74 Minuten

Bei guten Sichtverhältnissen ist die Skyline Frankfurts vom Lerchenberg bei Mainz problemlos mit bloßem Auge zu sehen. Man schätzt hier die Luftlinie zwischen Mainz und Frankfurt auf rund 30 km.

Die schnellste Verbindung Frankfurt-Mainz (lt. Map24) mit dem Pkw würde bei 42,42 km Entfernung rund 38 Minuten, die kürzeste Verbindung mit 40,39 km ca. 47 Minuten dauern (diese Angaben gelten jedoch vermutlich nur zwischen 23:00 und 2:00 Uhr).

Worauf ich eigentlich hinaus will?

Wenn Ihr das wissen wollt solltet Ihr weiterlesen und Euch ein wenig Statistik antun:

Das schnellste Reptil ist, wie ihr Name bereits deutlich macht, die Rennechse mit bis zu 29 km/h. Dieses Reptil würde

  • die Luftlinie F-MZ in 62,07 Minuten,
  • die kürzeste Verbindung F-MZ in 83,57 Minuten und
  • die schnellste Verbindung F-MZ in 87,77 Minuten

bewältigen.

Als schnellstes (fliegendes) Insekt – was würde man anderes erwarten – ist die Libelle anderen Kerbtieren mit bis zu 58 km/h um Fühlerlängen voraus. Eine Libelle würde somit für

  • die Luftlinie F-MZ damit ziemlich genau 31,03 Minuten,
  • die kürzeste Verbindung F-MZ in 41,78 Minuten und
  • die schnellste Verbindung F-MZ in 43,88 Minuten

benötigen.

Kommen wir zu den Vögeln, aber bleiben vorerst noch am Boden.

Der schnellste, bekannte Laufvogel ist der Strauß, der mit bis zu 72 km/h jeden afrikanischen Buschmann das Fürchten lehrt. Für ihn wäre eine Reise von Frankfurt nach Mainz bei Maximalgeschwindigkeit per

  • Luftlinie in 25 Minuten,
  • per kürzester Verbindung in 33,66 Minuten und
  • per schnellster Verbindung in 35,35 Minuten

zu Ende.

Hier wollen wir mal einen Augenblick innehalten und die Zahlen des Laufvogels den Werten von Map24 gegenüberstellen. Der Laufvogel ist demnach im Vergleich bei allen Strecken schneller als eine verbeulte Blechdose auf Rädern. (Map24 legt hierbei wohl eine Durchschnittsgeschwindigkeit des Pkw, der auf dieser Strecke fährt, von 59,27 km/h zugrunde.)

Aber weiter im Text.

Als schnellster, „normaler“ Vogel wird allgemein der Wanderfalke angenommen, der jedoch nur im Sturzflug bis zu 350 km/h erreichen kann. (Der Rekord liegt hier wohl sogar bei 389 km/h). Leider disqualifiziert sich dieser Greifvogel für die hier geführte Statistik, da es äußerst schwierig wird die Strecke Frankfurt-Mainz im Sturzflug zurückzulegen. Außerdem geht es um einen „Wanderfalken“, der voraussichtlich erheblich länger brauchen würde, als ein durchschnittlicher Fußgänger.

Also kann nur die Schwalbe bzw. der Mauersegler mithalten, die mit rund 257,5 km/h Flughöchstgeschwindigkeit nicht nur der schnellste Vogel, sondern zugleich wahrscheinlich auch das schnellste Tier überhaupt ist.

Dieser unscheinbare gefiederte Geselle würde die genannten Strecken, also

  • die Luftlinie F-MZ in nur 8,33 Minuten,
  • die kürzeste Verbindung in immer noch stolzen 11,22 Minuten und
  • die schnellste Verbindung in sogar noch 11,78 Minuten

überwinden.

Doch eine Schwalbe macht bekanntlich noch keinen Sommer, daher wechseln wir mal auf das Festland zu den Säugetieren:
als schnellstes Landsäugetier auf kurze Distanzen erreicht der Gepard im Spurt bis zu 105-110 km/h und ist damit der Rekordhalter auf kurze Entfernungen. Doch Reichweiten unter 30 km (max. 400 m beim Gepard bei Höchstgeschwindigkeit) werden hier ebenfalls nicht betrachtet.

Nun gibt es da noch die Regionalbahn RB 23326 von Frankfurt nach Idar-Oberstein. Dieser Zug soll laut offiziellem Fahrplan der Deutschen Bahn (DB), bei Abfahrt im Frankfurter Hauptbahnhof um 17:34 Uhr gegen 18:05 Uhr im Hauptbahnhof in Mainz halten. Das ergibt Summa-Summarum eine Fahrtdauer von 31 Minuten.

(Ihr fragt Euch sicher nun, was ein DB-Zug mit Tieren oder Geschwindigkeiten zu tun hat. Im Grunde gar nichts, aber was spielt das für eine Rolle.)

In Wirklichkeit benötigt dieser Zug für die Strecke Frankfurt-Mainz jedoch ziemlich genau 74 Minuten (gemessen am 15.11.2005). Genauso lange, wie die offizielle Abspieldauer einer „normalen“ Audio-CD (lt. Spezifikation). Daher habe ich mir gedacht, ich sollte vielleicht mal schauen, wieviel so ein Vogel Strauß kostet und was dieses Tier denn so frißt. Unterm Strich mag es nicht günstiger sein als ein Bahnticket, doch bin ich überzeugt, in den meisten Fällen schneller zu sein.

Und ein Hingucker wäre es allemal.

Zug, Aus, Ende

Wie einige von Euch sicher bereits wissen, pendele ich regelmäßig im Rhein-Main-Gebiet. Normalerweise achte ich dabei kaum noch auf die Durchsagen der Zugbegleiter, da man als Pendler sowieso weiß wann und wo man aussteigen möchte.
Da ich derzeit die nunmehr zweite Folge der „traurigen“ Geschichte des sterbenden Genitivs lese, achtet man aber vermutlich besonders auf die Wirrungen der deutschen Sprache.

So auch bei der bereits angedeuteten Ansage in der Bahn. Dort erklingt nicht selten der Hinweis, welchen Bahnhof der Zug als nächsten anfährt, auf welcher Seite man auszusteigen hat usw. Im Grunde gibt es da auch wenig auszusetzen. Nur, daß es bei der Ansage der Endstation im Frankfurter Hauptbahnhof eine sprachliche Unschönheit gibt.

Unlängst erklärte man den Fahrgästen: „Nächster Halt: Frankfurt am Main, Hauptbahnhof. Der Zug endet hier. Bitte alle Fahrgäste aussteigen.“ Schon oft gehört, doch selten so bewußt wie dieses Mal wahrgenommen, klingelte dieser Satz unangenehm in meinen Ohren nach.
Was heißt eigentlich „endet hier“? Ich dachte, der nächste Halt sei Frankfurt Hauptbahnhof?
Wenn die Züge ab und zu ohne erkennbaren und genannten Grund zwischen den Bahnhöfen halten, ist das nicht ungewöhnlich. Gewöhnlich fahren diese jedoch nach unbestimmter Zeit weiter und niemand ist gezwungen auszusteigen. Mitten auf der Strecke. In diesem Fall kann aber etwas nicht ganz stimmen. Und es war diesmal keine Verspätung, sondern eher das vom Zugbegleiter verwendete Lokaladverb. Genaugenommen wäre es korrekt und nur angemessen, wenn der Zug „dort“, nämlich im angekündigten Hauptbahnhof zum Stehen kommen würde.
Zum Glück für alle Fahrgäste war es dann auch so.

Doch damit war für mich die Verwirrung nicht zu Ende. Wie hieß es doch gleich: „Der Zug endet hier.“ – Pardon – „Der Zug endet dort.“ Soll das etwa heißen, wir saßen in einem Wrack, das es gerade bis zu seinem Ziel schaffte, um dann in aller Würde das Zeitliche zu segnen? War hier womöglich „ver-enden“ gemeint? Obwohl man dies eher bei Tieren sagt.
Mich schauderte es.
Daß viele Züge der Bahn zumindest optisch kurz vorm Ausschlachten zu sein scheinen, ist vermutlich auch nichts Neues. Sollte der Kostendruck bei der Bahn wirklich so groß sein, daß man die Züge bis zum „z-erbrechen“ fahren läßt? Das wäre schon glatt fahrlässig. Doch auch das kann mit der Ansage nicht gemeint sein. Ob der Zug „hier“ oder „dort“ (im Frankfurter Hbf) sein „Ende“ und am Abfahrtsort seinen „Anfang“ hat ist auch eher absurd, wäre das Gefährt demnach so lang, daß ich in Mainz eingestiegen wäre, um dann per pedes durch den gesamten Zug bis zum Ende zu gelangen. Na, da nehme ich doch lieber das Auto.
Nein. Hier handelt es sich meines Erachtens um eine weitere „verunglückte“ Formulierung.
Ich denke korrekter wäre es, wenn „die Fahrt“ (des Zuges) oder „die Reise“ (der Fahrgäste) „endet“.
Alles in allem klingt es doch viel besser: „Nächster Halt: Frankfurt am Main, Hauptbahnhof. Die Fahrt endet dort.“

Was mich „letztendlich“ besonders betroffen machte, ist die Tatsache, daß die Ansage eine automatisierte Aufzeichnung und nicht ein möglicherweise einmaliger sprachlicher „Fauxpax“ des leibhaftigen Zugbegleiters war. Noch schmerzlicher berührt es mich, diese Aussage auch an den Anzeigetafeln auf den Gleisen zu lesen: „Zug endet hier. Bitte nicht einsteigen.“

Es fehlen mir die Worte, daher: „Die Kolumne endet hier. Bitte alles ausschalten.“

Der Hacker

Ich kann es immer noch nicht fassen. Ich hatte heute tatsächlich das unbeschreibliche Glück, einem echten „Hacker“ bei seiner „Tätigkeit“ zuschauen zu dürfen. Nicht nur das. Ich habe daraus sogar selber Profit geschlagen.

Es trug sich heute beim allmonatlichen Erwerb meiner Bahnfahrkarte im Mainzer Hauptbahnhof zu.
Nichtsahnend ging ich zum Schalter und grüßte mit einem freundlichen, aber mir typischen „Morgen“ den Herrn hinter dem Tresen.
Er machte auf mich den Eindruck eines „normalen“ DB-Bediensteten. Der vermeintlich Anfangfünfzige mit glänzender, rotgefleckter Gesichtshaut und schüttem Haar, erwiderte meinen Gruß mit einem dezent lächelnden Kopfnicken.
Immer noch der Überzeugung einen Bahnmitarbeiter vor mir zu haben, gab ich meinem Wunsch freies Geleit: „Eine Monatskarte. Bis Frankfurt. Ab heute.“
Er quittierte wiederum mit einem Lächeln, obwohl dies schon eher ein wenig konspirativ wirkte. Hätte er mir zugleich noch zugezwinkert, wäre dieser Eindruck sicher auch Gewißheit geworden.
Er drehte sich zum Bildschirm seines Rechners hin und dann wurde mir alles klar.

Mit der rechten Hand ergriff er die Maus, um in der nächsten Sekunde seinen Zeigefinger blitzartig gegen die linke Schläfe des grauen Kunststoff-Tieres zu hämmern.
Wo bei stinknormalen PC-Benutzern ein eher langweiliges – klick – zu hören ist, ertönte hier ein knochenerweichendes
TSCHAK
Ich konnte mich kaum von dem Schock erholen, der mich ereilte, da erklang es in kurzer Folge hintereinander noch zweimal.
TSCHAKTSCHAK
Souverän den linken Arm auf dem Tisch vor seiner Brust ruhend, traktierte er aus der Hüfte heraus den armen Plastiknager.

Irgendwie wollte ich es nicht für wahr haben.
War dies womöglich KEIN Mitarbeiter des Servicebereichs des Mainzer Hauptbahnhofs, sondern ein gewiefter Computerspezialist der sich den Zugang zu einem der Terminals erschlichen hatte?
Unvorstellbar.
Doch ich sollte eines besseren belehrt werden.
Er nahm die rechte Hand nun von der Maus zur Tastatur. Ich merkte, daß nun Konzentration gefordert war, denn auch der linke Arm folgte seinem Partner zum Tastenfeld.
Er verharrte kurz und schien sich zu sammeln, dann schlugen die Zeigefinger seiner beiden Hände kurz und zackig auf die Tasten.
TACKTACK —– TACK
Wo andere sich angeberisch damit versuchen 6-10 Finger zu verwurschteln, schafft er das mit zwei. Ohne auf den Bildschirm zu schauen. Respekt!!
Die Finger suchten ihr Ziel und fanden es schnell. Stürzten sich auf ihre Opfer.
TACKTACK
Die Heftigkeit des Aufpralls schmerzte in meinen Ohren.
Das System hat bei solchen Übergriffen keine realistische Chance.

Dennoch. Ich war fasziniert.
Er „hackte“ sich in das Fahrkartensystem der Deutschen Bahn ein, um mir eine Monatskarte zu verschaffen.
Würde es klappen?
Äußerlich schien er vollkommen ruhig und abgebrüht. War dies nur ein Pokerface oder ist er tatsächlich so skrupellos?

Plötzlich entspannte sich sein maskenhafter Ausdruck. Er war „drin“.
Nun machte seine subtile Angespanntheit professioneller Routine Platz. Dies hatte er vermutlich schon viele Male zuvor getan.
Er nahm aus einem versteckten Fach unter dem Tisch einen kleinen Bogen Papier heraus. Dieser war bedruckt mit dem typischen Muster einer Bahnfahrkarte. Vermutlich eine perfekte Fälschung.
Er schob sie in den Fahrkartendrucker.
Was passierte nun? Der Drucker spuckte den Bogen wieder aus.
Noch ein Versuch.
Doch wieder wollte das Gerät den gefälschten Fahrkarten-Vordruck nicht annehmen.
War man ihm auf die Schliche gekommen?
Hatte man seine wiederholten Systemeinbrüche entdeckt und blockierte nun sein Terminal?

Mir lief es eiskalt den Rücken hinunter und ich schaute mich vorsichtig im Raum um.
Möglicherweise würden jeden Moment Bahnsicherheitsleute mit ihren roten Baretts und Schlagstöcken hereinstürmen.
Sie würden auch mich verdächtigen und in Gewahrsam nehmen.
Ich bekam es mit der Angst.

„Na, na, der wird doch wohl…“, hörte ich den „Hacker“ sagen.
Er grinste. Er schien vollkommen ruhig. Kein bißchen Angst vor dem Sonderkommando „interne Bahnsicherheit“ machte sich auf seiner Mimik breit. Durch und durch gelassen schob er den Vordruck ein drittes Mal in den dafür vorgesehenen Schlitz des Druckers.

Diesmal klappte es.
Ich war erleichtert.
„Nun aber her mit der Karte, damit ich verduften kann.“, dachte ich.

Er legte mir immer noch grinsend das bedruckte Stück Papier mit der getürkten Monatskarte auf den Tresen.
Ich war beeindruckt. Die sah genauso aus, wie die Originale.
Wahnsinn!!
„Macht 131 Euro.“, vernahm ich seine Stimme.
Naja, ein ordentlicher Preis für eine ordentliche Leistung. Das war ich gerne bereit zu zahlen.
Dafür, daß er mir die Karte quasi umsonst „besorgt“ hatte.

Mit einem mulmigen Gefühl in der Magengrube gab ich ihm meine Kreditkarte. Ob er sich auf die Schnelle meine Kreditkartennummer merken konnte?
Womöglich würde er sich damit auf meine Kosten bereichern. Ich glaubte einen Fehler gemacht zu haben.
Doch hinterher vertraute ich doch eher dem Ehrenkodex der „Hackerszene“, die den Kampf nur gegen die „Großen“ führten. Gegen den Kapitalismus, gegen die Ausbeutung.
Der kleine Mann war nur das Opfer.

Plötzlich fiel mir auf, daß ich für DEN Preis meine Fahrkarte auch regulär hätte kaufen können.
Doch hätte ich dann das Geld Mehdorn und Konsorten in den Rachen geworfen.
Dann war es so schon besser.

Auf jeden Fall werde ich mich nun diesen Monat immer an das markante Geräusch des „Hackens“ erinnern, wenn meine Fahrkarte im Zug kontrolliert wird.
TSCHACKTACKTACK