Parttime Blues

Die Dämmerung quetschte sich gerade durch die Lamellen der Jalousie, als mein Schädel mir zubrüllte, dass es Zeit war wach zu werden. Ich war im ersten Augenblick orientierungslos, doch dann ließ mein alkoholgeschwängertes Gehirn eine blaße Erinnerung an den gestrigen Abend frei.

Vorsichtig drehte ich meinen Kopf – zumindest glaubte ich, dass es meiner war – und sah im Halbdunkel Deine weißen Schultern. Sie wirkten fremd, passten einfach nicht in diese Szene.

„Regisseur! Cut! Neue Einstellung!“ Doch es schien alles nach Drehbuch zu laufen. Niemand gab das Zeichen „Alles auf Anfang“. Mein Regisseur im Kopf blieb jedoch lautstark und mahnte mich aufzustehen. Ein morgendliches Bedürfnis forderte Aufmerksamkeit. Nein. Zu früh! Einsatz verpasst. Doch wieder kein Abbruch der Szene.

Widerwillig und lahmarschig schälte ich mich aus dem Bett. Nun wußte ich, dass das alles kein schlechter Film war. Mein Kopf kämpfte gegen die Schwerkraft und sämtliche Innereien wollten gleichzeitig zurück in die Horizontale. Träge Masse. Scheiße! Die Blase lag mal wieder unter dem müden Haufen aus Eingeweiden. Ich schaffte es tatsächlich auf die Beine ohne zu kotzen. Eisern blieb das gestern Konsumierte – mehr Flüssiges, denn Festes – auch unten.

Ich schleppte dieses marode Wrack von Körper ins Bad, wo ich mich gar nicht erst als Mann fühlen wollte und eben als Maus im Sitzen mein Geschäft erledigte. Das war auch gut, denn so konnte sich die innere Plage wieder abregen. Ich hatte die Augen erstmal wieder geschlossen. Hinterher war mir nicht klar, wie lange ich hier döste, doch vorher war das Badezimmer noch nicht rot. Hatte jemand heimlich das Bad streichen lassen?

Hallo, aufwachen, schallt ich mich diesmal selbst. Ich sah mich um. Okay, keine Farbe. Nur die olle Morgensonne.
„Wann hatte ich das letzte Mal einen Sonnenaufgang live erlebt?“, schoss es mir durch die Birne. Doch zu heftig. Der Regisseur brüllte wieder. „Scheiss auf die Sonne. Steh auf. Klatsch‘ Dir mal kaltes Wasser in die Visage und begib Dich unter die Lebenden.“

„Halt’s Maul!“, krächzte ich halblaut. Aus dem Schlafzimmer säuselte ein zarter Laut herein.

„So nun hast Du sie geweckt“, raunzte der Regisseur, „das stand nicht im Drehbuch.“

„Schnauze!“, schrie ich zurück. Im Geiste. Nicht gut. Der Regisseur hatte noch die Oberhand über den Zellklumpen, den er steuerte. Leise wankte ich zur Tür und lauschte. Zwischen Meeresrauschen und Vogelgezwitscher – mein Arzt nannte es Tinnitus – vernahm ich Deinen ruhigen Atem. Du schliefst noch. Gut so.

Irgendwie hatte das Anschreien meines Treibers doch was gebracht. Die Bewegungen bei einer Katzenwäsche waren schon stabiler. Mittlerweile war es im Bad auch schon hell genug, dass mir es leider nicht erspart blieb mein Gesicht im Spiegel zu sehen. War es wirklich meins?

Die Frage hatte ich mir schon zu oft gestellt. „Wie kannst Du Dir das nur antun?“, fragte ich. Doch mein Spiegelbild wartete auch auf die Antwort, denn es hatte mir die gleiche Frage gestellt. Ich zuckte mit den Schultern und ließ es dabei. Hatte kein Lust mit mir selbst zu diskutieren. Endete nur im Streit. Danach mochte ich mich wieder und ging gemeinsam einen trinken. Also, was soll’s?!

Zurück im Schlafzimmer hatte ich nun die Wahl. Wieder ins Bett oder Frühstück. Ich mußte nicht lange überlegen, denn mein Magen entschied lautstark für Nummer zwei. So leise ich meine steifen Knochen knirschen konnte, streifte ich mir die Hose über. Der unnachahmliche Duft von Kneipe stieg mir dabei in die Nase und ließ eine abgedrehte Szene Revue passieren. Meine Galle gluckste ein wenig. Ich hasste den Gestank von kaltem Rauch in den Klamotten, obwohl ich aus dem Hals bestimmt gut mithalten konnte. Doch da mußte ich jetzt durch. An der frischen Luft würde es ein bisschen verfliegen und ich wollte Dich nicht wecken, auf der Suche nach frischen Kleidern.

Als ich zu gehen bereit war, schickte ich Dir noch einen letzten Blick. Mein Magen tönte wieder, doch diesmal kam’s von tiefer drinnen. Dich so sanft da liegen zu sehen, zeugte von einer Ruhe und Erhabenheit, die so streng im Kontrast zu meinem Leben stand, dass es manchmal schmerzt. Wieso darf ich bei Dir sein?

Dich gestern wieder so auf der Tanzfläche zu beobachten, von der Theke aus. Wie vor fast drei Jahren.
Du tanztest allein mit geschlossenen Augen. Irgendwie wirktest Du wie von einer anderen Welt. Obwohl das Parkett rappelvoll war, stießt Du niemanden an. Eine Aura umschloss Dich, gab Dir diesen Glanz. Diese Unnahbarkeit.
Du warst vollkommen anders, als all die anderen. Das spürte ich damals schon. Was es war, hatte ich bis heute nicht erfahren. Gestern schien es auch wieder so. Nur, gestern bemerkte ich die anderen Männer, die Dir zusahen. Sie betrachteten Dich anders als ich. Gieriger. Sie wollten Dich. Aber anders als ich es wollte. Ich ahnte von Anfang an, dass Du was besonderes warst. Deshalb konnte ich Dich auch nicht ansprechen. Du hattest es getan.

Als die Musik eine Pause einlegte, transformiertest Du in meine Welt. Kamst zur Theke direkt auf mich zu. Du schautest mir tief in die Augen. Unsere Blicke explodierten förmlich, als sie aufeinander stießen. Du sagtest nur „ein Glas Wasser“. Und Du wußtest, dass ich es Dir besorgen würde. Gestern brauchtest Du nichts zu sagen. Deine Aura ist so stark wie eh und je. Unnahbar.

Du hattest mich ausgesucht. Warum gerade mich? Vielleicht weil ich Dich nicht dumm angemacht hatte? Wie die anderen? Ich haßte sie dafür. Aber ich verstand sie auch. Doch gehörst Du jetzt zu mir? Diese Frage stellte ich mir auch schon seit drei Jahren. Die Antworten mussten warten. Der Regisseur rief zur neuen Einstellung.

„Steh‘ nicht so dämlich rum. Raus mit Dir. Lass‘ sie schlafen, du Trampel.“

Gerne hätte ich Dich zum Abschied noch geküsst. Doch wollte ich Dich wirklich nicht wecken. Draußen vor der Tür gab ich dem Regisseur den Kick. Die frische Luft legte ihn lahm. Das Morgenlicht traktierte meine Augen, doch die frische Luft tat mir gut. Zeit für eine Kippe. Ich steckte mir eine zerknautsche Zigarette an, die ich in meiner Jeansjacke fand, nahm einen tiefen Zug und hustete den ganzen Dreck wieder raus. Wahrscheinlich war der Antreiber darunter, denn von da an hörte ich nichts mehr von ihm.

Ich stakste die Straße Richtung Bahnhof hinunter. Es war noch wenig los auf den Strassen. Die Sonne schien zwar, doch hier und da waren ein paar schwere Wolken unterwegs, die vom Herbst kündeten. Der frische Wind unterschrieb meinen Eindruck. Kurz vorm Bahnhof kam ich an der Trinkhalle vorbei. In dem Kasten hinter der Scheibe, saß eine verschrumpelte Rosine mit Flaschenböden auf der Nase. Als er sah, dass ich auf ihn zuging, öffnete er unvermittelt und glotzte erwartungsvoll.

Ich ließ mir ein neues Päckchen geben und zahlte mit einem großen Schein. Mißmutig starrte der Vertrocknete auf die Patte.

„Okay, dann gib mir noch das Käseblatt dazu“, und ich deutete auf den Stapel Zeitungen direkt vor seiner Nase.

„Is‘ von gestern“, quäkte er.

„Egal, gib schon her.“ Er murrte etwas, als er mir das Wechselgeld auszählte und klappte das Fenster prompt wieder zu. Ich zuckte mit den Schultern, verstaute die Kippen und stapfte weiter. Soll er unter seines Gleichen bleiben. Schon bald würde ein Haufen Tagediebe um die Barracke stehen und sich ein paar Bierchen schieben.

Im Gehen warf ich einen Blick auf die Schlagzeilen, die wahrscheinlich schon gestern alt waren. Ich blieb an ein paar fetten Buchstaben hängen, die bei näherer Betrachtung lauteten: „Immer mehr Teilzeitarbeit“.

Sofort kamst Du mir in den Sinn. Wieso ausgerechnet bei Teilzeitarbeit? Bin ich eine Teilzeitliebe für Dich? Bin ich nicht auch ein Tagedieb? Siehst Du mich schon als Rosine hinter dickem Glas Bierflaschen und Kippen verkaufen?

Scheiße. Du hattest mich ausgesucht. Du brauchtest mich, um Dir die anderen Schnarchnasen vom Leib zu halten.
Aber wieso seit drei Jahren?

Ja, wir hatten eine Menge Spaß miteinander. Immer noch. Nur die Nächte in den Kneipen und Discos waren anders. Tagsüber warst Du ein liebes Mädel, dass man einfach gern haben musste. Nachts warst Du unnahbar. Auch für mich.

Wer bist Du? Wer bin ich? So wird das nicht weitergehen. Nicht wahr?

Als ich am Eingang zum Bahnhof stand, in Gedanken versunken, hatte ich so ein seltenes Gefühl von Klarheit. Doch meist war so etwas bei mir nicht von Dauer. Ich drehte mich um und sah die Stadt hinter der die Sonne aufging, die so langsam zu Leben begann. Das blecherne Blut pulsierte schon und immer mehr Menschen strömten chaotisch durcheinander.

In dem Moment wuchs ein Gefühl des Abschieds in mir. Einfach ein Ticket kaufen. Irgendwohin. Weit weg. Alles hinter sich lassen. Die Stadt. Die Trinkhalle. Die Rosine. Die Wolken. Dich.

Ja. Das sollte ich tun. Endlich raus und wissen, wohin ich gehörte. Ich würde Dich vermissen. Ich würde Dich schnell vergessen. Würdest Du mich vermissen? Tagsüber vielleicht. Nachts nie.

Entschlossen ging ich in die Halle. Eine kleine Schlange hatte sich hinter dem einzigen besetzten Ticketschalter gebildet. Die restlichen waren leer. „Teilzeitarbeit“, kam mir in den Sinn. Ich schnickte die alten Nachrichten in einen Prospektständer, der dabei gefährlich ins Schwanken geriet. Auf einem Prospekt sah man junge Leute, die an einem See auf einem Bootssteg saßen.
Stimmt, Norwegen oder Finnland oder Schweden. Da wollte ich schon immer mal hin.
Die Schlange rückte vorwärts und zog mich mit. Hinter mir standen ebenfalls schon wieder zwei. Ich überlegte. Wo sollte ich hin? Ich hatte noch nicht mal Gepäck.

Ach, scheisse. Wer braucht schon Gepäck. Wird alles überbewertet. In Norwegen gibt’s auch Klamotten zu kaufen. Meine Kreditkarte wird eine Zeitlang halten, dann würde ich mir einen Job suchen. Die hatten bestimmt auch Trinkhallen in Norwegen. Man müsste noch nicht einmal die Sprache können. Zeitung, Ziggis und Saufen versteht jeder.

„Junger Mann?“ Verträumt blickte ich hoch. „Was wünschen Sie?“, sagte die Beamtin am Schalter. Waren Bahnbedienstete noch Beamte? Egal. „Bitteschön?!“ Ich war dran. Was sollte ich tun? War ich wirklich bereit einfach zu gehen?

Die Tante musterte mich ernst von allen Seiten. „Wenn Sie sich noch nicht entschieden haben, könnte ich vielleicht die Schlange hinter Ihnen bedienen. Oder?!“ Hatte ich mich nicht schon entschieden? Für was eigentlich?

Ich nickte langsam und verließ die Schaltertheke. Blitzschnell rückte ein Laffe im Businessdress auf und strafte mich mit verächtlichem Blick. Okay, ich war nicht gerade für die Gala gekleidet, doch was bildete der sich ein. Empört ging ich nach draußen. Die Stadt empfing mich wieder. Sollte ich doch bleiben?

Untentschlossen stand ich da, während andere an mir vorbei hechteten und die Zeit erstmal ohne mich weiterlief. Ja, alles kam ohne mich aus. Ich war nur Statist in meinem eigenen Leben. Die Hauptrollen spielten andere. Womöglich würde ich bis zu meinem Ende ein B-Movie-Statist bleiben. Und auch diesmal ließ ich wahrscheinlich eine große Rolle sausen.
„Aber hauptsache dabei“, murmelte ich zu mir selbst, „ja, ich komme wieder zu Dir. Dieses eine Mal. Ich spiele die Rolle zu Ende und dann lasse ich mich für was neues casten.“ So blieb es dabei. Für dieses Mal. Für immer?

Tagsüber warst Du Teil meines Lebens. Nachts war ich noch nicht mal Teil Deines Lebens.

Es wird Herbst. Bald.
Dann werden die Tage kürzer.

Der Misanthrop

„Oh, wie sie mich anwidern.

Sie stinken.

Ihr Schweiß dringt stetig aus all ihren Poren und dünstet in die Luft, die ich atmen muß. Verpesten diese wiederum mit ihren verfaulenden Atem. Rauchen und Trinken auf das ihr Körper noch mehr verfault. Selbst wenn sie tot sind, verseuchen sie mit ihrem Gestank alles um sich herum.

Dennoch besitzen sie die Unverfrorenheit sich zur Krone der Schöpfung zu erheben. Wenn es einen Gott gibt, sollte er sich schämen für die Erschaffung eines solch verkommenen Wesens.

Und dumm sind sie. Nichts haben sie gelernt und trotzdem maßen sie sich an weise zu sein. All die Jahrtausende waren sie nicht fähig ihre eigene Existenz zu sichern. Immer wieder schlagen sie sich die hohlen Schädel ein. Aus Neid, aus Argwohn. Nur weil einer glaubt, weiser zu sein als der andere. Sie heucheln Wissen und zitieren den Unfug anderer, die wiederum selbst von ihrer Klugheit überzeugt sind.

Ein Wunder, dass sie sich nicht längst selbst ausgerottet haben. Doch ist dies unaufhaltsam. Sie glauben an ihren unnatürlichen Fortschritt und genau dieser zerfrisst ihr Dasein. Bis sie alle gemeinsam ein letztes Mal ihren widerwärtigen Dampf verbreiten, den die Zeit dann im Nichts verteilt, aus dem sie ursprünglich kamen.“

Diesmal wird er nicht mehr gehen

Ich hatte mich gerade an den knochigen, alten Tisch gesetzt und begonnen meine Morgensuppe zu essen. Das tiefe Rot der aufgehenden Sonne hatte die Nacht noch nicht vollständig durchdrungen, da setzte er sich zu mir.

Ich erschrak nicht. Ich wunderte mich nicht.

Seit ich denken konnte, besuchte er mich. Lautlos erschien er, um nach mir zu sehen. Wortlos blieb er. Mal kürzer. Mal länger. Meistens ging er wieder. So oft. Ich kannte ihn gut und doch wusste ich nichts von ihm.

Mit sanftem Blick schaute er mich aus seinen lebendigen und doch traurigen Augen an. Er lächelte, als ich seinen Blick erwiderte. Da wusste ich, dass er heute nicht mehr gehen würde.

Ich erschrak nicht und ich wunderte mich nicht.

In meinem langen Leben sah ich viele, die ihn fragten wieso er nicht wieder ging. Viele waren verzweifelt. Nur wenige hießen ihn gerne willkommen. Ich lernte ihn zu verstehen und so wusste ich meist an seinem stummen Blick, ob er wieder gehen würde.

Die Sonne hatte den wiederkehrenden Kampf gegen das Dunkel gewonnen und sie würde es sicher noch sehr lange tun. Als ich meine Schüssel gespült hatte, ging ich hinaus und setzte mich auf die Bank vor meinem kleinen Haus.

Ich hatte mich vor Jahren hierher zurückgezogen, nachdem meine Liebste mit ihm gehen musste. Es war der einzige Tag, an dem ich auch fast verzweifelt gesagt hätte, er solle wieder gehen. Doch sie kannte ihn auch und sie lächelte mir zu, nahm meine Hand und mir wurde klar, dass sie mitgehen musste. Seitdem warte ich darauf, dass er auch mich mitnehmen würde.
Heute würde es soweit sein.

So saß ich auf der klapprigen Bank und wartete auf den Mittag. Er stand etwas abseits und schaute mir zu. Wortlos, wie immer.
Später ging ich meine kleine Runde durch das große Weizenfeld bis zum Waldrand. Weiter kam ich schon länger nicht mehr. Mein Körper war genauso knochig wie der alte Tisch und meine Beine so klapprig wie die Bank vor meinem Haus.

Ich pausierte wie jeden Tag auf dem umgestürzten Baum. Er war mir leise gefolgt und beobachtete mich vom Schatten der Bäume aus. Seine Augen konnte ich nicht sehen, doch wusste ich, dass er seinen Blick nicht mehr von mir nahm.

Kurz vor Sonnenuntergang kamen wir wieder beim Haus an. Ich genoß ein letztes Mal das orangerote Zwielicht des Abends.
Ich hatte viele gesehen. Dies würde mein letzter Sonnenuntergang sein. Ohne Wehmut ging ich ins Haus.

Er setzte sich noch einmal an den alten Tisch und ließ mich geduldig mein Brot essen. Ich sah ihn an, doch auch diesmal konnte ich seine Augen nicht sehen. Doch ich merkte, dass er lächelte.

Als ich mich wie jeden Abend in mein Bett legte, ließ er sich auf meiner Bettkante nieder. Im Schein der Nachttischlampe konnte ich seine Augen wieder sehen. Nie habe ich es registriert, doch heute fiel es mir auf und ich fragte mich wie seine Augen doch so gütig und sanft wirkten.

Er lächelte. Wortlos legte er seine Hand auf meinen Arm. Ich schaute ihn an und lächelte ebenfalls.

Als er langsam und sanft meine Wange strich, sagte ich: „Gute Nacht.“

Dann schlief ich ein.

Zwei Männer in Betrachtung des Mondes

Caspar David Friedrich - Zwei Männer in Betrachtung des Mondes
Caspar David Friedrich – Zwei Männer in Betrachtung des Mondes

Die Sonne verglühte bereits am Horizont, als ich dem Alten zum Hügel am Rande des Dorfes folgte. Für seine Jahre war er erstaunlich flink. Mit dem Gehstock überwand er fast schon leichtfüßig die unwegsame Steigung.

Auch sonst überraschte mich seine Behendigkeit, wenn er durch sein Atelier tanzte und dabei rythmische Farbsinfonien auf die Leinwände zauberte. Bisher war es mir nicht vergönnt einen vergleichbar künstlerischen Ausdruck in meinen Werken zu erlangen.

Ich war vor einigen Jahren an ihn geraten, als er mir anbot mein Meister zu sein. Ich war zuvor skeptisch und doch bereits fasziniert ob seines jugendlichen Tatendrangs. Ich sagte zu, ohne mir wahrlich etwas zu versprechen, doch stak ich in einer schweren kreativen Krise, die mir keine nennenswerten Ausflüchte ließ. Ich erhoffte mir zumindest neue Richtungen und Fertigkeiten zu erlernen, die mich womöglich Ufer erreichen ließen, wohin mich zuvor kein Ruderschlag gebracht hatte.
Die Jahre waren fruchtbar, doch gelang mir nicht der große Wurf. Er beobachte mich, gab Ratschläge und zeigte mir allerlei Techniken, wie ich die Handhabung der Pinsel noch virtuoser beherrschen könnte. Das Meisterwerk jedoch wollte sich nicht zeigen. Immer wieder enttäuscht brach ich viele Arbeiten ab. Lag es am Gerät? War die Leinwand schlecht? Das Motiv zu langweilig? Ich wußte weder ein noch aus.

Heute gegen abend kam er zu mir, nachdem ich erneut den Pinsel voll Frust fast in die Ecke warf. Er nahm mich bei der Schulter und sprach ruhig, doch mit voller Stimme. Ich beherrsche alle Grundlagen der Malkunst und wisse um die Theorie der Gestaltung. Auch sei die Wahl meiner Motive durchaus der Mühe wert. Doch das Geheimnis der Malerei habe sich mir noch nicht gelüftet, daher sei es an der Zeit, daß er mir den Schlüssel dazu reichen wolle. Erwartungsvoll blickte ich ihn an und war verwundert, als er bat mich mit festem Schuhwerk und dem warmen Umhang zu kleiden. Ich wußte, daß es keinen Sinn hatte ihn zu fragen, denn wie so oft wand er sich zum gehen. Seine Aufforderung bedeutete mir ihm zu folgen, was ich auch tat.
Zum Dorf hinaus und in die Abendsonne hinein gelangten wir dann zum Hügel.

Ich sah ihn in der heranschleichenden Dämmerung kaum noch, mühte meinen Atem seines Schrittes gleich zu tun. Als ich den Aufstieg mit fast schon schmerzenden Lungen endlich beenden konnte, wartete er bereits in einem dichtbewachsenen Hain. Wortlos stand er da und blickte durch die Bäume, dessen knorrige Stämme einen Rahmen bildeten, der die Sicht auf das Tal freigab. Nach Luft ringend setze ich mich auf einen Felsen unweit neben ihm und versuchte zu fragen, wo wir denn seien und was wir hier sollten. Doch gab er mir keine Antwort, sondern stand dort auf seinen Stock gestützt und seine Augen schienen das verschwundende rote Band am Himmel zurück zu sehnen.

Als sich mein Herz endlich beruhigte, sagte er immer noch keinen Laut und er ward fast eins mit dem Stein auf dem ich saß. Ich wagte ebenfalls keinen Ton hervorzubringen, denn ich ahnte, daß irgend etwas bevorstand. Doch worauf warteten wir?
Das Licht des Tages war nun vollständig von der hereinbrechenden Nacht verschlungen und ich konnte nur schemenhaft der Umgebung gewahr werden. Ich lauschte. Warm unmhauchte mich ein Luftstrom, sodaß ich unwillkürlich die Augen schloß und die Gerüche der Umgebung in meiner Nase wahrnahm. Wie von künstlerischer Hand entstand ein Bild vor meinem geistigen Auge.

Ich roch das Hellgrün des Sommergrases und das Schwarzbraun lebendiger Erde. Unter meinen Händen kühlte das Blaugrau des Felsens meine Haut. Ich hörte den zarten Strich des Windes durch saftig grünes Laub wie auf Saiten säuseln. So sah ich die Farben und Strukturen der kleinen Umgebung. Ich öffnete die Augen – das Bild verschwand nicht, sondern ergänzte sich um den alten Mann, wie er immer noch da stand. Unbeweglich und leise.

Ich stand auf, gesellte mich zu ihm und schaute in die gleiche Richtung, durch den Rahmen, der das kleine Tal unterhalb des Hügels umschloß. Wie ein Gemälde erschien es mir nun. Die Sonne hatte ihrem himmlischen Bruder den Platz freigemacht und die blasse Sichel eines zunehmenden Mondes beleuchtete vorsichtig die Landschaft. Tief stand er zu dieser Stunde, sodaß sein Schimmer die Natur in Sepia tauchte. Ängstlich fast, folgten ihm die ersten Sterne der Nacht.
Ich lehnte an seine Schulter, lächelte voller Zufriedenheit bei diesem Anblick der Natur und spürte den zunehmenden Glanz, den elementaren Duft und die kühle Klarheit in mir erwachen.

Da wurde ich gewiß, worin das Geheimnis eines wahren Kunstwerks verborgen lag.

Wolf

Er konnte nicht nachvollziehen, ob er von dem Geräusch aufwachte, das er hörte, oder weil sein Unterbewußtsein registrierte, daß das Lagerfeuer ausgegangen war. Es wäre nicht das erste Mal, daß so etwas vorkam. Sein Geist hatte sich schon so daran gewöhnt, daß das Feuer brannte, wenn er im Freien übernachtete, daß er immer wieder aufwachte, wenn es ausging.

Doch zum ersten Mal hörte er dieses seltsame Geräusch. Er war sich der Geräusche und Stimmen der Wildnis bewußt. Das Rufen der Nachtvögel, das Scharren von Hasen, das Schnüffeln von Igeln, das Rauschen der Blätter im Wind.
Er lernte all diese Dinge schon früh kennen, als er als Kind mit seinem Vater und seinem Bruder zu den nächtlichen Angeltouren mit durfte. Sie erzählten sich immer die verrücktesten Geschichten ihrer angeblichen Erlebnisse. Meist gespickt mit Übertreibungen. Aber gerade das machten sie so spannend. Besonders für einen kleinen Jungen.
Bei den ersten Malen, die er dabeisein durfte, hatte er wahnsinnige Angst vor den Geräuschen der Nacht. Es war eines Nachts die Aufgabe seines Bruders, ihm die Angst zu nehmen. Der große Bruder zeigte dem staunenden kleinen Bruder die Geheimnisse der Natur, wie einst der Vater dies tat.
Er hatte nie wieder Angst vor der fast undurchdringlichen Nacht des Waldes, trotz all dem Gekeuche, Rauschen und Jaulen. Nein, er hatte mehr Angst davor, Vater würde ihn nicht mitnehmen zu diesen Unternehmungen. Er lernte sehr viel über die Tiere und Pflanzen in diesen Jahren, und wie man mit ihnen lebte.
Da war es wieder dieses Geräusch. Er kramte in seiner Erinnerung, ob er jemals einen solch seltsamen Laut gehört hatte. Hatte sein Bruder oder sein Vater dies jemals gehört? Sicherlich nicht, sonst hätten sie es ihm gezeigt.
Er lauschte in die Stille. Da war es wieder. Es schien näher als beim letzten Mal. Irgendwie fühlte er sich auf einmal unbehaglich. Er fröstelte. Es war stockfinster. Er konnte nicht einen Funken eines Lichtscheins durch die Zeltplane erkennen. Er spürte nur die feuchte Kühle der Nacht.
Warum mußte ausgerechnet heute Neumond sein?
Er bemerkte plötzlich, daß sein Atem schneller ging und sein Herz so stark schlug, daß er meinte der Schlafsack wölbe sich bei jedem Schlag.
Er lauschte.
Das seltsame Geräusch hörte sich nicht an wie das eines Tieres oder dem Wind, der durch das Gestrüpp oder die Bäume streicht.
Irgend etwas machte ihm auf einmal Angst. Etwas nie Dagewesenes. Er konnte jedoch nicht realisieren was es war.
Vorsichtig schälte er sich aus dem Schlafsack, um langsam nach dem Rucksack zu greifen, der immer in Reichweite stand. Er suchte darin nach seinem Messer, während er mit geschlossenen Augen, obwohl es stockdunkel war, nach dem Geräusch lauschte. Er fühlte sich nun auf eine seltsame Weise bedroht.
Als er das Messer fest im Griff hatte, beugte er sich zur Zeltöffnung vor. Er verharrte abrupt, als das Geräusch erneut zu hören war. Es war wieder näher gekommen. Er zögerte. Dann öffnete er vorsichtig, selbst kein Laut von sich gebend, den Reißverschluß des Zelteingangs.
Er spürte die Nähe eines Lebewesens. Beim Gedanken daran erschauerte er. Er war mal einem Bären begegnet, der sich in der Nacht an seinen Vorräten zu schaffen machte. Das gewaltige Tier ließ sich nicht einmal vom Lagerfeuer fernhalten. Er hatte damals keine Angst vor dem Tier. Nicht soviel, wie der Bär vor ihm. Er benahm sich möglichst ruhig. Das pelzige Ungetüm floh schnell mit einem wilden Gebrumm, als er langsam auf ihn zuging. Er hatte kaum Verluste seines Proviants zu verzeichnen. Ein paar Energieriegel, die er für lange Fußmärsche aufsparte, waren von Meister Petz verzehrt worden. Doch solche Zwischenfälle konnte er jedesmal verschmerzen. Nur einmal wurde er von einem Fuchs verletzt. Er biß ihm in den kleinen Finger, als er versuchte, dem rotbraunen Tier die Tasche mit seinen wichtigsten Utensilien zu entreißen. Ohne diese Tasche mit Karten und Kompaß wäre er ziemlich aufgeschmissen gewesen. Da nahm er eine kleine Verletzung an der Hand gerne in Kauf.
Wieder ein Geräusch, diesmal klang es bedrohlicher. Das Ding mußte gespürt haben, daß er wußte, daß es da war. Er wußte instinktiv, daß er es hier nicht mit einem Bären oder Fuchs zu tun hatte. Er bekam fast panische Angst oder war es nur die Fantasie, die ihm in dieser Finsternis einen Streich spielte.
Nachdem er mehr als vorsichtig den Reißverschluß ganz geöffnet hatte, zögerte er ein wenig und drehte seinen Kopf zur Seite, um das Geräusch besser hören zu können. Er schloß sogar die Augen, was bei dieser Dunkelheit völlig überflüssig war.
Auf einmal hatte er das drängende Bedürfnis aufzuspringen und zu schreien. Er wollte nicht mehr hier sein. Er spürte, daß ihn etwas bedrohte. Und diese Bedrohung wurde ihm immer realer.
Er kroch langsam aus dem Zelt, mit dem Versuch, irgend etwas zu sehen. Eine kleine Lichtquelle hätte genügt. Doch es war finster, wie schon lange nicht mehr.
Plötzlich ging alles sehr schnell. Er wollte gerade auf die Beine kommen. Da spürte er, daß das Ding genau neben ihm stand. Im gleichen Moment durchfuhr ihn ein reißender Schmerz im linken Oberarm, auf dem er sich noch gestützt auf allen Vieren hielt. Er sackte sofort zusammen und wußte, daß das Etwas ihn gebissen haben mußte. Er viel auf den Bauch. Das Messer war noch in der linken Hand des Arms, der nun nicht mehr zu seinem Körper gehörte. Er konnte das Blut riechen, das aus dem Stumpf strömte und den taufeuchten Waldboden bedeckte. Im selben Moment war die Kreatur auf seinen Rücken gesprungen. Das Gewicht nahm ihm den Atem. Er bemerkte durch die Steppweste die Krallen, die sich sofort einen Weg durch die Weste in sein Fleisch bahnten. Auch wenn er eine Chance auf Gegenwehr gehabt hätte, wollte er sich auf einmal gar nicht mehr wehren. Zumindest signalisierten seine Körpermuskeln keine Bereitschaft mehr dazu. Er spürte auch keine Schmerzen mehr. Er dachte nur ganz plötzlich an die Zeit mit seinem Bruder, der ihm die Kniffe des Lebens in der Wildnis beibrachte und wünschte sich, jetzt bei ihm zu sein. Daß das Tier ihm das Rückenmark im Hals mit seinem scharfen Gebiß durchtrennte, war ihm nicht mehr bewußt. Er fühlte nur noch eine seltsame Wärme, die er sich scheinbar nur einbildete. Dann wurden auch seine Gedanken dunkel, wie die Nacht in der er starb.