.
„Wann hatte ich das letzte Mal einen Sonnenaufgang live erlebt?“, schoss es mir durch die Birne. Doch zu heftig. Der Regisseur brüllte wieder. „Scheiss auf die Sonne. Steh auf. Klatsch‘ Dir mal kaltes Wasser in die Visage und begib Dich unter die Lebenden.“

„Halt’s Maul!“, krächzte ich halblaut. Aus dem Schlafzimmer säuselte ein zarter Laut herein.

„So nun hast Du sie geweckt“, raunzte der Regisseur, „das stand nicht im Drehbuch.“

„Schnauze!“, schrie ich zurück. Im Geiste. Nicht gut. Der Regisseur hatte noch die Oberhand über den Zellklumpen, den er steuerte. Leise wankte ich zur Tür und lauschte. Zwischen Meeresrauschen und Vogelgezwitscher – mein Arzt nannte es Tinnitus – vernahm ich Deinen ruhigen Atem. Du schliefst noch. Gut so.

Irgendwie hatte das Anschreien meines Treibers doch was gebracht. Die Bewegungen bei einer Katzenwäsche waren schon stabiler. Mittlerweile war es im Bad auch schon hell genug, dass mir es leider nicht erspart blieb mein Gesicht im Spiegel zu sehen. War es wirklich meins?

Die Frage hatte ich mir schon zu oft gestellt. „Wie kannst Du Dir das nur antun?“, fragte ich. Doch mein Spiegelbild wartete auch auf die Antwort, denn es hatte mir die gleiche Frage gestellt. Ich zuckte mit den Schultern und ließ es dabei. Hatte kein Lust mit mir selbst zu diskutieren. Endete nur im Streit. Danach mochte ich mich wieder und ging gemeinsam einen trinken. Also, was soll’s?!

Zurück im Schlafzimmer hatte ich nun die Wahl. Wieder ins Bett oder Frühstück. Ich mußte nicht lange überlegen, denn mein Magen entschied lautstark für Nummer zwei. So leise ich meine steifen Knochen knirschen konnte, streifte ich mir die Hose über. Der unnachahmliche Duft von Kneipe stieg mir dabei in die Nase und ließ eine abgedrehte Szene Revue passieren. Meine Galle gluckste ein wenig. Ich hasste den Gestank von kaltem Rauch in den Klamotten, obwohl ich aus dem Hals bestimmt gut mithalten konnte. Doch da mußte ich jetzt durch. An der frischen Luft würde es ein bisschen verfliegen und ich wollte Dich nicht wecken, auf der Suche nach frischen Kleidern.

Als ich zu gehen bereit war, schickte ich Dir noch einen letzten Blick. Mein Magen tönte wieder, doch diesmal kam’s von tiefer drinnen. Dich so sanft da liegen zu sehen, zeugte von einer Ruhe und Erhabenheit, die so streng im Kontrast zu meinem Leben stand, dass es manchmal schmerzt. Wieso darf ich bei Dir sein?

Dich gestern wieder so auf der Tanzfläche zu beobachten, von der Theke aus. Wie vor fast drei Jahren.
Du tanztest allein mit geschlossenen Augen. Irgendwie wirktest Du wie von einer anderen Welt. Obwohl das Parkett rappelvoll war, stießt Du niemanden an. Eine Aura umschloss Dich, gab Dir diesen Glanz. Diese Unnahbarkeit.
Du warst vollkommen anders, als all die anderen. Das spürte ich damals schon. Was es war, hatte ich bis heute nicht erfahren. Gestern schien es auch wieder so. Nur, gestern bemerkte ich die anderen Männer, die Dir zusahen. Sie betrachteten Dich anders als ich. Gieriger. Sie wollten Dich. Aber anders als ich es wollte. Ich ahnte von Anfang an, dass Du was besonderes warst. Deshalb konnte ich Dich auch nicht ansprechen. Du hattest es getan.

Als die Musik eine Pause einlegte, transformiertest Du in meine Welt. Kamst zur Theke direkt auf mich zu. Du schautest mir tief in die Augen. Unsere Blicke explodierten förmlich, als sie aufeinander stießen. Du sagtest nur „ein Glas Wasser“. Und Du wußtest, dass ich es Dir besorgen würde. Gestern brauchtest Du nichts zu sagen. Deine Aura ist so stark wie eh und je. Unnahbar.

Du hattest mich ausgesucht. Warum gerade mich? Vielleicht weil ich Dich nicht dumm angemacht hatte? Wie die anderen? Ich haßte sie dafür. Aber ich verstand sie auch. Doch gehörst Du jetzt zu mir? Diese Frage stellte ich mir auch schon seit drei Jahren. Die Antworten mussten warten. Der Regisseur rief zur neuen Einstellung.

„Steh‘ nicht so dämlich rum. Raus mit Dir. Lass‘ sie schlafen, du Trampel.“

Gerne hätte ich Dich zum Abschied noch geküsst. Doch wollte ich Dich wirklich nicht wecken. Draußen vor der Tür gab ich dem Regisseur den Kick. Die frische Luft legte ihn lahm. Das Morgenlicht traktierte meine Augen, doch die frische Luft tat mir gut. Zeit für eine Kippe. Ich steckte mir eine zerknautsche Zigarette an, die ich in meiner Jeansjacke fand, nahm einen tiefen Zug und hustete den ganzen Dreck wieder raus. Wahrscheinlich war der Antreiber darunter, denn von da an hörte ich nichts mehr von ihm.

Ich stakste die Straße Richtung Bahnhof hinunter. Es war noch wenig los auf den Strassen. Die Sonne schien zwar, doch hier und da waren ein paar schwere Wolken unterwegs, die vom Herbst kündeten. Der frische Wind unterschrieb meinen Eindruck. Kurz vorm Bahnhof kam ich an der Trinkhalle vorbei. In dem Kasten hinter der Scheibe, saß eine verschrumpelte Rosine mit Flaschenböden auf der Nase. Als er sah, dass ich auf ihn zuging, öffnete er unvermittelt und glotzte erwartungsvoll.

Ich ließ mir ein neues Päckchen geben und zahlte mit einem großen Schein. Mißmutig starrte der Vertrocknete auf die Patte.

„Okay, dann gib mir noch das Käseblatt dazu“, und ich deutete auf den Stapel Zeitungen direkt vor seiner Nase.

„Is‘ von gestern“, quäkte er.

„Egal, gib schon her.“ Er murrte etwas, als er mir das Wechselgeld auszählte und klappte das Fenster prompt wieder zu. Ich zuckte mit den Schultern, verstaute die Kippen und stapfte weiter. Soll er unter seines Gleichen bleiben. Schon bald würde ein Haufen Tagediebe um die Barracke stehen und sich ein paar Bierchen schieben.

Im Gehen warf ich einen Blick auf die Schlagzeilen, die wahrscheinlich schon gestern alt waren. Ich blieb an ein paar fetten Buchstaben hängen, die bei näherer Betrachtung lauteten: „Immer mehr Teilzeitarbeit“.

Sofort kamst Du mir in den Sinn. Wieso ausgerechnet bei Teilzeitarbeit? Bin ich eine Teilzeitliebe für Dich? Bin ich nicht auch ein Tagedieb? Siehst Du mich schon als Rosine hinter dickem Glas Bierflaschen und Kippen verkaufen?

Scheiße. Du hattest mich ausgesucht. Du brauchtest mich, um Dir die anderen Schnarchnasen vom Leib zu halten.
Aber wieso seit drei Jahren?

Ja, wir hatten eine Menge Spaß miteinander. Immer noch. Nur die Nächte in den Kneipen und Discos waren anders. Tagsüber warst Du ein liebes Mädel, dass man einfach gern haben musste. Nachts warst Du unnahbar. Auch für mich.

Wer bist Du? Wer bin ich? So wird das nicht weitergehen. Nicht wahr?

Als ich am Eingang zum Bahnhof stand, in Gedanken versunken, hatte ich so ein seltenes Gefühl von Klarheit. Doch meist war so etwas bei mir nicht von Dauer. Ich drehte mich um und sah die Stadt hinter der die Sonne aufging, die so langsam zu Leben begann. Das blecherne Blut pulsierte schon und immer mehr Menschen strömten chaotisch durcheinander.

In dem Moment wuchs ein Gefühl des Abschieds in mir. Einfach ein Ticket kaufen. Irgendwohin. Weit weg. Alles hinter sich lassen. Die Stadt. Die Trinkhalle. Die Rosine. Die Wolken. Dich.

Ja. Das sollte ich tun. Endlich raus und wissen, wohin ich gehörte. Ich würde Dich vermissen. Ich würde Dich schnell vergessen. Würdest Du mich vermissen? Tagsüber vielleicht. Nachts nie.

Entschlossen ging ich in die Halle. Eine kleine Schlange hatte sich hinter dem einzigen besetzten Ticketschalter gebildet. Die restlichen waren leer. „Teilzeitarbeit“, kam mir in den Sinn. Ich schnickte die alten Nachrichten in einen Prospektständer, der dabei gefährlich ins Schwanken geriet. Auf einem Prospekt sah man junge Leute, die an einem See auf einem Bootssteg saßen.
Stimmt, Norwegen oder Finnland oder Schweden. Da wollte ich schon immer mal hin.
Die Schlange rückte vorwärts und zog mich mit. Hinter mir standen ebenfalls schon wieder zwei. Ich überlegte. Wo sollte ich hin? Ich hatte noch nicht mal Gepäck.

Ach, scheisse. Wer braucht schon Gepäck. Wird alles überbewertet. In Norwegen gibt’s auch Klamotten zu kaufen. Meine Kreditkarte wird eine Zeitlang halten, dann würde ich mir einen Job suchen. Die hatten bestimmt auch Trinkhallen in Norwegen. Man müsste noch nicht einmal die Sprache können. Zeitung, Ziggis und Saufen versteht jeder.

„Junger Mann?“ Verträumt blickte ich hoch. „Was wünschen Sie?“, sagte die Beamtin am Schalter. Waren Bahnbedienstete noch Beamte? Egal. „Bitteschön?!“ Ich war dran. Was sollte ich tun? War ich wirklich bereit einfach zu gehen?

Die Tante musterte mich ernst von allen Seiten. „Wenn Sie sich noch nicht entschieden haben, könnte ich vielleicht die Schlange hinter Ihnen bedienen. Oder?!“ Hatte ich mich nicht schon entschieden? Für was eigentlich?

Ich nickte langsam und verließ die Schaltertheke. Blitzschnell rückte ein Laffe im Businessdress auf und strafte mich mit verächtlichem Blick. Okay, ich war nicht gerade für die Gala gekleidet, doch was bildete der sich ein. Empört ging ich nach draußen. Die Stadt empfing mich wieder. Sollte ich doch bleiben?

Untentschlossen stand ich da, während andere an mir vorbei hechteten und die Zeit erstmal ohne mich weiterlief. Ja, alles kam ohne mich aus. Ich war nur Statist in meinem eigenen Leben. Die Hauptrollen spielten andere. Womöglich würde ich bis zu meinem Ende ein B-Movie-Statist bleiben. Und auch diesmal ließ ich wahrscheinlich eine große Rolle sausen.
„Aber hauptsache dabei“, murmelte ich zu mir selbst, „ja, ich komme wieder zu Dir. Dieses eine Mal. Ich spiele die Rolle zu Ende und dann lasse ich mich für was neues casten.“ So blieb es dabei. Für dieses Mal. Für immer?

Tagsüber warst Du Teil meines Lebens. Nachts war ich noch nicht mal Teil Deines Lebens.

Es wird Herbst. Bald.
Dann werden die Tage kürzer.

Endstation

Ich sehe von meiner Lektüre auf und schaue leicht irritiert aus dem Fenster. Wir fahren noch und draußen zieht die schmutzige graue Wand des U-Bahn-Tunnels vorbei.

Es kommt mir vor, als sei seit der letzten Station sehr viel Zeit vergangen. Normalerweise liegen die Stationen nicht so weit auseinander. Oder war ich durch das Lesen abgelenkt? Ich vergesse darüber häufig die Zeit.

Ich sehe mich im Wagen um. Ich bin wohl nicht der einzige, dem auffiel, daß die nächste Haltestelle überfällig erscheint. Es ist die Endstation für diesen Zug. Manche schauen nervös auf die Uhr.

Wurde die Station denn schon angesagt? Ich kann mich bewußt nicht daran erinnern. Auch ich schaue auf die Uhr. Sie zeigt 15:53. Hatte der Zug zwischenzeitlich gehalten, ohne daß ich es bemerkt habe? Na ja, wir werden sicher jeden Moment einfahren.

Mein Blick wandert durch den Wagen. Diesmal fahren nicht so viele Leute mit, wie sonst um diese Zeit. Ein paar Geschäftsleute, Studenten, Hausfrauen. Jung und alt. Die meisten sind sicher auf dem Weg nach Hause. So, wie ich.

Dieser Zug endet am Hauptbahnhof, wo manche in andere Gefährte umsteigen. So, wie ich.

Heute werden manche ihren Anschluß verpassen. So, wie ich.

Ein Mann mir gegenüber schaut leicht verärgert auf die Uhr und murmelt etwas Unverständliches. Er trägt einen dunklen Anzug und eine stilvolle Krawatte auf weißem Hemd. Er steht auf und geht zu einer der Türen des Zugwagens. Wieder sieht er auf die Uhr und schüttelt den Kopf.

Wir fahren immer noch. Immer noch gibt es keine Ansage der Haltestelle. Immer noch keine Durchsage vom Fahrer.
Immer noch bewegt sich der Zug an der nicht endenwollenden grauen Betonwand entlang.

Langsam werde ich unruhig. Bekomme das Gefühl, daß irgend etwas nicht stimmt. Ich sehe ebenfalls noch einmal auf meine Uhr: 15:57.

Vier Minuten sind seit meinem ersten Blick auf den Zeitmesser vergangen. Davor waren wir bereits mindestens fünf Minuten seit dem letzten Halt unterwegs. So lange braucht der Zug nun wahrlich nicht, um die Strecke zwischen der letzten Haltestelle und der Endstation zu überwinden. Schon gar nicht bei dieser Geschwindigkeit, die sich in den letzten Minuten auch nicht merklich verändert hat.

Ich blicke erneut aus dem Fenster. Der graue Beton. Ab und zu schwirrt ein Mauervorsprung oder eine Lampe vorbei. Blaß und durchsichtig blickt mein Gesicht aus dem Fenster zurück.

Nun werden auch andere Fahrgäste unruhig. Manche beginnen zu diskutieren. Eine ältere Frau schräg gegenüber ruft: „Hat jemand ’ne Ahnung, was hier los is‘? Warum hält der Zug nich‘?“
Niemand gibt ihr eine Antwort. Niemand kann ihr eine Antwort geben. Niemand weiß, was hier los ist. Manche schauen sie an und schütteln den Kopf oder zucken unwissend mit den Schultern.

Grimmige und verängstigte Gesichter. Aus dem Hintergrund höre ich, wie jemand witzelt: „Vermutlich ist der Hauptbahnhof überfüllt und die lassen uns kreisen, bis ein Gleis frei wird.“ Verhaltenes Lachen. Leichtes Lächeln.

Einige scheinen sich genau dies vorzustellen und beruhigen sich ein wenig. „Wird schon so was sein“, sagt der junge Mann neben mir. Ich schaue ihn fragend an.

„Na ja, daß die uns hier in einer Warteschleife fahren lassen, oder so was.“

„Warten muß man doch dauernd“, fügt er hinzu.

„Na ja, ich weiß nicht“, sage ich.

Mein Gefühl sagt mir, daß so etwas nicht sein kann. Ich fahre schon lange, fast jeden Tag, mit der U-Bahn, doch von einer „Warteschleife“ habe ich noch nichts mitbekommen. Man wartet höchstens auf die Einfahrt in die Station. Naturgemäß steht dabei der Zug.

Ich schaue wieder auf die Uhr. 16:02. Fast 15 Minuten, sind wir nun unterwegs. „Wohin?“, kommt es mir in den Sinn. Die Stationen können unmöglich so weit auseinander liegen. Also, wohin werden wir gefahren?

Ich stehe auf und bewege mich in Fahrtrichtung zum anderen Ende des Wagens. Dort befindet sich eine Fahrerkabine. Dies ist einer der Züge, dessen Wagen allesamt als Triebwagen fungieren können. Die Wand, die den kleinen Raum für den Fahrer vom Fahrgastraum trennt, ist meist aus verdunkeltem Glas.

Dort angekommen, versuche ich durch diese Scheibe nach vorn zu sehen. Doch leider ist alles sehr dunkel. Ich kann noch nicht einmal den Wagen vor mir erkennen.

Ich gehe zurück zum Ende des Wagens, welcher auch der letzte ist. Ich sitze immer im Letzten, da er näher beim Ausgang zum Stehen kommt, den ich nehme, wenn ich meinen Anschlußzug rechtzeitig erreichen möchte. Auch dort ist eine Fahrerkabine. Dies ist schon eine geniale Lösung: jeder Wagen eines Zuges kann in beide Richtungen als Triebwagen verwendet werden. Ich versuche hier ebenfalls durch die dunkle Scheibe zu blicken. Doch auch diesmal ist kein Lichtschein auszumachen. Der Tunnel hinter dem Zug ist nicht einzusehen.

Was geht hier vor? Ein unbestimmtes mulmiges Gefühl erfaßt mich.

Die Unruhe unter den anderen Mitfahrern steigert sich deutlich. Manche schimpfen lautstark. Andere schauen nervös auf das vorbeirauschende Grau hinter den Scheiben. Die Frau, die zuvor die Frage stellte, schimpft: „Warum gibt der Fahrer nich‘ mal ’n Kommentar ab? Die lassen uns hier immer schmor’n, wenn ‚was nich‘ stimmt.“

Der Fahrer. Natürlich. An den Türen gibt es doch Rufknöpfe mit Wechselsprechanlage zum Fahrer. Die sollte man mal benutzen. Dann klärt sich womöglich alles.

Ich gehe zur Tür, an der der gut gekleidete Herr mit Anzug steht. Er flucht leise vor sich hin. Ich drücke den Knopf unter dem deutlich „Fahrerruf“ zu lesen steht. „Oh, Mann, das ist mal eine glänzende Idee. Daß ich da nicht drauf gekommen bin“, sagt der Mann im Anzug und lächelt mir entgegen. „Ja, vielleicht hilft’s ja“, sage ich. Doch ich bemerke in meiner Stimme wenig Zuversicht. Mein Gefühl sagt mir, daß dies nichts bringen wird.

Bei gedrücktem Knopf beuge ich mich zur gelochten Platte hinunter, hinter der ich die Wechselsprechelektronik vermute.

„Hallo?“, sage ich, „Hallo? Kann mich jemand hören?“ Nichts. Nur ein leichtes Rauschen, das sich mit dem Fahrgeräusch vermischt.

„Hallo!“, sage ich noch einmal etwas lauter. Ich warte.

„Verdammt noch mal, warum meldet sich denn niemand?“, brüllt der Mann im Anzug plötzlich, der sich zur Sprechmuschel hinüber gebeugt hat. Ich schaue ihn wohl leicht pikiert an, denn er zuckt mit den Schultern und sagt: „Na ja, Entschuldigung. Man sollte halt nicht zu zaghaft mit solchen Leuten reden. Die denken doch sowieso man kann es mit uns machen.“
„Ich sehe das anders“, sage ich, „Aber, wenn Sie der Meinung sind, damit weiter zu kommen als ich. Bitte!“ Ich zeige auf die Sprechanlage, entferne mich und überlasse ihm die weitere Initiative. Innerlich ahne ich bereits, daß der Versuch vergeblich ist, mit dem Fahrer Kontakt aufzunehmen. „Oh, der Herr gibt aber leicht auf“, frotzelt „Anzug“. Er brüllt danach noch zweimal die Lochplatte an. Dann gibt er ebenfalls auf und flucht wieder leise vor sich hin.

Ich setze mich wieder an meinen Platz. Mittlerweile sitzt kaum noch jemand. Ich überlege, was man tun könnte. Warten. Abspringen.

„Vielleicht sollte man die Notbremse ziehen“, höre ich durch meine Grübeleien. Es ist der junge Mann neben mir. Er sieht aus wie ein Student. Zumindest so, wie ich mir einen Studenten vorstelle. Aus seinen Augen fällt ein neugieriger und durchaus intelligenter Blick auf mich. Er trägt eine etwas ausgeleierte khakifarbene Jeanshose, ein olivgrünes Hemd, Revoluzzer-Look a la Che Guevara. Ganz nach dem aktuellen Mode-Hype. Darunter prangt auf einem grauen T-Shirt der Spruch „wer bremst, verliert!“. Sehr passend!

„Wie, bitte?“, frage ich.

„Na ja, ich meine ja nur. Die Notbremse ist doch für Notfälle. Und dies ist doch ein Notfall, nicht wahr!?“

Na klar. Das ist es. Ich lächele ihn an. „Gute Idee“, antworte ich. Er lächelt ebenfalls. Dann stehe ich auf und hebe die Hände.

„Alle mal herhören“, versuche ich mir Aufmerksamkeit zu verschaffen. Niemand reagiert. Fast alle Mitfahrer diskutieren, schimpfen und fluchen. Keiner von denen erkennt bislang ein ernsthaftes Problem an der Situation.

„Hören Sie mir bitte zu“, rufe ich etwas lauter, um die Stimmen und die Fahrgeräusche zu übertönen. Einige drehen sich um. Andere reagieren verzögert. Doch schon bald hört man nur noch die Geräusche des Zuges, wie er mit unverminderter Geschwindigkeit durch den scheinbar endlosen Tunnel donnert und rattert.

„Danke. Bitte setzen Sie sich alle hin und halten sich fest, wir versuchen den Zug mit der Notbremse zu stoppen. Vielleicht erreichen wir so den Fahrer oder können zu Fuß zur nächsten Station laufen.“ Ein zustimmendes und teilweise erleichtertes Stimmengewirr erhebt sich plötzlich. Aus manchen Ecken ertönen Bestätigungen meines Vorschlags.

„Ja. Natürlich.“

„hätte man auch drauf kommen können“

„So naheliegend“

Die meisten Leute setzen sich wieder. Andere bleiben stehen und halten sich fest. So auch „Anzug“, der mich abschätzend anschaut, als wolle er damit andeuten, ich solle mich nicht als Helden hier aufspielen. Habe ich auch nicht vor. Ich will nur endlich raus hier. Und vor allem erfahren, was denn los ist.

Die anderen sehen mir nach, als ich mich ungefähr in die Mitte des Zuges begebe, wo der Hebel für die Notbremse angebracht ist. Der rote Metallgriff ist mit einer kleinen Bleiperle verplombt. Darüber hängt auch ein Nothammer, mit dem man die Scheiben einschlagen kann, wenn dies notwendig erscheint. Auf der Notbremse lese ich den Text „Handgriff nur bei Gefahr ziehen. Mißbrauch wird bestraft.“ Ich zögere.

Die Warnung ist deutlich. Befinden wir uns in Gefahr? Wann ist man in einem U-Bahn-Zug in Gefahr? Genaugenommen fahren wir im Moment nur scheinbar endlos im U-Bahn-Tunnel spazieren, ohne irgendwo zu halten.

„Was ist los? Nun ziehen Sie schon“, höre ich hinter mir jemanden sagen. Ich drehe mich um und blicke in die erwartungsvollen und ängstlich wirkenden Augen einer jungen Frau.

„Ich will hier raus“, setzt sie flehend hinzu. Ich wende mich wieder der Notbremse zu, die mich durch ihre Farbe und den eindringlichen Text regelrecht davor warnt, zu ziehen.

„Wer bremst, verliert“

Zögernd erfasse ich den Griff. Dabei fällt mein Blick auf die Uhr: 16:18. Mittlerweile befinden wir uns rund 30 Minuten in diesem Abschnitt des U-Bahn-Systems, in diesem dunklen, grauen Tunnel ohne Ende. Was passiert nachdem der Zug gestoppt wurde? Wohin sollen wir laufen? Zurück? Nach vorn? Was ist, wenn wir auch zu Fuß im Tunnel verbleiben und keine Station uns endlich freigibt? Hier im Wagen ist es wenigstens hell. Im Tunnel kommen wir ohne Licht vermutlich kaum vorwärts.
Und überhaupt, es wimmelt da draußen womöglich von ekelerregendem Getier. Ratten. Kakerlaken.

Ich erschaudere.

Ich fürchte mich vor den Konsequenzen, die sich ergeben, wenn ich mit Gewalt diesen Zug stoppe. Plötzlich will ich es gar nicht mehr tun. Warum zieht keiner der anderen Fahrgäste daran? Warum ich? Warum zieht denn in den anderen Wagen niemand an einem dieser Griffe? Außerdem befinden wir uns doch nicht in direkter Gefahr.

Rüde werde ich in meinen Gedanken unterbrochen, als „Anzug“ mich zur Seite drängt. „Worauf warten Sie, Mann. Daß man sie höflich darum bittet?“, sagt er schroff. Er faßt entschlossen nach dem Griff.

Als er daran zieht, erscheint mir alles wie in Zeitlupe, obwohl dies nur in wenigen Sekundenbruchteilen vonstatten geht.

Ich sehe, wie der Draht mit der Bleiplombe sich langsam dehnt. Dann spannt sich die Schlaufe, als wolle die Plombe den Vorgang mit aller Kraft verhindern. Eine winzige Verschnaufpause vor dem Unvermeidlichen.

Plötzlich bricht die Bleiperle auf. Der Widerstand ist gebrochen. Der Griff bewegt sich langsam nach unten. Immer weiter schiebt sich der Stift aus dem Gehäuse der Bremse. Schmierig grau vom Fett, das die Führung des Griffs erleichtern soll. Bevor der Stift ganz aus der Bremse gezogen werden kann, blockiert dieser und verharrt endgültig in dieser Position.

Unwillkürlich halte ich mich fest, in Erwartung einen starken Ruck zu spüren, der aufgrund der unverzüglichen Vollbremsung des Zuges auftreten wird. Gleichzeitig schließe ich die Augen. Vielleicht kann ich ja damit der nun folgenden Ungewißheit entfliehen.

Ich weiß nicht wieviel Zeit vergangen ist, als ich vorsichtig wieder die Augen öffne. Was war passiert?

Nichts. Wir fahren immer noch. Irritiert schaue ich den Mann im Anzug an.
Dieser steht fassungslos da. Er öffnet den Mund, um scheinbar wieder irgendeinen Fluch zu versprühen. Doch er bleibt stumm. Sein Mund schließt sich.

Mit plötzlich heraufbrechender Wut erfaßt er wieder den Griff und zieht wie ein verrückt gewordener Affe daran. Nun ist auch seine Stimme wieder zu hören. „Verdammtes Scheißding. Warum bremst Du nicht?“

Entsetzt sehen mich die übrigen Leute an, als sei ich daran Schuld, daß der Zug immer noch fährt. Wie betäubt trete ich zurück. „Anzug“ brüllt und zerrt an der Notbremse. Doch die ist unerbittlich.

Plötzlich werde ich auf den zusätzlichen Text über der Bremse aufmerksam:

„Bei Notbremsung im Tunnel erfolgt der Stillstand des Zuges erst nach Einfahrt in die nächste Station.“

Verständnislos und immer noch verwirrt, tapse ich zum Ende des Wagens zurück und lasse mich auf den Sitz fallen. Der Junge schaut mich ebenfalls verwirrt und fragend an. Ich schüttele den Kopf und zucke mit den Schultern.

„Ich weiß nicht, was das soll“, denke ich. Was nun? Welche Möglichkeiten bleiben uns noch?

Der Zug wird kein bißchen langsamer. Die graue Wand. Die Fahrgeräusche. Das Quietschen der Räder auf den Schienen. Der Fahrtwind. Alles dröhnt in meinen Ohren. Resigniert starre ich vor mich hin und versinke in wirren Gedanken.

Was ist, wenn wir immer so weiterfahren? Oder werden wir irgendwann, irgendwo zum Stehen kommen? Was passiert dann mit uns?

Als meine Gedanken mich wieder freigeben, sind wir mittlerweile über eine Stunde unterwegs. Das Gebrüll und Gekeife des adretten Herrn hat wieder nachgelassen. Resignation macht sich auf seiner Miene breit. Auch die anderen starren fassungslos und teilweise bedrückt. Die Diskussionen sind vorerst verschoben. Man brütet in sich hinein.

Nur der Junge erscheint verhältnismäßig unbeeindruckt. Er hat sich dem Grau zugewandt. Seine Haltung drückt Nachdenklichkeit aus. Ich erkenne dies am Spiegelbild seines Gesichts im Fenster. Hat er womöglich wieder eine Idee? Können wir Hoffnung schöpfen?

„Worüber denken Sie nach?“, frage ich ihn vorsichtig.

„Wie?“

Er dreht sich zu mir, als hätte ich ihn aus den Gedanken aufgeschreckt.

„Was haben Sie gerade überlegt?“, versuche ich es noch einmal.

„Ach so. Entschuldigen Sie“, sagt er verlegen.

„Schon, okay.“

„Mir ist etwas aufgefallen“, setzt er an. „Und zwar an unserer Position.“

„Wie soll ich das verstehen?, frage ich verständnislos.

„Na ja, spüren Sie es nicht?“

„Was denn?“

„Die Lage des Zuges“, erwidert er. Ich stehe auf dem Schlauch. Ich weiß nicht, worauf er hinaus möchte und schaue ihn stirnrunzelnd an.

„Na ja, verstehen Sie nicht. Während der Fahrt wirken doch die Kräfte der Bewegung auf die Mitfahrenden. Und man spürt hier einen leichten Druck nach links, als ob der Zug durch eine Rechtskurve fährt.“ Nun fällt es mir auch auf. Der Junge hat recht. Ohne sichtbare Bezugspunkte, wie eben in einem U-Bahn-Tunnel üblich, achtet man nicht unbedingt auf diese Bewegungen, doch ich spüre schwach diesen leichten Zug oder Druck nach links. Die Fliehkraft, die auftritt, wenn man in eine Kurve fährt.

„Stimmt“, sage ich, „ich kann es auch spüren. Und?“

„Na ja, diesen Eindruck habe ich schon die ganze Zeit, als ob wir tatsächlich im Kreis fahren“, mutmaßt der Junge.

„In einem sehr großen Kreis, denn die Kraft ist nicht sehr stark“, entgegne ich.

„Genau.“

„Also, doch eine Warteschleife“, schlußfolgere ich.

„Nicht ganz. Eher eine Wartespirale.“ Mein Gesichtausdruck in diesem Moment, muß wohl so verdattert aussehen, daß der junge Mann unvermittelt lachen muß. Andere schauen fragend zu uns herüber.

„Oh, ich glaube, ich sollte mich wohl doch etwas deutlicher ausdrücken“, lächelt er. „Ich habe nicht nur den Eindruck, wir beschreiben eine sehr weite Kurve. Ich werde auch das Gefühl nicht los, daß wir dabei auch leicht nach unten fahren. Der Zug scheint ein wenig nach vorn geneigt zu sein.“ Er macht eine bedeutungsvolle Pause und erwartet wohl ein Zeichen des Verstehens von mir.

Nur sehr langsam wird mir bewußt, was er meint. „Wir fahren nach unten“, sage ich vorsichtig. Er nickt. „Und wir beschreiben eine weite Kurve“, füge ich hinzu. Er nickt. Dann vervollständigt er: „Dies ergibt logischerweise automatisch eine Spirale.“ Verunsichert schaue ich auf den Boden des Wagens vor mir.

„Das würde ja bedeuten, wir werden kontinuierlich – quasi – in die Tiefe „geschraubt“, sage ich mit aufblühendem Entsetzen.

„Genau“, erwidert der Student ruhig. Er möchte wohl weitersprechen, doch dazu kommt er nicht. Der Mann mit dem Anzug mischt sich in diesem Augenblick unverblümt in unser Gespräch. „Was quatscht Ihr beiden da?“, fletscht er heraus. Seine Krawatte zerstört nun das zuvor adrette Erscheinungsbild. Sie baumelt halb geöffnet vor seinem blütenweißen Hemd. Der obere Knopf dessen ist geöffnet. Kleine Schweißperlen sitzen höhnisch auf seiner Stirn und unterstreichen den beginnenden Zerfall seiner Fassade. Sein Auftreten steht sowieso im Widerspruch zu seinem Äußeren.

„Was ist?“, trötet er hervor, um meinen Eindruck zu bestätigen. Ich öffne den Mund, um etwas zu antworten, dann lasse ich es und drehe mich bittend zu dem jungen Mann. Mit verstehendem Kopfnicken, gibt er die Antwort: „Wir haben uns gerade gefragt, wo wohl die nette Zugbegleitung abgeblieben ist, die uns mit ihrem Servierwagen frische Getränke und Snacks vorbeibringen könnte. Die wären nun ganz nützlich.“ Frech grinsend verpaßt er „Anzug“ einen Verweis. Diesem fehlen die Worte. Entrüstet kehrt er stumm an seinen Stehplatz bei der Tür zurück. Der Junge zwinkert mir zu. Ich bin baff, aber erleichtert. Die ältere Frau gegenüber, die diese Situation mitbekommen hatte, bestätigt ebenfalls mit einem Kopfnicken.

„Danke“, füge ich hinzu.

„Keine Ursache“, sagt der Junge.

„Was sollen wir nun unternehmen?“, frage ich unsicher.

„Über diese Frage mache ich mir bereits seit einiger Zeit Gedanken“, meint er.

„Doch wird es darauf wohl so schnell keine vernünftige Antwort geben.“ Ein wenig enttäuscht schaue ich ihn an. Wahrscheinlich hatte ich im Stillen die Hoffnung, er wüßte vielleicht einen Ausweg aus unserer Lage. Ich zucke wieder mit den Schultern und Schweigen ersetzt unsere kurze Unterhaltung.

Plötzlich setzt sich die ältere Dame uns gegenüber. „Ihr beide wißt doch ‚was!?“, sagt sie leise, neigt dabei ihren Kopf nach vorn und blickt ein wenig konspirativ von unten herauf. Ihr Alter könnte man leicht auf Mitte Vierzig schätzen. Nicht unbedingt modisch, jedoch ordentlich gekleidet und mit Ihrem rotblonden, leicht zerzausten schulterlangen Haar, wirkt sie sehr sympathisch. Ihre Gesichtszüge sind freundlich, stellenweise jedoch auch ein wenig mystisch. Besonders in den Augen schimmert ein geheimnisvoller Glanz. Im Gegensatz zu den anderen Fahrgästen, die ich flüchtig betrachtet habe, macht sie noch einen sehr gefaßten Eindruck, trotz unserer seltsamen Lage.

„Ich glaube, ich meine, wir glauben“, sage ich und zeige auf den jungen Mann neben mir, „wir glauben, daß dieser Zug die ganze Zeit in einer Art Spirale immer tiefer fährt.“ Ihre Augen und ihr Mund verraten Ungläubigkeit.

„Das is‘ doch nich‘ Euer Ernst!“, sagt sie, „Ihr wollt mich veräppeln.“

„Nein, nein“, setzt der Student dazwischen. „Wir glauben zu spüren, wie der Zug sich in einer leichten Kurve nach unten bewegt.“ Ihre Stirn zieht sich über der Nase kraus und sie schaut uns abwechselnd schweigend an. Es sieht fast so aus, als wolle sie zwei ungezogenen Jungen sogleich eine Standpredigt halten.

„Ihr seid nich‘ bei Trost, oder!?“, meint sie. „Wie soll’n das gehen?“

„Das wissen wir auch nicht, doch ist es genau das, was wir bemerkt haben“, beharrt der junge Mann. Sie schaut uns nachdenklich an, dann sagt sie langsam: „Hm, das würde erklären, warum’s hier drin‘ immer wärmer wird. Das is‘ doch so, wenn man immer tiefer in die Erde geht, nicht wahr!?“ In der Tat. Daß es wärmer wurde in der letzten Zeit, hatte ich auch bereits wahrgenommen. Ich maß diesem Umstand jedoch keine Bedeutung bei. Doch damit wäre zumindest unsere „Theorie“ gestützt, daß wir uns nach unten bewegen.

„Jungs“, bricht sie plötzlich hervor, „Wir müssen „was unternehmen. So geht’s nich‘ weiter.“ Sie schlägt sich mit den Händen auf die Oberschenkel. Wir sind zwar verdutzt, doch direkt angespornt, durch ihren unvermittelten Tatendrang.

„Wir sollten es noch einmal mit der Wechselsprechanlage probieren“, meint der junge Mann. „An jeder Tür ist eine. Wir sollten zumindest alle ausprobieren.“

„Okay“, sage ich. Wir drei springen auf und begeben uns zu den nächsten Türen. Die anderen Fahrgäste blicken neugierig hoch. Wir probieren es an allen Sprechanlagen. Als wir alle durch haben, treten wir wieder zusammen.

„Na?“, fragt die ältere Frau.

„Nichts!“, sage ich resigniert. Auch der Student schüttelt den Kopf.

„Na, gut. Dann lassen wir uns „was and’res einfallen.“

„Die Notbremse funktioniert auch nicht. Was bleibt uns da noch?“, gebe ich zurück.

„Wir sollten versuchen mit den Fahrgästen im nächsten Wagen Kontakt aufzunehmen“, sagt der Junge.

„Ja, vielleicht wissen die ja mehr“, sagt die Frau.

„Wie wollen wir das bewerkstelligen?“, frage ich zweifelnd. Kurzes Schweigen. Die Frau sieht sich um.

„In Hollywood, springen die Helden immer aufs Dach und spazieren drauf ‚rum“, meint sie. Dabei macht sie mit den Händen eine Geste, die Klettern andeuten soll. Dann äfft sie das geduckte Balancieren auf einem fahrenden Zug nach, wie es in den Filmen gerne dargestellt wird. Sie sieht unfreiwillig komisch aus und ich muß ein wenig schmunzeln.

„Das ist im Film. Ich bezweifle, daß so etwas in Wirklichkeit funktioniert. Und wenn, ist es sicher gefährlich“, sage ich, „Und im wirklichen Leben kann man eine mißlungene Szene nicht wiederholen.“

„Na ja, zumindest sollten wir diese Möglichkeit nicht außer Acht lassen“, kontert der junge Mann.

„Na gut, nur wie sollen wir denn dort hinauf kommen?“, frage ich und zeige gegen die Decke. Wir schauen alle hoch und schweigen.

„Na, durch die Tür, ihr Schlaumeier, was sonst“, sagt die Frau auf einmal und geht auf eine der Türen zu. Dort gibt es, wie an anderen auch, einen Hebel, der es ermöglichen soll, eine Tür auch manuell zu öffnen. Ich lese die Aufschrift: „Nothebel. Zum Öffnen der Tür nach unten ziehen. Mißbrauch strafbar.“ Auch hier wieder die eindeutige Warnung.

„Wer bremst, verliert!“

All das erscheint mir mit einem Mal so unwirklich. Wie in einem allzu realistischen Traum. Ich schließe die Augen und hoffe im Stillen, aufzuwachen, wenn ich sie öffne und alles ist wieder normal. Doch die Hoffnung stirbt sofort, nachdem sich das Bild vor meinen Augen nicht verändert hat. Wie durch einen Schleier, beobachte ich, wie der Junge und die ältere Frau sich an dem Nothebel zu schaffen machen. Er legt die Hand an und zieht.

Zuerst passiert nichts.

Doch plötzlich ertönt ein durchdringender Knall, dem ein lautes Zischen folgt. Einige der Fahrgäste schreien erschrocken auf. Manche kommen vorsichtig näher, um zu sehen, was wir hier tun. Auch „Anzug“ reiht sich in die kleine Gruppe ein. Argwöhnisch stiert er her.

„Das bringt doch auch nichts. Wollt Ihr etwa abspringen?“, kommentiert er mit einem sarkastischen Grinsen. Doch niemand antwortet ihm, niemand beachtet ihn. Er verstummt. Das Grinsen versiegt.

Der Junge und die Frau krallen ihre Finger in den Spalt zwischen den Türhälften und beginnen mit aller Kraft zu ziehen. Nur ganz langsam scheint sich die Tür zu öffnen. Sofort wird es lauter. Der Fahrtwind und gelegentliches Quietschen der Räder auf den Schienen dringt herein. Die graue Wand scheint nur darauf gewartet zu haben, daß jemand die Tür öffnet. Sie scheint sich ebenfalls durch die Öffnung ins Innere zu drängen. Zumindest wird einem dieser Eindruck vermittelt, da nun keine Tür mehr vor dem schnell vorbeiziehenden Beton schützt. Sie ist verdammt nah.

Erschrocken und respektvoll weiche ich zurück. Immer wieder huschen Lampen und Vorsprünge vorbei. Eine schlimme Ahnung kommt in mir hoch. Da paßt niemals ein Mensch zwischen die Wand und die Außenseite des Zuges. Wie soll da jemand auf das Dach gelangen? Der Junge versucht vorsichtig hinauszuspähen und sein Gesichtsausdruck bestätigt meine Befürchtungen. Ich sehe nur wie er den Kopf schüttelt. Die Frau will sich selbst davon überzeugen und sieht ebenfalls hinaus. Doch auch sie muß ihre Hollywood-Fantasie vorerst begraben. Etwas betrippst kommen beide zu mir herüber.

„Hm, ist ganz schön eng“, sagt der junge Mann grimmig.

„Was nun?“, frage ich müde. Beide sehen mich schweigend an. Die Wangenmuskeln des Jungen treten hervor.

„Ich probier’s trotzdem“, sagt er entschlossen.

„Das ist Wahnsinn“, versuche ich ihn umzustimmen.

„Laß uns lieber noch drüber nachdenken“, erwidert die Frau. Der Junge blickt verbissen drein.

„Was sollen wir hier rumsitzen und grübeln“, meint er.

„Das bringt uns nicht weiter. Die Sprechanlage funktioniert nicht. Möglicherweise ist der Fahrer ja bewußtlos oder gar tot.“ Er wirft einen kurzen Blick zur Tür. „Wir müssen etwas unternehmen. Ich werde versuchen in den nächsten Wagen zu gelangen. Vielleicht bekommen wir eine Antwort darauf, was hier tatsächlich los ist. Vielleicht funktioniert dort die Sprechanlage.“

„Das sind mir zu viele ‚vielleicht'“, entgegne ich. „Zu unbestimmt, um sich in Gefahr zu bringen. Wir sollten lieber unsere Köpfe benutzen und einen anderen Weg finden.“ Der Junge sieht mich eindringlich an und wirkt, als sei er nur schwer davon abzubringen rauszuklettern und den Helden zu spielen.

„Was sollen wir denn Eurer Meinung nach tun? Seht Ihr denn Alternativen? Ich nicht“, hält er dagegen. „Ich gehe jetzt da raus.“ Entschlossen geht er auf die offene Tür zu.

„Vielleicht war’s ja doch nich‘ so ’ne gute Idee“, sagt die Frau und hält den Jungen am Arm fest.

„Das ist der einzig vernünftige Weg“, meint er ruhig. Sie läßt ihn resigniert los.

„Das vernünftigste wäre, diesen Weg noch mal zu überdenken“, versuche ich ebenfalls ihn davon abzuhalten. Doch er scheint nicht darauf zu hören. Vorsicht späht er durch den mannsbreiten Türspalt und sucht wahrscheinlich eine Möglichkeit zum Hochklettern.

„Ja, dort, knapp über der Tür ist eine Strebe. An dieser müßte ich mich hochziehen können“, sagt er plötzlich. „Der Abstand zwischen Dach und Oberleitung scheint ausreichend zu sein.“

Verstört schaue ich aus der Öffnung auf die vorbeirasende graue Wand. Auf einmal werde ich auch wieder der durch das Öffnen der Tür gesteigerten Geräusche gewahr. Irgendwie hatte das Unterbewußtsein diese zuvor ausgeblendet. Eine Art Schutzmechanismus? Die Vorstellung dort hinauszusteigen und auf das Dach zu klettern, läßt mir einen Schauer über den Rücken laufen. Angstvoll starre ich den jungen Mann an. Er schaut zurück und lächelt unverhofft.

„Das wird schon klappen. Drückt mir die Daumen.“ Er zieht sein Militär-Hemd aus und drückt es der Frau in die Hand. Diese wagt den wohl letzten Versuch, ihn umzustimmen. „Junge, laß es bleiben. Du wirst Dich umbringen.“ Der Glanz in ihren Augen ist leicht verblaßt.

„Keine Sorge“, beruhigt er und stellt sich knapp an den Rand der Tür. Die Frau sieht mich entsetzt an. Ich zucke bedauernd mit den Schultern. Im Stillen hoffe ich, daß der Junge etwas erreicht. Doch groß ist diese Hoffnung nicht.

Er hält sich an der Tür fest und setzt vorsichtig einen Fuß außen auf ein vorstehende Leiste. Sofort ergreift der Fahrtwind gierig seine Haare und sein T-Shirt.

„Wer bremst, verliert!“

Ich bemerke, wie sich ein Kloß in meiner Kehle ausbreitet. Ich schlucke krampfhaft. Ich schaue mich um und sehe wie ein Großteil der anderen Fahrgäste uns verschreckt beobachtet. Niemand wagt es näher zu kommen. Niemand sagt ein Wort. Niemand versucht einzugreifen. Im Grunde sind wir drei die einzigen in diesem Zug.

Der Junge hält einen Augenblick inne und fixiert die Strebe über der Tür. Er scheint abzuschätzen, wie er sie am besten erreichen kann, um dann in einer guten Position zum hochklettern zu sein. Bevor er es endgültig wagt, sieht er abwechselnd zu uns herüber und nickt. So, als wolle er uns sagen: „Macht Euch keine Sorgen.“

Dann wird sein Ausdruck ernst und entschlossen. Er setzt zum Sprung an. Nun passiert alles gleichzeitig.

Ich sehe es wieder, als liefe es hundert Mal langsamer ab.

Er springt.
Gleichzeitig schießt ein grauer Mauervorsprung heran.
Gleichzeitig ertönt ein durchdringender klatschender Laut.
Gleichzeitig verschwindet der Junge aus der Türöffnung.
Gleichzeitig färbt sich der Mauervorsprung dunkelrot.
Dann verschwindet auch dieser.

Was bleibt? Die Türöffnung. Die graue Wand. Ab und zu ein paar graue Vorsprünge und Lampen. Das Quietschen und Rauschen.

Die Frau sieht mich entsetzt an. Der Glanz kehrt in ihre Augen zurück. Doch dieser Glanz birgt nicht die geheimnisvolle Aura. Dieser Glanz erfüllt die Augen, um sich hoffnungslos daraus zu ergießen. Sie steht wie angewurzelt und weint lautlos.

Die anderen starren auf die Öffnung, wo zuvor der Junge war. Nun ist er fort.Niemand weiß, wohin. Niemand hat es gewagt ihn aufzuhalten. Niemand kannte seinen Namen. Niemand weiß, was nun geschieht.

Sie verteilen sich wieder im Zug. Jeder flüchtet in seine eigene Resignation.

Ich bleibe zurück. Soll es das wirklich schon gewesen sein? Was werden wir nun tun? Sollen wir uns nun alle Trübsal blasend ins Ungewisse weiterfahren lassen? Doch auch ich sehe keine Lösung für das Dilemma. Uns bleibt wohl nichts anderes übrig, als Warten.

Warten. Auf was? Auf wen? Wie lange?

Schnell ziehen Mauervorsprünge und ab und zu Lampen an der offenen Tür vorbei. Nun gelangt das Geräusch, das sie dabei machen, an meine Ohren. Es klingt, als würde uns die graue Wand auslachen. Irgendwer beginnt leise zu weinen. Ich glaube, es ist die junge Frau, die mich vorhin eindringlich gebeten hatte, die Notbremse zu ziehen. Verzweiflung. Trauer.

Ich setze mich auf den nächstbesten Platz. Ich schließe die Augen. Ich werde warten. Warten bis zur Endstation.

Wer bremst, verliert.

Das Wichtelmännlein in der Straßenbahn

Ich erinnerte mich unlängst daran, dass ich vor einiger Zeit einem wundersamen Ereignis beiwohnen durfte, wie es in dieser Art nur noch in Sagen und Märchen vorkommen mag. Dann laßt mich kurz beschreiben, was ich erlebte.

In der Straßenbahn, durch das Gewirr von Haltestangen und -griffen erblickte ich einst voller Erstaunen ein kleines Wichtelmännchen, welches mir so noch niemals begegnet war. Woran ich erkannte, daß es sich um ein solch sagenumwobenes Geschöpf handelte? Das Wesen maß nicht mehr als drei gestapelte Räder Schweizer Käse und womöglich entsprach es ebenso im Umfang einem solchen Stapel. An den hängenden Schultern glitten kurze Arme hinab, die in Händen endeten deren Finger eher Stummeln glichen, statt brauchbaren Tast- und Greifgliedmaßen. Gemäß seiner Kleidung in kontrastarmen Grauschattierungen fiel das Männlein kaum in der Menschenmeute auf, die sich in aller Frühe auf dem Weg zum täglichen Broterwerb befand.

Nervös huschten die kleinen Äuglein hinter den dicken Gläsern seiner Brille hin und her. Immer auf der Hut nicht erkannt zu werden. Es bemerkte jedoch nicht, daß ich ihm bereits gewahr wurde und es genaustens zu studieren vermochte. Mit den Stummelfingern hielt es sich an einem kleinen schwarzen Lederbeutel fest, in dem es wohl allerlei gesammelten und unnützen Kleinod aufbewahrte.

Ich musterte es eine zeitlang, doch blieb es bis auf die Augen weitestgehend unbeweglich, so daß ich fast dem Glauben verfiel, nichts Aufregendes mehr zu erhaschen. Doch plötzlich zuckte es leicht um die knubbelige Nase des Geschöpfs und die Unruhe seiner Augen übertrug sich auf das Männlein. Es machte den Eindruck, als piesackte es ein Jucken oder Kneifen, denn es wurde auf einmal ziemlich rege.

Meine Aufmerksamkeit spannte sich erneut, denn ich ahnte, was da vor sich ging. Es schien, als hätte ein Kobold auf der Suche nach einem gemütlichen Nachtlager, die zwar feuchte aber warme Höhle der Nase des Männleins entdeckt und sich unbemerkt dort häuslich eingerichtet. Da es in der steten Zugluft und aufgrund der Lage der Behausung durchaus turbulent zugehen mag, muß ein solcher Kobold allerhand Ideenreichtum besitzen, um sich und seine Habe an der Wand und dem Gestrüpp der Höhle zu befestigen. Doch schien dieser nicht sonderlich meisterhaft bei seinem Versuch gewesen.

Das Männlein prüfte hastig die Umgebung, um sicher zu sein, nicht beobachtet zu werden. Zum Glück bemerkte es immer noch nicht, daß ich es bereits seit einigen Minuten fixierte. Als es sich unbeobachtet fühlte, ging alles blitzschnell. Ich hatte Mühe dem unglaublichen Geschehen zu folgen und im Nachhinein erscheint mir alles wie ein vager Traum.

Einer der unförmigen Finger schnellte in Richtung Nasenloch und stieß rabiat hinein. Es entbrannte ein wildes Gerangel zwischen dem Finger und dem Kobold. Zumindest erweckten die ungestümen Wallungen der Nasenwand diesen Eindruck.
Doch der Kobold des jähen Angriffs vollkommen überrascht, verlor den ungleichen Kampf in Windeseile und ohne nennenswerte Gegenwehr. Dessen wurde ich gewiß, als der Finger des Männleins samt Kobold aus der Nase gezogen wurde. Hilflos klammerte sich der winzige Eindringling fest und zappelte ängstlich vor dem unbekannten Schicksal, das ihn zweifellos ereilen würde.

Ungläubig und gebannt starrte ich auf die Szene, die sich vor meinen eben noch vom Schlaf getrübten Augen abspielte. Was würde mit dem Kobold nun geschehen? Würde er sein Leben unter dem Sitz der Straßenbahn verschmiert wissen? Oder könnte es dem Erstickungstod in weißer Baumwolle anheim fallen?

Sekunden, die wie Stunden erschienen, wartete ich auf das schreckliche Finale dieses Kampfes und ich sollte das Grauen sogleich erleben. Ein weiteres Mal vergewisserte sich das Männlein rasch ohne Zuschauer zu sein, als auch schon darauf der Finger mit dem verzweifelten Kobold im Mund des Männleins verschwand. Mit einem Haps ward der Kobold verschlungen und nie wieder gesehen.

Das Männlein jedoch verfiel zurück in seine Unbeweglichkeit, bis auf die unruhigen Augen, die unaufhörlich, linkisch fast, hin- und herhuschten, bis es an der nächsten Haltestelle der Straßenbahn jäh aufsprang und flinker als der unförmige Körper es erahnen ließ, das Weite suchte.

Ich war entsetzt, angewidert und erstaunt zugleich. Kann es auch heute noch nicht fassen eines solch sagenhaften Ereignisses Zeuge geworden zu sein.

Ihr glaubt mir nicht?

Doch so hat es sich tatsächlich zugetragen.

Der Misanthrop

„Oh, wie sie mich anwidern.

Sie stinken.

Ihr Schweiß dringt stetig aus all ihren Poren und dünstet in die Luft, die ich atmen muß. Verpesten diese wiederum mit ihren verfaulenden Atem. Rauchen und Trinken auf das ihr Körper noch mehr verfault. Selbst wenn sie tot sind, verseuchen sie mit ihrem Gestank alles um sich herum.

Dennoch besitzen sie die Unverfrorenheit sich zur Krone der Schöpfung zu erheben. Wenn es einen Gott gibt, sollte er sich schämen für die Erschaffung eines solch verkommenen Wesens.

Und dumm sind sie. Nichts haben sie gelernt und trotzdem maßen sie sich an weise zu sein. All die Jahrtausende waren sie nicht fähig ihre eigene Existenz zu sichern. Immer wieder schlagen sie sich die hohlen Schädel ein. Aus Neid, aus Argwohn. Nur weil einer glaubt, weiser zu sein als der andere. Sie heucheln Wissen und zitieren den Unfug anderer, die wiederum selbst von ihrer Klugheit überzeugt sind.

Ein Wunder, dass sie sich nicht längst selbst ausgerottet haben. Doch ist dies unaufhaltsam. Sie glauben an ihren unnatürlichen Fortschritt und genau dieser zerfrisst ihr Dasein. Bis sie alle gemeinsam ein letztes Mal ihren widerwärtigen Dampf verbreiten, den die Zeit dann im Nichts verteilt, aus dem sie ursprünglich kamen.“

Wissenschaft, Alltag und der ganze Rest – Heute: Das Kuscheltier des Erwin S.

Die modernen Wissenschaften haben in den letzten 100 Jahren ein ganze Reihe an bemerkenswerten Möglichkeiten geschaffen, unseren Alltag mehr oder weniger angenehm zu machen.

Vor allem die fortschreitende Miniaturisierung der Technik vollbringt wahre Wunder, nicht zuletzt sind die Errungenschaften des Allerkleinsten uns allgegenwärtig. Und so erfreut sich so mancher (aber eben auch nicht jeder) tagtäglich, wo man geht und steht, an einem Feuerwerk aus poly- und kakophonen Klängen, der immer flacher und kleiner und vor allem kaum mehr bedienbar werdenden Mobiltelefone, im Volksmund auch Handys genannt. Doch bevor ich zu sehr abschweife, will ich noch tiefer in die Welt des Allerwinzigsten vorstoßen. Denn noch allgegenwärtiger sind sie uns trotzdem am wenigsten bewußt, die sogenannten Quanten. Die kleinsten Bauteile aller auch nur erdenklichen Materie dieses Universums.

Wie sehr versucht man doch, diese Welt des Mikro-, nein Nano-, nein gar Picokosmos zu ergründen und vor allem für den Menschen nutzbar zu machen. Wobei sie per se schon außerordentlich nützlich sind, da sie uns und vielen anderen Dingen die Existenz bescheren.

Doch gibt es schlaue Leute, denen auch das nicht reicht und so hegt und pflegt man munter und mit kostspieligem Spielzeug den allumfassenden Teilchenzoo. In den Gehegen findet man ein Gewibbel und Gewabbel von Prot-, Elektr-, Mes-, Fermi-onen und damit es rein sprachlich nicht langweilig wird von Quarks. Wobei das letzte wenig mit vergorener Milch zu tun hat, auch wenn es darin ebenfalls mal linksherum wibbelt, mal rechtsherum wabbelt.

Nun gehöre ich nicht gerade zu diesen besagten „schlauen“ Leuten, die sich beispielsweise Fermionen im Geiste vorstellen können und sogar damit hantieren, wie meine kleine Tochter mit den bekannten dänischen Kunststoff-Bauklötzchen. Dennoch möchte ich heute die praktische Nutzbarkeit eines grundlegenden Postulats der Quantenphysik erläutern. Doch zuerst ein wenig angefeuchtete Theorie.

Im Grunde wurde es durch den Österreicher Erwin Schrödinger beschrieben, der (s)eine Katze zusammen mit einem Fläschchen Blausäure und einem Geigerzähler in eine Kiste sperrte.

(Bevor nun alle Tierschützer wieder auf die Barrikaden gehen, es handelte sich um ein sogenanntes Gedankenexperiment. Also keine Panik. Es kamen keine realen und lebenden Tiere zu Schaden.)

Ich kann mit meinem geistigen Horizont, der maximal den Abstand zwischen Hirn und Brett definiert, den Gedanken Schrödingers nicht wissenschaftlich korrekt repetieren, doch versuche ich es für alle Laien und die es werden wollen auf populäre Weise.

Er stopfte also, außer der Mietzekatze und des Geigerzählers, auch eine geringe Menge radioaktiven Materials in die Kiste. Da radioaktives Material recht instabil ist und gerne in seine kleinsten Bestandteile zerfällt, kommt es nicht selten vor, daß sich davon eben eines oder mehrere der obengenannten oder anderer Teilchen verflüchtigt. Der Geigerzähler bekommt das dann mit und knackt munter drauf los.

Soweit, sogut. Im Grunde denke ich, daß dieser Vorgang vielen, nicht unbedingt bis ins Detail, aber dennoch verhältnismäßig geläufig ist. Nun ist jedoch der Trick, dessen sich Schrödinger im Geiste bediente, daß der Geigerzähler nicht unbedingt knackt, sondern einen kleinen Hammer betätigt, der das Fläschchen mit Blausäure zerstößt und damit die giftigen Dämpfe die arme Mietze dahinraffen.

(Auch hier wieder beruhigende Worte an alle Tierfreunde: es war rein hypothetisch!)

Wenn das alles nicht schon kompliziert genug war, nun wird es noch ein wenig kniffliger, aber keine Sorge wir haben es bald geschafft.

Herr Schrödinger, so schlau, wie er nun einmal war, kombinierte, daß ein Teilchen seine Flucht aus der radioaktiven Masse mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit vornimmt oder es einfach bleiben läßt. Und ebenso wahrscheinlich zerdeppert das Hämmerchen das Fläschchen und tötet so das Kätzchen.

Oder eben auch nicht.

Kapiert? Dann weiter.

Der schlaue Herr Schrödinger stellte sich nun weiter vor, daß bei verschlossener Kiste, die zudem keinen Blick auf die darin eingesperrte Katze gewähren soll, diese mit besagter Wahrscheinlichkeit tot oder lebendig sei. Logisch. Doch da schlaue Menschen immer etwas komplizierter Denken, sagte sich der Herr Schrödinger, daß die Katze nicht ODER, sondern tot UND lebendig sei. Gleichzeitig also. Was für nicht so schlaue Menschen nur in Zombiefilmen funktioniert, ist bei Leuten wie Erwin kein Problem. Nehmen wir es also einfach so hin und an, daß die Katze tot und lebendig zugleich ist. Von mir aus.

Doch nun wollte es Herr Schrödinger wirklich wissen und öffnete die Kiste, um Gewißheit zu erlangen. Er hätte dann zweifellos gesehen, ob er Ärger mit dem österreichischen Tierschutz bekommen hätte oder eben nicht. Um es noch einmal mit den Worten eines nicht so schlauen Menschen zu sagen:

„Erst wennst fei noa g’schaut hoast, is‘ die Koatzen doat. Oda fei holt net.“

Genug der plancken Theorie – Verzeihung, freudscher Vertipper – der blanken Theorie, kommen wir zurück zur entsetzlichen Wirklichkeit und zum Alltag.

Als ich neulich mal wieder einen Blick in die Postkiste tat, fand ich keine Katze darin, dafür stapelweise Rechnungen. Doch kam mir sofort Schrödingers Kuscheltier in den Sinn. Ich dachte, wenn ich der Theorie nach nicht in die Kuverts schaue und diese verschlossen halte, dann könnte man mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit darauf schließen, daß man zahlen muß oder eben auch nicht. So lange ich nicht hineinschaue, könnten beide Zustände zur gleichen Zeit wahr sein. Daher wäre ich auch erstmal aus dem Schneider.

Ich legte die Rechnungen beiseite und versuchte sie zu vergessen. Doch wie heißt das Sprichwort: „Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach.“

Und so hielt ich es nach kurzer Zeit nicht mehr aus und schweißgebadet öffnete ich die Briefe. Wenn Herr Schrödinger recht behalten sollte, könnte ich mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit immer noch den Nichtzahlen-Zustand feststellen. Leider ist Statistik nicht nur geduldig, sondern auch erbarmungslos. Ich wiederholte das Experiment mehrere Male, dennoch mußte ich immer zahlen. Statistisch gesehen ist es wahrscheinlich äußerst unwahrscheinlich, daß bei mehreren Wiederholungen eines Experiments immer das gleiche Ergebnis herauskommt, aber eben auch nicht ausgeschlossen.

Ich experimentiere immer noch, werde jedesmal um einige Euro ärmer, aber ich bin begeistert, wie sehr die Wissenschaft doch unseren Alltag ein Stück weit angenehmer macht.

Oder eben auch nicht.

Herbstliche Albträume

Es ist schon erstaunlich, wie sehr doch immer mehr Menschen hierzulande angelsächsische Traditionen und Gebräuche zelebrieren. Im Grunde ist es in Ordnung, wenn auch in Deutschland Kürbisse se- und verziert werden, um dann auf Balkonen, Veranden und Fensterbänken mit Innenbeleuchtung vor sich hin zu faulen.

Wenigstens gefällt es den „kleinen Monstern“, die am 31. Oktober abends durch die Straßen laufen, mit ihren Gruselmasken so manchem Rentner die erste Todeserfahrung lehren und von Tür zu Tür nach „Süßem“ verlangen unter Androhung, daß es „Saures“ setzt, wenn Erwachsene der Meinung sind gesundes Obst sei besser für die Kleinen. Wie gerne würde ich diese Forderung einmal falsch verstehen und „Saures“ wie Gurken oder Kefir in die kleinen Säckchen werfen. Doch scheue ich die kreative Rache kleiner Plagegeister, die mir danach bestimmt die Hölle einen gemütlichen Ort erscheinen lassen.

Doch getrübt wird der morbide Spaß mit lebenden Toten, blutrünstigen Vampiren und Werwölfen mal wieder von der Allmacht des Einzelhandels. Wochen vor dem Tanz der Teufel und Dämonen stolpert man zwischen den vollgestopften Regalen über allerlei Dekorationen und Maskeraden für den keltischen Samhain. Überall grinsen spitze Zähne, verzerrte Fratzen und bepelzte Kreaturen. Und vor allem: Kürbisse, wohin das Auge reicht.

Albtraumhaft ist man umringt von dem orangefarbenen Gemüse. In allen erdenklichen Größen und Formen, wobei Laternen noch das naheliegendste sind, gibt es Kürbisse und Kürbisdekorationen. Und nicht nur zur Ver(un)zierung der Heimstatt, sondern nahezu jedes nur denkbare Produkt ist in der „vorhalloweenen“ Zeit bedruckt oder beklebt mit Kürbissen.

Wie bei jedem anderen Fest, ob traditionell oder neuzeitlich, wird ein Symbol dieses Festes profitträchtig ausgeschlachtet. Man kommt am Kürbis nicht vorbei. Doch damit ist ab morgen wieder Schluß. Die Kürbisse haben dann ausgespukt.

Die restlichen Köppe werden ihr Lichtlein in den nächsten Tagen und Wochen ausgelöscht wissen und ihr zeitliches Ende in der Biotonne finden. Es sind noch knapp vier Wochen bis zum 1. Advent, jedoch ist kaum der Horror torkelnder Zombie-Verschnitte vorüber, droht bereits der nächste Schrecken, der uns womöglich wieder bis zum Drei-Königs-Tag im neuen Jahr heimsuchen wird. Denn dann heißt es „Bahn frei“ für die nächsten Fuhren „Dekoartikel“.

Demnächst gehen sie wieder massenweise über die Ladentheke. Ich habe in den Werbe-Blättchen diverser Discounter bereits die Vorboten der beknacktesten „Festtags-Dekoration“ überhaupt gesehen. Bald werden diese das Bild der Straßen und Häuser dominieren und verkünden, daß schon bald Weihnachten vor der Tür steht.

Bald sieht man sie überall.

Bald klopfen sie zu Tausenden an die Fenster.

Bald kommt die Zeit der kletternden Weihnachtsmänner.

Diesmal wird er nicht mehr gehen

Ich hatte mich gerade an den knochigen, alten Tisch gesetzt und begonnen meine Morgensuppe zu essen. Das tiefe Rot der aufgehenden Sonne hatte die Nacht noch nicht vollständig durchdrungen, da setzte er sich zu mir.

Ich erschrak nicht. Ich wunderte mich nicht.

Seit ich denken konnte, besuchte er mich. Lautlos erschien er, um nach mir zu sehen. Wortlos blieb er. Mal kürzer. Mal länger. Meistens ging er wieder. So oft. Ich kannte ihn gut und doch wusste ich nichts von ihm.

Mit sanftem Blick schaute er mich aus seinen lebendigen und doch traurigen Augen an. Er lächelte, als ich seinen Blick erwiderte. Da wusste ich, dass er heute nicht mehr gehen würde.

Ich erschrak nicht und ich wunderte mich nicht.

In meinem langen Leben sah ich viele, die ihn fragten wieso er nicht wieder ging. Viele waren verzweifelt. Nur wenige hießen ihn gerne willkommen. Ich lernte ihn zu verstehen und so wusste ich meist an seinem stummen Blick, ob er wieder gehen würde.

Die Sonne hatte den wiederkehrenden Kampf gegen das Dunkel gewonnen und sie würde es sicher noch sehr lange tun. Als ich meine Schüssel gespült hatte, ging ich hinaus und setzte mich auf die Bank vor meinem kleinen Haus.

Ich hatte mich vor Jahren hierher zurückgezogen, nachdem meine Liebste mit ihm gehen musste. Es war der einzige Tag, an dem ich auch fast verzweifelt gesagt hätte, er solle wieder gehen. Doch sie kannte ihn auch und sie lächelte mir zu, nahm meine Hand und mir wurde klar, dass sie mitgehen musste. Seitdem warte ich darauf, dass er auch mich mitnehmen würde.
Heute würde es soweit sein.

So saß ich auf der klapprigen Bank und wartete auf den Mittag. Er stand etwas abseits und schaute mir zu. Wortlos, wie immer.
Später ging ich meine kleine Runde durch das große Weizenfeld bis zum Waldrand. Weiter kam ich schon länger nicht mehr. Mein Körper war genauso knochig wie der alte Tisch und meine Beine so klapprig wie die Bank vor meinem Haus.

Ich pausierte wie jeden Tag auf dem umgestürzten Baum. Er war mir leise gefolgt und beobachtete mich vom Schatten der Bäume aus. Seine Augen konnte ich nicht sehen, doch wusste ich, dass er seinen Blick nicht mehr von mir nahm.

Kurz vor Sonnenuntergang kamen wir wieder beim Haus an. Ich genoß ein letztes Mal das orangerote Zwielicht des Abends.
Ich hatte viele gesehen. Dies würde mein letzter Sonnenuntergang sein. Ohne Wehmut ging ich ins Haus.

Er setzte sich noch einmal an den alten Tisch und ließ mich geduldig mein Brot essen. Ich sah ihn an, doch auch diesmal konnte ich seine Augen nicht sehen. Doch ich merkte, dass er lächelte.

Als ich mich wie jeden Abend in mein Bett legte, ließ er sich auf meiner Bettkante nieder. Im Schein der Nachttischlampe konnte ich seine Augen wieder sehen. Nie habe ich es registriert, doch heute fiel es mir auf und ich fragte mich wie seine Augen doch so gütig und sanft wirkten.

Er lächelte. Wortlos legte er seine Hand auf meinen Arm. Ich schaute ihn an und lächelte ebenfalls.

Als er langsam und sanft meine Wange strich, sagte ich: „Gute Nacht.“

Dann schlief ich ein.

Smalltalk und die fünf Killermethoden

Es gibt viele Dinge, die ich nicht mag. Wem geht das nicht so. Doch unter all diesen gibt es eines, das ich ganz besonders nicht leiden kann: den Smalltalk.

Mal ehrlich, was will man damit eigentlich bezwecken?

Manch einer, der einen sogenannten „Kommunkations-Workshop“ absolvierte wird nun sagen, damit „leitet man längere Gespräche ein“ oder „man bricht damit das Eis“. Verkaufsprofis würden sicher nicht laut behaupten, daß sie Smalltalk nur zum Ködern verwenden, um dann zum „wesentlichen“ Teil ihrer eigentlichen Absicht zu kommen, nämlich jemanden etwas „aufzuschwatzen“.

Natürlich mache ich es auch, hauptsächlich aus Höflichkeit. Ich verstehe jedoch nicht, wieso erwachsene Menschen nicht gleich offen aufeinander zugehen und direkt sagen, was sie wollen. Ohne Vorgeplänkel. Im Grunde ist es in den entsprechenden Situationen sowieso klar, worauf der „Gelegenheitsplausch“ hinaus will.

Spricht ein Durchschnitts-Mann eine hübsche Frau auf einer Party an, ist doch ganz eindeutig was dieser möchte. Er muß dabei schon ein sehr geübter Small-Talker sein, denn die plumpen „Kennen-wir-uns-nicht“- oder „Habe-Sie-verwechselt“-Sprüche sind längst so abgedroschen, daß kaum eine vernünftige Frau darauf noch antwortet.

Die flache Wortverschwenderei wird natürlich nicht nur zur Einleitung größerer Gespräche oder zum Kennenlernen verwendet, sondern einfach nur um auf dümmlichste Weise die Zeit totzuschlagen. Und dies ist mit Abstand das gräßlichste, das es gibt. Dabei versucht man Momente zu überbrücken, die man mit anderen Personen gemeinsam zu verbringen gezwungen ist. Meist beim Warten auf irgend etwas. Manche glauben, damit das Warten gefühlt zu „verkürzen“. Oft endet dies jedoch eher in einem peinlichen „Grins-Wettbewerb“, denn oft weiß man ja doch nicht so richtig, was man sagen soll und die erlösende Rettung, nämlich das auf was man wartet, erscheint dann doch nicht schneller.

Bestes Beispiel ist diese von vielen ähnlichen Situationen im Wartezimmer beim Zahnarzt:

„Und warum sind Sie hier?“

„Ich habe eine Plombe verloren. Und Sie?“

„Meine Brücke wackelt so.“

„Achso, mmh, ja ja.“

„Ja, so ist das.“

Und beide lachen verhalten oder grinsen sich verständnisvoll an, seufzen und schauen wieder aneinander vorbei.

Was soll das denn?

Wohl kaum jemand interessiert sich tatsächlich für das Leid des anderen. Na ja, sicher gibt es Ausnahmen, aber bestimmt nicht im Wartezimmer eines Arztes. Da hat man doch selbst genug eigene Sorgen, sonst wäre man nicht beim Arzt. Und außerdem, wieso sollte ich denn anderen Leuten von meinen gesundheitlichen Problemen erzählen? Das geht niemanden etwas an. Also, solche Smalltalks sind somit reine Zeitverschwendung und peinlich auch noch obendrauf.

Und dann diese ewigen Floskeln übers Wetter oder ob es einem „gut ginge“. Mal im Ernst: das interessiert sicher auch niemanden wirklich.

„Na, wie geht’s?“

„Oooch, so la la.“

„Ach ja? Na, bei dem Wetter ist dies sicher auch kein Wunder, was!?“

„Ja ja. Es könnte mal wieder die Sonne scheinen.“

„Das stimmt.“

„Ja.“

„Mmh.“

Informationsgehalt dieses „Gesprächs“ gleich null. Aber Grinsen und „verständnisvolles“ Kopfnicken: 100%.

Ich plädiere für die Abschaffung von Smalltalk. Im Grunde ist es ganz einfach. Statt sich auf dieses Niveau eines „Nebenbei-Plausches“ einzulassen, heißt es einfach „Konfrontation“. Man sollte solch beiläufiges Geplauder im Keim ersticken.

Dafür haben sich die fünf „Smalltalk-Killer-Methoden“ bewährt. Auch bekannt als

The Five Techniques of Sudden Death

Ein Möglichkeit ist

Das Unerwartete Gegenteil

(The Unexpected Converse)

Man sagt im Grunde genau das Gegenteil, was der Gesprächspartner erwartet. Dies funktioniert zum Beispiel sehr gut bei den üblichen Wetterfloskeln:

„Das Wetter ist heute mal wieder total klasse.“

„Was soll an dem Wetter klasse sein? Ich finde es total beschissen. Ist doch viel zu heiß.“

Und schon ist dem Sprecher der Boden unter den Füßen weggezogen, denn er geht strikt davon aus, daß jeder sonniges Wetter schön findet. Die wenigsten werden auf solche Antworten die Lust verspüren, das Gespräch weiterzuführen. Und Du hast Deine Ruhe. Natürlich funktioniert dies auch umgekehrt bei schlechtem Wetter.

Die zweite Methode ist die Strategie der

Peinlichen Situation

(The Embarrassing Situation)

Man bringt sich selbst oder am besten andere in eine peinliche Situation und schon ist man raus aus dem Smalltalk.
Zum Beispiel im Zugabteil:

Ich zum Gegenüber: „Na, wohin fahren Sie?“

„Nach Frankfurt.“

„Oh, äh, dieser Zug fährt nicht nach Frankfurt. Der Zug, in dem Sie sitzen sollten, fuhr am Bahnsteig gegenüber.“

Und schon ist der andere so damit beschäftigt, daß er im angeblich falschen Zug sitzt, daß keine sinnlosen Plaudereien zustande kommen. Das ist natürlich gemein, also kann man diesen Trick ebenfalls umgekehrt anwenden, wenn man keinen Ärger bekommen möchte:

Mein Abteilnachbar: „Wohin fahren Sie?“

„Nach Koblenz.“ (das ist natürlich gelogen!)

„Oh, äh. Wir fahren aber nach Frankfurt. Sie sitzen wohl im falschen Zug.“

Dann einfach aufspringen, „Ach, du liebe Scheiße“ rufen und sich ein anderes am besten leeres Abteil suchen. Der andere grinst sich nun sicher eins, das kann Dir jedoch egal sein, denn Du hast Deine Ruhe.

Eine weitere Technik,

Die Vorgetäuschte Tatsache

(The Faked Fact)

Sie funktioniert besonders auf Partys auf denen man auch unbekannte Persönlichkeiten antrifft, die einen gerne in Gespräche verwickeln wollen.

„Hallo, woher kennen Sie den Gastgeber?“

„Ach, wir waren mal Zellennachbarn im Hochsicherheitstrakt der Justizvollzugsanstalt. Er war im Knast derjenige, der alles besorgen konnte. Und Sie?“

Wenn man diese Antwort sehr ernst mit einem grimmigen Gesichtausdruck vorträgt, kann man seinen Gegenüber so verunsichern, daß dieser lieber schnell das Weite sucht. Wenn der Gastgeber dann auf diese Aussage angesprochen wird, könnte man unter Umständen von weiteren Partys ausgeschlossen werden, was ein durchaus erwünschter Nebeneffekt ist.

Eine andere Variante ist die Frage nach dem Beruf:

„Was machen Sie denn so beruflich?“

„Ich bin Leichenwäscher im gerichtsmedizinischen Institut.“

Wenn man dann noch die Hand zum Gruß entgegenstreckt, ist dieses Thema bereits totgelaufen, bevor es so richtig lebendig wurde. Auch hier funktionieren wieder die unterschiedlichsten Berufe und Berufungen. Zum Beispiel: Müllmann, Kanalreiniger, Steuerfahnder und viele ähnliche. Natürlich können auch klassische Berufe wie Bankkaufmann oder Finanzbeamter herhalten, denn die sind (aus meiner Sicht) so langweilig, daß kaum jemand darauf näher eingehen möchte.

Oder man beginnt sofort mit Fachsimpelei, die der andere sowieso nicht versteht, dann gibt derjenige schnell auf. Der amerikanische Schauspieler Bill Murray demonstriert dies gemäß seiner Rolle als sarkastischer Fernsehmeteorologe eindrucksvoll in einer kleinen Szene in „Und täglich grüßt das Murmeltier“, als seine Hotelwirtin ihn auf das Wetter anspricht.

Die vierte Variante ist die des

Schlechten Geschmacks

(The Bad Taste)

Dabei versucht man den Ekel des Gegenübers zu provozieren. Dies funktioniert ganz gut in Wartezimmern von Ärzten:

„Weshalb sind Sie hier?“

„Das ist so eine delikate Sache mit meinem künstlichen Darmausgang. Der Auffangbeutel sitzt nicht immer richtig, so daß gerne mal was daneben geht. Wollen Sie es mal sehen?“

Ein echter Smalltalk-Killer.

Die fünfte und wohl ausgereifteste Technik, im Original als „The Ceaseless Babble“ bezeichnet, ist die durch das Comedy-Duo „Badesalz“ bekannt gewordene

Hessi-James-Methode

Dabei beginnt man einfach mit einem Redeschwall, daß der andere überhaupt keine Chance mehr auf Gegenwehr hat.

Aber Vorsicht!

Diese Technik sollte man vorher gut trainieren, denn sie kann als todbringende Waffe eingesetzt werden. Zumindest soll sie schon zu manchem Hörsturz geführt haben. Daher sollte es nur als letztes mögliches Mittel eingesetzt werden.

Du willst Deine „kleinen Gesprächspartner“ nur vertreiben und nicht umbringen, oder!?