Wolf

Er konnte nicht nachvollziehen, ob er von dem Geräusch aufwachte, das er hörte, oder weil sein Unterbewußtsein registrierte, daß das Lagerfeuer ausgegangen war. Es wäre nicht das erste Mal, daß so etwas vorkam. Sein Geist hatte sich schon so daran gewöhnt, daß das Feuer brannte, wenn er im Freien übernachtete, daß er immer wieder aufwachte, wenn es ausging.

Doch zum ersten Mal hörte er dieses seltsame Geräusch. Er war sich der Geräusche und Stimmen der Wildnis bewußt. Das Rufen der Nachtvögel, das Scharren von Hasen, das Schnüffeln von Igeln, das Rauschen der Blätter im Wind.
Er lernte all diese Dinge schon früh kennen, als er als Kind mit seinem Vater und seinem Bruder zu den nächtlichen Angeltouren mit durfte. Sie erzählten sich immer die verrücktesten Geschichten ihrer angeblichen Erlebnisse. Meist gespickt mit Übertreibungen. Aber gerade das machten sie so spannend. Besonders für einen kleinen Jungen.
Bei den ersten Malen, die er dabeisein durfte, hatte er wahnsinnige Angst vor den Geräuschen der Nacht. Es war eines Nachts die Aufgabe seines Bruders, ihm die Angst zu nehmen. Der große Bruder zeigte dem staunenden kleinen Bruder die Geheimnisse der Natur, wie einst der Vater dies tat.
Er hatte nie wieder Angst vor der fast undurchdringlichen Nacht des Waldes, trotz all dem Gekeuche, Rauschen und Jaulen. Nein, er hatte mehr Angst davor, Vater würde ihn nicht mitnehmen zu diesen Unternehmungen. Er lernte sehr viel über die Tiere und Pflanzen in diesen Jahren, und wie man mit ihnen lebte.
Da war es wieder dieses Geräusch. Er kramte in seiner Erinnerung, ob er jemals einen solch seltsamen Laut gehört hatte. Hatte sein Bruder oder sein Vater dies jemals gehört? Sicherlich nicht, sonst hätten sie es ihm gezeigt.
Er lauschte in die Stille. Da war es wieder. Es schien näher als beim letzten Mal. Irgendwie fühlte er sich auf einmal unbehaglich. Er fröstelte. Es war stockfinster. Er konnte nicht einen Funken eines Lichtscheins durch die Zeltplane erkennen. Er spürte nur die feuchte Kühle der Nacht.
Warum mußte ausgerechnet heute Neumond sein?
Er bemerkte plötzlich, daß sein Atem schneller ging und sein Herz so stark schlug, daß er meinte der Schlafsack wölbe sich bei jedem Schlag.
Er lauschte.
Das seltsame Geräusch hörte sich nicht an wie das eines Tieres oder dem Wind, der durch das Gestrüpp oder die Bäume streicht.
Irgend etwas machte ihm auf einmal Angst. Etwas nie Dagewesenes. Er konnte jedoch nicht realisieren was es war.
Vorsichtig schälte er sich aus dem Schlafsack, um langsam nach dem Rucksack zu greifen, der immer in Reichweite stand. Er suchte darin nach seinem Messer, während er mit geschlossenen Augen, obwohl es stockdunkel war, nach dem Geräusch lauschte. Er fühlte sich nun auf eine seltsame Weise bedroht.
Als er das Messer fest im Griff hatte, beugte er sich zur Zeltöffnung vor. Er verharrte abrupt, als das Geräusch erneut zu hören war. Es war wieder näher gekommen. Er zögerte. Dann öffnete er vorsichtig, selbst kein Laut von sich gebend, den Reißverschluß des Zelteingangs.
Er spürte die Nähe eines Lebewesens. Beim Gedanken daran erschauerte er. Er war mal einem Bären begegnet, der sich in der Nacht an seinen Vorräten zu schaffen machte. Das gewaltige Tier ließ sich nicht einmal vom Lagerfeuer fernhalten. Er hatte damals keine Angst vor dem Tier. Nicht soviel, wie der Bär vor ihm. Er benahm sich möglichst ruhig. Das pelzige Ungetüm floh schnell mit einem wilden Gebrumm, als er langsam auf ihn zuging. Er hatte kaum Verluste seines Proviants zu verzeichnen. Ein paar Energieriegel, die er für lange Fußmärsche aufsparte, waren von Meister Petz verzehrt worden. Doch solche Zwischenfälle konnte er jedesmal verschmerzen. Nur einmal wurde er von einem Fuchs verletzt. Er biß ihm in den kleinen Finger, als er versuchte, dem rotbraunen Tier die Tasche mit seinen wichtigsten Utensilien zu entreißen. Ohne diese Tasche mit Karten und Kompaß wäre er ziemlich aufgeschmissen gewesen. Da nahm er eine kleine Verletzung an der Hand gerne in Kauf.
Wieder ein Geräusch, diesmal klang es bedrohlicher. Das Ding mußte gespürt haben, daß er wußte, daß es da war. Er wußte instinktiv, daß er es hier nicht mit einem Bären oder Fuchs zu tun hatte. Er bekam fast panische Angst oder war es nur die Fantasie, die ihm in dieser Finsternis einen Streich spielte.
Nachdem er mehr als vorsichtig den Reißverschluß ganz geöffnet hatte, zögerte er ein wenig und drehte seinen Kopf zur Seite, um das Geräusch besser hören zu können. Er schloß sogar die Augen, was bei dieser Dunkelheit völlig überflüssig war.
Auf einmal hatte er das drängende Bedürfnis aufzuspringen und zu schreien. Er wollte nicht mehr hier sein. Er spürte, daß ihn etwas bedrohte. Und diese Bedrohung wurde ihm immer realer.
Er kroch langsam aus dem Zelt, mit dem Versuch, irgend etwas zu sehen. Eine kleine Lichtquelle hätte genügt. Doch es war finster, wie schon lange nicht mehr.
Plötzlich ging alles sehr schnell. Er wollte gerade auf die Beine kommen. Da spürte er, daß das Ding genau neben ihm stand. Im gleichen Moment durchfuhr ihn ein reißender Schmerz im linken Oberarm, auf dem er sich noch gestützt auf allen Vieren hielt. Er sackte sofort zusammen und wußte, daß das Etwas ihn gebissen haben mußte. Er viel auf den Bauch. Das Messer war noch in der linken Hand des Arms, der nun nicht mehr zu seinem Körper gehörte. Er konnte das Blut riechen, das aus dem Stumpf strömte und den taufeuchten Waldboden bedeckte. Im selben Moment war die Kreatur auf seinen Rücken gesprungen. Das Gewicht nahm ihm den Atem. Er bemerkte durch die Steppweste die Krallen, die sich sofort einen Weg durch die Weste in sein Fleisch bahnten. Auch wenn er eine Chance auf Gegenwehr gehabt hätte, wollte er sich auf einmal gar nicht mehr wehren. Zumindest signalisierten seine Körpermuskeln keine Bereitschaft mehr dazu. Er spürte auch keine Schmerzen mehr. Er dachte nur ganz plötzlich an die Zeit mit seinem Bruder, der ihm die Kniffe des Lebens in der Wildnis beibrachte und wünschte sich, jetzt bei ihm zu sein. Daß das Tier ihm das Rückenmark im Hals mit seinem scharfen Gebiß durchtrennte, war ihm nicht mehr bewußt. Er fühlte nur noch eine seltsame Wärme, die er sich scheinbar nur einbildete. Dann wurden auch seine Gedanken dunkel, wie die Nacht in der er starb.

Gibt es die Zeit

Einstein machte aus der Zeit wortwörtlich einen ziemlich „dehnbaren“ Begriff und bis heute zerbrechen sich zahlreiche und namenhafte Kosmologen und Philosophen ihre intelligenten Köpfe, um hinter das Geheimnis des Wesens der Zeit zu kommen.

Ob Zeitdehnung, -stauchung, -reise, -umkehr, Beginn oder Ende der Zeit, überall stoßen jegliche Arten von wissenschaftlichen und philosophischen Überlegungen an die Grenzen von Zeit und Raum.

Oder nur an die Grenzen menschlicher Vorstellungskraft?

Dabei ist die Zeit uns doch bewußt wie unbewußt dauernd all-gegenwärtig, -zukünftig und -vergangen.
Die Zeit beherrscht alle mathematischen, physikalischen und chemischen Vorgänge und drückt dies in einer oft schmerzenden Dominanz in allen mathematisch-systematischen Schematisierungen und Formulierungen des menschlichen Geistes aus. Leibniz, Newton und Co. maßen dem Einfluß des „t“-Faktors eine unausweichliche Relevanz bei, und dieser läßt sich bei noch so geschickter Umformung der Äquivalenz nicht endgültig beseitigen.

Doch nicht allein das Genie kämpft mit der Variablen.
In der industriell revolutionierten, globalisierten Welt ist Zeit Geld und von beidem haben die meisten meist zu wenig. Und dazu kommt noch, daß das Leben eines Menschen, ja gar der gesamten menschlichen Geschichte, kosmisch gesehen weniger als ein Augenzwinkern ist.
Im Strudel der sogenannten Zivilisation Rotierenden, erscheint es, als ströme ihre Zeit wie ein reißender Strom kurz-lebig dahin. Der Stubenhocker, der nach Ablauf jeder Minute auf die Uhr schaut, glaubt ewig zu leben und das alles am selben Tag.
Wie lang-weilig!

Im Alter wird uns die Subjektivität der eigenen Zeit nur allzu sehr bewußt, denn dann verrinnt sie vermeintlich wie im Fluge.
Doch ist es nicht genau das, was die größten Verfechter der lichtschnellen Ewigkeit gerne vernachlässigen?

Die Subjektivität der Zeit?

Natürlich haben animadversioni erratae humanum (menschlich irrtümliche Wahrnehmungen) in den „fundierten“ Postulaten der Erben Einsteins nichts verloren. Doch hat man sich denn jemals gefragt, warum jedes menschliche Individuum in seiner „eigenen Zeit“ lebt, obwohl wir alle dem gleichen Einsteinuniversum angehören? Und uns alle nur relativ langsam bezüglich des Lichts bewegen? Oder doch nicht?

Beobachtet man, unabhängig aller Lehren der Gelehrten, die Wahrnehmung der Zeit bei einzelnen Individuen, könnte der Eindruck entstehen, irgend etwas am, im oder um den Menschen widersetze sich jeglicher physikalisch-mathematischer Logik. Ist es gar der menschliche Geist, noch unerforscht und vage, welcher sich den Gesetzen von Raum und Zeit entzieht?
Oder ist dies tatsächlich das Wesen der Zeit?

Nimmt man als Bezugssystem nicht den Zug oder den Bahnsteig, sondern eben die menschliche Wahrnehmung, läßt sich dann nicht unweigerlich feststellen, daß das Empfinden der Vergänglichkeit auf unzählige veränderliche und verändernde Prozesse zurückzuführen ist?
Daß die Zeit damit vielleicht nur eine Vereinfachung der Erklärbarkeit dieser Prozesse zuläßt?

Was wäre, wenn der gesamte Kosmos stillstehen würde?
Kein einziges Teilchen sich mehr bewegt?
Würde dann nicht auch die Zeit stillstehen?
Es gäbe keine fortwährenden Veränderungen mehr. Kein Ereignis würde in einem Resultat enden. Die Welt würde gänzlich im letzten Zustand verharren.
Bis in alle Ewigkeit!
Doch wäre das nicht auch das Ende der Ewigkeit?
Ein unabhängiger, außenstehender Beobachter würde genaugenommen nichts mehr beobachten. Für ihn würde keine Zeit mehr existieren.
Daher stellt sich die Frage nun wirklich:

Gibt es überhaupt eine Zeit?
Oder ist dies nur ein Begriff für die Wahrnehmung all der Veränderungen unserer Welt?

Jegliche Art von Vorgang um uns herum, läßt uns Veränderungen wahrnehmen. Die Veränderungen sind uns in mehr oder weniger kausalen Zusammenhängen von Ereignis und Resultat geläufig. Und genau diese suggerieren uns eine Dimension, der wir den Begriff „Zeit“ gegeben haben. Wir meinen, Zeit zu messen, in dem wir Uhren ticken lassen und die Veränderung des Zeigers als Einheiten der Zeit verstehen, wir biologische Veränderungen an uns und unseren Mitmenschen beobachten und das Altern unsere eigene Vergänglichkeit verdeutlicht. Dinge die unwiderruflich sind als Vergangenheit und die Ungewißheit eines gegenwärtigen Zustands als Zukunft bezeichnen.

Die Zeit IST nicht, wir nehmen sie wahr.

Und da wir sie überall wahrnehmen, können wir sie auch nur schwerlich vernachlässigen oder gar ignorieren. Doch was wäre, wenn wir die Zeit nicht als solche betrachten würden? Sie so definieren, wie wir sie wahrnehmen? Was wäre, wenn wir unsere Sicht der Welt, ausgedrückt durch Formeln und Axiome, vom Geist der Zeit befreien und sie durch die Veränderung der Dinge beschreiben?
Würde unsere Welt dadurch nicht noch abstrakter, als sie teilweise schon ist?
Könnten wir die wahren Dinge der Welt noch verstehen, wenn es die Zeit in unserem Sinne nicht mehr gäbe?

Wenn es sie überhaupt jemals gab.