Das Wichtelmännlein in der Straßenbahn

Ich erinnerte mich unlängst daran, dass ich vor einiger Zeit einem wundersamen Ereignis beiwohnen durfte, wie es in dieser Art nur noch in Sagen und Märchen vorkommen mag. Dann laßt mich kurz beschreiben, was ich erlebte.

In der Straßenbahn, durch das Gewirr von Haltestangen und -griffen erblickte ich einst voller Erstaunen ein kleines Wichtelmännchen, welches mir so noch niemals begegnet war. Woran ich erkannte, daß es sich um ein solch sagenumwobenes Geschöpf handelte? Das Wesen maß nicht mehr als drei gestapelte Räder Schweizer Käse und womöglich entsprach es ebenso im Umfang einem solchen Stapel. An den hängenden Schultern glitten kurze Arme hinab, die in Händen endeten deren Finger eher Stummeln glichen, statt brauchbaren Tast- und Greifgliedmaßen. Gemäß seiner Kleidung in kontrastarmen Grauschattierungen fiel das Männlein kaum in der Menschenmeute auf, die sich in aller Frühe auf dem Weg zum täglichen Broterwerb befand.

Nervös huschten die kleinen Äuglein hinter den dicken Gläsern seiner Brille hin und her. Immer auf der Hut nicht erkannt zu werden. Es bemerkte jedoch nicht, daß ich ihm bereits gewahr wurde und es genaustens zu studieren vermochte. Mit den Stummelfingern hielt es sich an einem kleinen schwarzen Lederbeutel fest, in dem es wohl allerlei gesammelten und unnützen Kleinod aufbewahrte.

Ich musterte es eine zeitlang, doch blieb es bis auf die Augen weitestgehend unbeweglich, so daß ich fast dem Glauben verfiel, nichts Aufregendes mehr zu erhaschen. Doch plötzlich zuckte es leicht um die knubbelige Nase des Geschöpfs und die Unruhe seiner Augen übertrug sich auf das Männlein. Es machte den Eindruck, als piesackte es ein Jucken oder Kneifen, denn es wurde auf einmal ziemlich rege.

Meine Aufmerksamkeit spannte sich erneut, denn ich ahnte, was da vor sich ging. Es schien, als hätte ein Kobold auf der Suche nach einem gemütlichen Nachtlager, die zwar feuchte aber warme Höhle der Nase des Männleins entdeckt und sich unbemerkt dort häuslich eingerichtet. Da es in der steten Zugluft und aufgrund der Lage der Behausung durchaus turbulent zugehen mag, muß ein solcher Kobold allerhand Ideenreichtum besitzen, um sich und seine Habe an der Wand und dem Gestrüpp der Höhle zu befestigen. Doch schien dieser nicht sonderlich meisterhaft bei seinem Versuch gewesen.

Das Männlein prüfte hastig die Umgebung, um sicher zu sein, nicht beobachtet zu werden. Zum Glück bemerkte es immer noch nicht, daß ich es bereits seit einigen Minuten fixierte. Als es sich unbeobachtet fühlte, ging alles blitzschnell. Ich hatte Mühe dem unglaublichen Geschehen zu folgen und im Nachhinein erscheint mir alles wie ein vager Traum.

Einer der unförmigen Finger schnellte in Richtung Nasenloch und stieß rabiat hinein. Es entbrannte ein wildes Gerangel zwischen dem Finger und dem Kobold. Zumindest erweckten die ungestümen Wallungen der Nasenwand diesen Eindruck.
Doch der Kobold des jähen Angriffs vollkommen überrascht, verlor den ungleichen Kampf in Windeseile und ohne nennenswerte Gegenwehr. Dessen wurde ich gewiß, als der Finger des Männleins samt Kobold aus der Nase gezogen wurde. Hilflos klammerte sich der winzige Eindringling fest und zappelte ängstlich vor dem unbekannten Schicksal, das ihn zweifellos ereilen würde.

Ungläubig und gebannt starrte ich auf die Szene, die sich vor meinen eben noch vom Schlaf getrübten Augen abspielte. Was würde mit dem Kobold nun geschehen? Würde er sein Leben unter dem Sitz der Straßenbahn verschmiert wissen? Oder könnte es dem Erstickungstod in weißer Baumwolle anheim fallen?

Sekunden, die wie Stunden erschienen, wartete ich auf das schreckliche Finale dieses Kampfes und ich sollte das Grauen sogleich erleben. Ein weiteres Mal vergewisserte sich das Männlein rasch ohne Zuschauer zu sein, als auch schon darauf der Finger mit dem verzweifelten Kobold im Mund des Männleins verschwand. Mit einem Haps ward der Kobold verschlungen und nie wieder gesehen.

Das Männlein jedoch verfiel zurück in seine Unbeweglichkeit, bis auf die unruhigen Augen, die unaufhörlich, linkisch fast, hin- und herhuschten, bis es an der nächsten Haltestelle der Straßenbahn jäh aufsprang und flinker als der unförmige Körper es erahnen ließ, das Weite suchte.

Ich war entsetzt, angewidert und erstaunt zugleich. Kann es auch heute noch nicht fassen eines solch sagenhaften Ereignisses Zeuge geworden zu sein.

Ihr glaubt mir nicht?

Doch so hat es sich tatsächlich zugetragen.

Wissenschaft, Alltag und der ganze Rest – Heute: Das Kuscheltier des Erwin S.

Die modernen Wissenschaften haben in den letzten 100 Jahren ein ganze Reihe an bemerkenswerten Möglichkeiten geschaffen, unseren Alltag mehr oder weniger angenehm zu machen.

Vor allem die fortschreitende Miniaturisierung der Technik vollbringt wahre Wunder, nicht zuletzt sind die Errungenschaften des Allerkleinsten uns allgegenwärtig. Und so erfreut sich so mancher (aber eben auch nicht jeder) tagtäglich, wo man geht und steht, an einem Feuerwerk aus poly- und kakophonen Klängen, der immer flacher und kleiner und vor allem kaum mehr bedienbar werdenden Mobiltelefone, im Volksmund auch Handys genannt. Doch bevor ich zu sehr abschweife, will ich noch tiefer in die Welt des Allerwinzigsten vorstoßen. Denn noch allgegenwärtiger sind sie uns trotzdem am wenigsten bewußt, die sogenannten Quanten. Die kleinsten Bauteile aller auch nur erdenklichen Materie dieses Universums.

Wie sehr versucht man doch, diese Welt des Mikro-, nein Nano-, nein gar Picokosmos zu ergründen und vor allem für den Menschen nutzbar zu machen. Wobei sie per se schon außerordentlich nützlich sind, da sie uns und vielen anderen Dingen die Existenz bescheren.

Doch gibt es schlaue Leute, denen auch das nicht reicht und so hegt und pflegt man munter und mit kostspieligem Spielzeug den allumfassenden Teilchenzoo. In den Gehegen findet man ein Gewibbel und Gewabbel von Prot-, Elektr-, Mes-, Fermi-onen und damit es rein sprachlich nicht langweilig wird von Quarks. Wobei das letzte wenig mit vergorener Milch zu tun hat, auch wenn es darin ebenfalls mal linksherum wibbelt, mal rechtsherum wabbelt.

Nun gehöre ich nicht gerade zu diesen besagten „schlauen“ Leuten, die sich beispielsweise Fermionen im Geiste vorstellen können und sogar damit hantieren, wie meine kleine Tochter mit den bekannten dänischen Kunststoff-Bauklötzchen. Dennoch möchte ich heute die praktische Nutzbarkeit eines grundlegenden Postulats der Quantenphysik erläutern. Doch zuerst ein wenig angefeuchtete Theorie.

Im Grunde wurde es durch den Österreicher Erwin Schrödinger beschrieben, der (s)eine Katze zusammen mit einem Fläschchen Blausäure und einem Geigerzähler in eine Kiste sperrte.

(Bevor nun alle Tierschützer wieder auf die Barrikaden gehen, es handelte sich um ein sogenanntes Gedankenexperiment. Also keine Panik. Es kamen keine realen und lebenden Tiere zu Schaden.)

Ich kann mit meinem geistigen Horizont, der maximal den Abstand zwischen Hirn und Brett definiert, den Gedanken Schrödingers nicht wissenschaftlich korrekt repetieren, doch versuche ich es für alle Laien und die es werden wollen auf populäre Weise.

Er stopfte also, außer der Mietzekatze und des Geigerzählers, auch eine geringe Menge radioaktiven Materials in die Kiste. Da radioaktives Material recht instabil ist und gerne in seine kleinsten Bestandteile zerfällt, kommt es nicht selten vor, daß sich davon eben eines oder mehrere der obengenannten oder anderer Teilchen verflüchtigt. Der Geigerzähler bekommt das dann mit und knackt munter drauf los.

Soweit, sogut. Im Grunde denke ich, daß dieser Vorgang vielen, nicht unbedingt bis ins Detail, aber dennoch verhältnismäßig geläufig ist. Nun ist jedoch der Trick, dessen sich Schrödinger im Geiste bediente, daß der Geigerzähler nicht unbedingt knackt, sondern einen kleinen Hammer betätigt, der das Fläschchen mit Blausäure zerstößt und damit die giftigen Dämpfe die arme Mietze dahinraffen.

(Auch hier wieder beruhigende Worte an alle Tierfreunde: es war rein hypothetisch!)

Wenn das alles nicht schon kompliziert genug war, nun wird es noch ein wenig kniffliger, aber keine Sorge wir haben es bald geschafft.

Herr Schrödinger, so schlau, wie er nun einmal war, kombinierte, daß ein Teilchen seine Flucht aus der radioaktiven Masse mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit vornimmt oder es einfach bleiben läßt. Und ebenso wahrscheinlich zerdeppert das Hämmerchen das Fläschchen und tötet so das Kätzchen.

Oder eben auch nicht.

Kapiert? Dann weiter.

Der schlaue Herr Schrödinger stellte sich nun weiter vor, daß bei verschlossener Kiste, die zudem keinen Blick auf die darin eingesperrte Katze gewähren soll, diese mit besagter Wahrscheinlichkeit tot oder lebendig sei. Logisch. Doch da schlaue Menschen immer etwas komplizierter Denken, sagte sich der Herr Schrödinger, daß die Katze nicht ODER, sondern tot UND lebendig sei. Gleichzeitig also. Was für nicht so schlaue Menschen nur in Zombiefilmen funktioniert, ist bei Leuten wie Erwin kein Problem. Nehmen wir es also einfach so hin und an, daß die Katze tot und lebendig zugleich ist. Von mir aus.

Doch nun wollte es Herr Schrödinger wirklich wissen und öffnete die Kiste, um Gewißheit zu erlangen. Er hätte dann zweifellos gesehen, ob er Ärger mit dem österreichischen Tierschutz bekommen hätte oder eben nicht. Um es noch einmal mit den Worten eines nicht so schlauen Menschen zu sagen:

„Erst wennst fei noa g’schaut hoast, is‘ die Koatzen doat. Oda fei holt net.“

Genug der plancken Theorie – Verzeihung, freudscher Vertipper – der blanken Theorie, kommen wir zurück zur entsetzlichen Wirklichkeit und zum Alltag.

Als ich neulich mal wieder einen Blick in die Postkiste tat, fand ich keine Katze darin, dafür stapelweise Rechnungen. Doch kam mir sofort Schrödingers Kuscheltier in den Sinn. Ich dachte, wenn ich der Theorie nach nicht in die Kuverts schaue und diese verschlossen halte, dann könnte man mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit darauf schließen, daß man zahlen muß oder eben auch nicht. So lange ich nicht hineinschaue, könnten beide Zustände zur gleichen Zeit wahr sein. Daher wäre ich auch erstmal aus dem Schneider.

Ich legte die Rechnungen beiseite und versuchte sie zu vergessen. Doch wie heißt das Sprichwort: „Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach.“

Und so hielt ich es nach kurzer Zeit nicht mehr aus und schweißgebadet öffnete ich die Briefe. Wenn Herr Schrödinger recht behalten sollte, könnte ich mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit immer noch den Nichtzahlen-Zustand feststellen. Leider ist Statistik nicht nur geduldig, sondern auch erbarmungslos. Ich wiederholte das Experiment mehrere Male, dennoch mußte ich immer zahlen. Statistisch gesehen ist es wahrscheinlich äußerst unwahrscheinlich, daß bei mehreren Wiederholungen eines Experiments immer das gleiche Ergebnis herauskommt, aber eben auch nicht ausgeschlossen.

Ich experimentiere immer noch, werde jedesmal um einige Euro ärmer, aber ich bin begeistert, wie sehr die Wissenschaft doch unseren Alltag ein Stück weit angenehmer macht.

Oder eben auch nicht.

Herbstliche Albträume

Es ist schon erstaunlich, wie sehr doch immer mehr Menschen hierzulande angelsächsische Traditionen und Gebräuche zelebrieren. Im Grunde ist es in Ordnung, wenn auch in Deutschland Kürbisse se- und verziert werden, um dann auf Balkonen, Veranden und Fensterbänken mit Innenbeleuchtung vor sich hin zu faulen.

Wenigstens gefällt es den „kleinen Monstern“, die am 31. Oktober abends durch die Straßen laufen, mit ihren Gruselmasken so manchem Rentner die erste Todeserfahrung lehren und von Tür zu Tür nach „Süßem“ verlangen unter Androhung, daß es „Saures“ setzt, wenn Erwachsene der Meinung sind gesundes Obst sei besser für die Kleinen. Wie gerne würde ich diese Forderung einmal falsch verstehen und „Saures“ wie Gurken oder Kefir in die kleinen Säckchen werfen. Doch scheue ich die kreative Rache kleiner Plagegeister, die mir danach bestimmt die Hölle einen gemütlichen Ort erscheinen lassen.

Doch getrübt wird der morbide Spaß mit lebenden Toten, blutrünstigen Vampiren und Werwölfen mal wieder von der Allmacht des Einzelhandels. Wochen vor dem Tanz der Teufel und Dämonen stolpert man zwischen den vollgestopften Regalen über allerlei Dekorationen und Maskeraden für den keltischen Samhain. Überall grinsen spitze Zähne, verzerrte Fratzen und bepelzte Kreaturen. Und vor allem: Kürbisse, wohin das Auge reicht.

Albtraumhaft ist man umringt von dem orangefarbenen Gemüse. In allen erdenklichen Größen und Formen, wobei Laternen noch das naheliegendste sind, gibt es Kürbisse und Kürbisdekorationen. Und nicht nur zur Ver(un)zierung der Heimstatt, sondern nahezu jedes nur denkbare Produkt ist in der „vorhalloweenen“ Zeit bedruckt oder beklebt mit Kürbissen.

Wie bei jedem anderen Fest, ob traditionell oder neuzeitlich, wird ein Symbol dieses Festes profitträchtig ausgeschlachtet. Man kommt am Kürbis nicht vorbei. Doch damit ist ab morgen wieder Schluß. Die Kürbisse haben dann ausgespukt.

Die restlichen Köppe werden ihr Lichtlein in den nächsten Tagen und Wochen ausgelöscht wissen und ihr zeitliches Ende in der Biotonne finden. Es sind noch knapp vier Wochen bis zum 1. Advent, jedoch ist kaum der Horror torkelnder Zombie-Verschnitte vorüber, droht bereits der nächste Schrecken, der uns womöglich wieder bis zum Drei-Königs-Tag im neuen Jahr heimsuchen wird. Denn dann heißt es „Bahn frei“ für die nächsten Fuhren „Dekoartikel“.

Demnächst gehen sie wieder massenweise über die Ladentheke. Ich habe in den Werbe-Blättchen diverser Discounter bereits die Vorboten der beknacktesten „Festtags-Dekoration“ überhaupt gesehen. Bald werden diese das Bild der Straßen und Häuser dominieren und verkünden, daß schon bald Weihnachten vor der Tür steht.

Bald sieht man sie überall.

Bald klopfen sie zu Tausenden an die Fenster.

Bald kommt die Zeit der kletternden Weihnachtsmänner.

Smalltalk und die fünf Killermethoden

Es gibt viele Dinge, die ich nicht mag. Wem geht das nicht so. Doch unter all diesen gibt es eines, das ich ganz besonders nicht leiden kann: den Smalltalk.

Mal ehrlich, was will man damit eigentlich bezwecken?

Manch einer, der einen sogenannten „Kommunkations-Workshop“ absolvierte wird nun sagen, damit „leitet man längere Gespräche ein“ oder „man bricht damit das Eis“. Verkaufsprofis würden sicher nicht laut behaupten, daß sie Smalltalk nur zum Ködern verwenden, um dann zum „wesentlichen“ Teil ihrer eigentlichen Absicht zu kommen, nämlich jemanden etwas „aufzuschwatzen“.

Natürlich mache ich es auch, hauptsächlich aus Höflichkeit. Ich verstehe jedoch nicht, wieso erwachsene Menschen nicht gleich offen aufeinander zugehen und direkt sagen, was sie wollen. Ohne Vorgeplänkel. Im Grunde ist es in den entsprechenden Situationen sowieso klar, worauf der „Gelegenheitsplausch“ hinaus will.

Spricht ein Durchschnitts-Mann eine hübsche Frau auf einer Party an, ist doch ganz eindeutig was dieser möchte. Er muß dabei schon ein sehr geübter Small-Talker sein, denn die plumpen „Kennen-wir-uns-nicht“- oder „Habe-Sie-verwechselt“-Sprüche sind längst so abgedroschen, daß kaum eine vernünftige Frau darauf noch antwortet.

Die flache Wortverschwenderei wird natürlich nicht nur zur Einleitung größerer Gespräche oder zum Kennenlernen verwendet, sondern einfach nur um auf dümmlichste Weise die Zeit totzuschlagen. Und dies ist mit Abstand das gräßlichste, das es gibt. Dabei versucht man Momente zu überbrücken, die man mit anderen Personen gemeinsam zu verbringen gezwungen ist. Meist beim Warten auf irgend etwas. Manche glauben, damit das Warten gefühlt zu „verkürzen“. Oft endet dies jedoch eher in einem peinlichen „Grins-Wettbewerb“, denn oft weiß man ja doch nicht so richtig, was man sagen soll und die erlösende Rettung, nämlich das auf was man wartet, erscheint dann doch nicht schneller.

Bestes Beispiel ist diese von vielen ähnlichen Situationen im Wartezimmer beim Zahnarzt:

„Und warum sind Sie hier?“

„Ich habe eine Plombe verloren. Und Sie?“

„Meine Brücke wackelt so.“

„Achso, mmh, ja ja.“

„Ja, so ist das.“

Und beide lachen verhalten oder grinsen sich verständnisvoll an, seufzen und schauen wieder aneinander vorbei.

Was soll das denn?

Wohl kaum jemand interessiert sich tatsächlich für das Leid des anderen. Na ja, sicher gibt es Ausnahmen, aber bestimmt nicht im Wartezimmer eines Arztes. Da hat man doch selbst genug eigene Sorgen, sonst wäre man nicht beim Arzt. Und außerdem, wieso sollte ich denn anderen Leuten von meinen gesundheitlichen Problemen erzählen? Das geht niemanden etwas an. Also, solche Smalltalks sind somit reine Zeitverschwendung und peinlich auch noch obendrauf.

Und dann diese ewigen Floskeln übers Wetter oder ob es einem „gut ginge“. Mal im Ernst: das interessiert sicher auch niemanden wirklich.

„Na, wie geht’s?“

„Oooch, so la la.“

„Ach ja? Na, bei dem Wetter ist dies sicher auch kein Wunder, was!?“

„Ja ja. Es könnte mal wieder die Sonne scheinen.“

„Das stimmt.“

„Ja.“

„Mmh.“

Informationsgehalt dieses „Gesprächs“ gleich null. Aber Grinsen und „verständnisvolles“ Kopfnicken: 100%.

Ich plädiere für die Abschaffung von Smalltalk. Im Grunde ist es ganz einfach. Statt sich auf dieses Niveau eines „Nebenbei-Plausches“ einzulassen, heißt es einfach „Konfrontation“. Man sollte solch beiläufiges Geplauder im Keim ersticken.

Dafür haben sich die fünf „Smalltalk-Killer-Methoden“ bewährt. Auch bekannt als

The Five Techniques of Sudden Death

Ein Möglichkeit ist

Das Unerwartete Gegenteil

(The Unexpected Converse)

Man sagt im Grunde genau das Gegenteil, was der Gesprächspartner erwartet. Dies funktioniert zum Beispiel sehr gut bei den üblichen Wetterfloskeln:

„Das Wetter ist heute mal wieder total klasse.“

„Was soll an dem Wetter klasse sein? Ich finde es total beschissen. Ist doch viel zu heiß.“

Und schon ist dem Sprecher der Boden unter den Füßen weggezogen, denn er geht strikt davon aus, daß jeder sonniges Wetter schön findet. Die wenigsten werden auf solche Antworten die Lust verspüren, das Gespräch weiterzuführen. Und Du hast Deine Ruhe. Natürlich funktioniert dies auch umgekehrt bei schlechtem Wetter.

Die zweite Methode ist die Strategie der

Peinlichen Situation

(The Embarrassing Situation)

Man bringt sich selbst oder am besten andere in eine peinliche Situation und schon ist man raus aus dem Smalltalk.
Zum Beispiel im Zugabteil:

Ich zum Gegenüber: „Na, wohin fahren Sie?“

„Nach Frankfurt.“

„Oh, äh, dieser Zug fährt nicht nach Frankfurt. Der Zug, in dem Sie sitzen sollten, fuhr am Bahnsteig gegenüber.“

Und schon ist der andere so damit beschäftigt, daß er im angeblich falschen Zug sitzt, daß keine sinnlosen Plaudereien zustande kommen. Das ist natürlich gemein, also kann man diesen Trick ebenfalls umgekehrt anwenden, wenn man keinen Ärger bekommen möchte:

Mein Abteilnachbar: „Wohin fahren Sie?“

„Nach Koblenz.“ (das ist natürlich gelogen!)

„Oh, äh. Wir fahren aber nach Frankfurt. Sie sitzen wohl im falschen Zug.“

Dann einfach aufspringen, „Ach, du liebe Scheiße“ rufen und sich ein anderes am besten leeres Abteil suchen. Der andere grinst sich nun sicher eins, das kann Dir jedoch egal sein, denn Du hast Deine Ruhe.

Eine weitere Technik,

Die Vorgetäuschte Tatsache

(The Faked Fact)

Sie funktioniert besonders auf Partys auf denen man auch unbekannte Persönlichkeiten antrifft, die einen gerne in Gespräche verwickeln wollen.

„Hallo, woher kennen Sie den Gastgeber?“

„Ach, wir waren mal Zellennachbarn im Hochsicherheitstrakt der Justizvollzugsanstalt. Er war im Knast derjenige, der alles besorgen konnte. Und Sie?“

Wenn man diese Antwort sehr ernst mit einem grimmigen Gesichtausdruck vorträgt, kann man seinen Gegenüber so verunsichern, daß dieser lieber schnell das Weite sucht. Wenn der Gastgeber dann auf diese Aussage angesprochen wird, könnte man unter Umständen von weiteren Partys ausgeschlossen werden, was ein durchaus erwünschter Nebeneffekt ist.

Eine andere Variante ist die Frage nach dem Beruf:

„Was machen Sie denn so beruflich?“

„Ich bin Leichenwäscher im gerichtsmedizinischen Institut.“

Wenn man dann noch die Hand zum Gruß entgegenstreckt, ist dieses Thema bereits totgelaufen, bevor es so richtig lebendig wurde. Auch hier funktionieren wieder die unterschiedlichsten Berufe und Berufungen. Zum Beispiel: Müllmann, Kanalreiniger, Steuerfahnder und viele ähnliche. Natürlich können auch klassische Berufe wie Bankkaufmann oder Finanzbeamter herhalten, denn die sind (aus meiner Sicht) so langweilig, daß kaum jemand darauf näher eingehen möchte.

Oder man beginnt sofort mit Fachsimpelei, die der andere sowieso nicht versteht, dann gibt derjenige schnell auf. Der amerikanische Schauspieler Bill Murray demonstriert dies gemäß seiner Rolle als sarkastischer Fernsehmeteorologe eindrucksvoll in einer kleinen Szene in „Und täglich grüßt das Murmeltier“, als seine Hotelwirtin ihn auf das Wetter anspricht.

Die vierte Variante ist die des

Schlechten Geschmacks

(The Bad Taste)

Dabei versucht man den Ekel des Gegenübers zu provozieren. Dies funktioniert ganz gut in Wartezimmern von Ärzten:

„Weshalb sind Sie hier?“

„Das ist so eine delikate Sache mit meinem künstlichen Darmausgang. Der Auffangbeutel sitzt nicht immer richtig, so daß gerne mal was daneben geht. Wollen Sie es mal sehen?“

Ein echter Smalltalk-Killer.

Die fünfte und wohl ausgereifteste Technik, im Original als „The Ceaseless Babble“ bezeichnet, ist die durch das Comedy-Duo „Badesalz“ bekannt gewordene

Hessi-James-Methode

Dabei beginnt man einfach mit einem Redeschwall, daß der andere überhaupt keine Chance mehr auf Gegenwehr hat.

Aber Vorsicht!

Diese Technik sollte man vorher gut trainieren, denn sie kann als todbringende Waffe eingesetzt werden. Zumindest soll sie schon zu manchem Hörsturz geführt haben. Daher sollte es nur als letztes mögliches Mittel eingesetzt werden.

Du willst Deine „kleinen Gesprächspartner“ nur vertreiben und nicht umbringen, oder!?

Alle Jahre wieder

Immer in der Adventszeit werde ich gefragt, welches Verhältnis ich zu Weihnachten habe. Und jedes Mal antworte ich, daß ich eigentlich kein Verhältnis zu Weihnachten habe. Oder besser gesagt, ist mein Verhältnis zu Weihnachten indifferent.

Seit die Kleine auf der Welt ist, wurde Weihnachten zumindest für mich wieder ein Familienfest. Süße, unsere Familienmanagerin ist im Streß, weil eine Woche vor Heilig Abend, die häusliche Reinheit und das Festessen gemanagt werden müssen. Deko und Geschenke werden wohlweislich schon rechtzeitig, oder wie es heute in Managerkreisen gerne heißt, „zeitnah“ besorgt. Die Bescherung und das Festessen werden dann zusammen mit Eltern und Schwiegereltern zelebriert. Klassisch und ein bisschen spießig vielleicht, aber wie es sich gehört.

Ohne unsere Kleine jedoch wäre mir Weihnachten genaugenommen ziemlich gleich. Ich bin nicht religiös und mit dem Konsumwahn habe ich, Gott (oder wem auch immer) sei’s gedankt, nichts am Hut. Aber das ist es eben für mich, ein Familienfest. Ohne Familie kein Fest.

Viele wissen aber wahrscheinlich gar nicht mehr, daß man Weihnachten ursprünglich einmal feierte, weil damit quasi die Geburt Jesus Christus alljährlich jubiliert wird und nicht weil man dann endlich einen Anspruch auf den neusten iPod, einen Computer, ein Brillantarmband oder sonstigen unnützen Kleinod per Wunschzettel geltend machen kann.

Was? Nicht gewußt?

Auf jeden Fall feiert man die Geburt einer durchaus sehr bekannten Persönlichkeit, die zu Lebzeiten ein Menge Furore um sich machte. Und das ist schon selten. Wenn nicht sogar einzigartig. Denn sonst fallen Jubeltage immer auf ein Datum an dem eine mehr oder minder bekannte Person gestorben ist.

Zum Beispiel das voradventliche Martinsfest, daß traditionell auf den 9. November und damit auf den Todestag des edlen Heiligen fällt, der einst ein Stück Stoff auf unorthodoxe Weise halbierte, um damit Gutes zu tun.
Es gibt genügend andere Beispiele.

2005 bekannte man als das „Einsteinjahr“, zum 50. Jahrestag seit Ablebens des Wunderhirns. (Okay, rein zufällig auch, da die Relativitätstheorie stolze 100 Jahre wurde.)
Oder 1991. Mozartjahr zum 200. Todestag des Wunderkindes. Ebenfalls 2005 war Schillerjahr, der bis dahin 200 Jahre zuvor – und nochmal: oh, Wunder – das Zeitliche segnete.

Ich halte das Feiern des Todes solcher Leute irgendwie für morbide oder wenigstens pietätlos. Im Ernst, wieso werden Jubiläen von großen Herr- und Frauschaften immer auf den Todestag gelegt? Bei solchen Größen der Geschichte ist es sicher schwierig ein Jubeldatum zu finden, an dem der- oder diejenige etwas Großartiges hervorgebracht hat, da es gerade bei den Genannten nicht bei einer einzigen Errungenschaft blieb. Obwohl ich solche Anlässe als Grund zum Feiern sinnvoller finde.
Sind es doch genau diese geistigen, technischen und menschlichen Leistungen eine Bereicherung unserer Gesellschaft, Kultur oder Wissenschaft gewesen, also ist der Tod eines großen Menschen eher ein Tag zum Trauern.

Wieso wird nicht die Geburt herausragender Menschen der Geschichte gefeiert, genau wie es jedes Jahr am 24. Dezember getan wird?

Dem sogenannten Heilland der neu-christlichen Mythologie widmet man jedoch gleich zwei Feiertage. So gedenkt man zumindest an Karfreitag ebenfalls seines Dahinscheidens. Wobei Jesus Christus eine Sonderstellung einnimmt, indem er „am dritten Tage“, also für uns am Ostersonntag angeblich auferstand. So heißt es wenigstens in einschlägiger Literatur.
Mehr Bedeutung sollte dem Todestag unerwünschter Personen beigemessen werden, auch wenn dies sicher gesellschaftlich nicht sonderlich etabliert ist. Für mich ist das aber naheliegender. Den Tod Hitlers zum Beispiel oder von anderen grausligen Gestalten der Menschheitsgeschichte, wäre sicher für die Meisten ein Grund zum Feiern. Auf der anderen Seite möchte man an derart entartete Gesellen lieber nicht regelmäßig erinnert werden.

Trotzdem plädiere ich für ein Umdenken beim feierlichen Gedenken an die Persönlichkeiten unserer Geschichte.
Sollte ich einmal berühmt sein, möchte ich auf jeden Fall nicht aufgrund meines Todes alljährlich gewürdigt werden, sondern für die Leistung, die ich der Gesellschaft erbracht haben sollte. Obwohl es mir, wenn ich in der Grube liege ziemlich schnuppe sein könnte. Aber ein gutes Gefühl habe ich dabei nicht.

In diesem Sinne:

FROHE WEIHNACHTEN!

Eingekreist

Ich bin überzeugt, dass die Erde nicht die einzigen Lebewesen im Universum beheimatet.

Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass da draußen irgendwo sogar intelligente Vertreter des Lebens existieren. Dass darunter sogar welche sind, die intelligenter sind, als manche Menschen es von sich glauben, sehe ich sogar als gesichert an.

Der Beweis dafür und wie mit solchen Intelligenzen in Kontakt zu treten ist, wurde unlängst auf Pro7 gezeigt. Dafür inszeniert man eine in der Art einer Benefiz-Gala veranstaltete Live-Sendung, die mit großen Brimborium den Versuch wagt, mit anderen Planeten Kontakt aufzunehmen. Als Moderatoren engagiert man einen Besteck-Experten flankiert von einem Ufo-Spezialisten und einer betagten Kitsch-Punkerin und die Troika der deutschen Übersinnlichen- und Außerirdischen-Szene ist komplett, die dann durch die Sendung und das Publikum an der Nase herum führen.

Mit spektakulärem jüdischem „Shalosh“ werden Signale dann telepathisch und nebenbei ganz konventionell über ein Radioteleskop in die unendlichen Weiten geschickt. Damit die Zuschauer mit Interesse und Begeisterung der Sendung vollständig folgen, dürfen diese per Direktverbindung ins Studio eigene Nachrichten einreichen. Diese brauchen dann nur noch darauf zu warten, dass sie von ETs Verwandten, Alf oder den Vulkaniern passende Antworten erhalten oder sich gar wünschen von krakenähnlichen Tentakel-Wesen entführt zu werden.

Um dem ganzen Zirkus den Anstrich von Wissenschaftlichkeit zu geben, platziert man im Studio noch einen sogenannten Astrophysiker, der mit seinem Laptop kompetenzheuchelnd und mit pseudowissenschaftlichen Thesen die nötige Sachlichkeit suggeriert. Außerdem läßt man einen Feldkorrespondenten in irgendeinem Rechenzentrum irgendeines Radioteleskops herumhüpfen und mit viel Gedöns, Sirenengeheul und Fortschrittsbalken an Computerbildschirmen die Nachrichten ins All strahlen. Um dem ganzen noch den Flair der 60er und 70er Jahre zu verpassen, wird die Einrichtung der Anlage zeitgenössisch eingerichtet und die Bildübetragungen mit passendem Rauschen unterlegt.

Das Ganze funktioniert aber auch weitaus subtiler.

In Bad Kreuznach wird z.B. das kommunale Verkehrssystem in eine Nachricht für Außerirdische umgewandelt. Im gesamten Stadtgebiet werden nämlich sukzessiv alle Kreuzungen der Stadt zu Verkehrskreiseln umfunktioniert. Analog den berüchtigten Kornkreisen, könnte das Straßennetz aus der Vogelperspektive einer fremden Art, die Zeit, Kosten und Mühen nicht gescheut haben unseren Planeten zu besuchen, in irgendeiner Form eine Nachricht signalisieren. Oder sogar als Landebahnen dienen.

Zumindest ist das für mich die einzig plausible Erklärung für die vielen Baustellen, denn ich halte es für unwahrscheinlich, dass die Verkehrsinfrastrukturverantwortlichen die Stellung Bad Kreuznachs als Kreisstadt einfach nur missverständlich interpretieren. Und wirklich praktisch im verkehrstechnischen Sinne, sind die meisten dieser Kreisel nicht.

Bei reichlicher Überlegung fürchte ich aber, dass jegliche derartige Bemühungen, aktiv Kontakt aufzunehmen, wohl solche Wesen eher davor abschreckt hier zu landen. Für kosmische Besucher könnte all das Gebahren extrem debil oder krankhaft wirken. Und sollten diese Wesen tatsächlich so schlau sein, dass sie sogar bis hierher fliegen können, dann werden sie auch unbemerkt lieber den nächsten bewohnten Planeten ansteuern. Womöglich aus Angst sich anzustecken. Wäre auch nicht das erste Mal, dass so etwas passiert ist. In den 50er Jahren sind außerirdische Invasoren bereits von einer simplen Erkältung dahingerafft worden. Im Ernst. Das wurde damals sogar live im Radio übertragen.

Wie dem auch sei. Ich für meinen Teil würde statt Nachrichten lieber Uri Geller, Nina Hagen, Erich van Däniken und das gesamte Verkehrsdezernat der Kreisverwaltung Bad Kreuznach ins All geschickt sehen. Das wäre zumindest wirklich erfolgversprechend.

Nanno, Nanno. Lebe lang und in Frieden.

Stimmungsschwankungen

Neulich wurde ich gefragt, ob ich denn schon in Weihnachststimmung sei. Wie kommt man überhaupt in Weihnachtsstimmung?

Einige kommen es bestimmt, wenn in den Fußgängerzonen die Weihnachtsdeko aufgehängt wurde oder die Weihnachtsmärkte saisontypische Düfte von Anis bis Zimt versprühen. Oder alle fünf Meter und ebensolchen Höhen unzählige kletternde Nikoläuse an den Hauswänden sehen. So mancher gerät in adventliche Verzückung, wenn jedem noch so unweihnachtlichen Rock- und Pop-Song im Radio ein rythmisches Rentierschlitten-Gebimmel untergemischt wird.

Andere dagegen vielleicht schon Ende August bei schwülen 35 Grad Celsius im Discounter angesichts langer Reihen Lebkuchen, Spekulatius und Dominosteinen. Obwohl die klimatischen Bedingungen einer emotionalen Bindung zur Adventszeit sicher ganz zuträglich sein können, wecken die jahreszeitunüblichen Temperaturen und Niederschläge in Zeiten des Klimawandels höchstens nebulöse Erinnerungen an weiße Weihnachten. Außer in Kalifornien oder Australien vielleicht.

Hierzulande ist die Stimmung zum Fest der Liebe daher eher konkret an kommerzielle Belange gekoppelt. Erst wenn der Einzelhandel es vorgibt hat jeder gefälligst weihnachtliche Gefühle zu entwickeln. Und das meist schon im Sommer. Ich kann aber nicht auf Kommando in Stimmung kommen. Zumindest nicht in festliche. Beim Anblick von 90 Minuten Vollerotik komme ich sicher auch ganz bewußt in Stimmung. Das hat dann wohl auch manchmal was mit Liebe, aber natürlich nichts mit Weihnachten zu tun.

Ich finde es in der Tat immer wieder befremdlich, wie manche tatsächlich sich quasi vorschreiben lassen, wann sie in besinnlich-familiäre Andacht verfallen sollen. Wieso kann ich das nicht auch im Hochsommer? Am Strand? Auf Mallorca?

Ich möchte doch in Stimmung kommen, wenn ich in Stimmung bin, um in Stimmung zu sein. Nicht weil andere das so wollen oder weil zufällig gerade so ein besonderer Termin ansteht. Na gut, ein wenig in Stimmung komme ich in der Tat, wenn Süße das ganze Haus saisongerecht dekoriert und die Kleine diesen typischen Glanz in die Augen bekommt. Obwohl dieses Leuchten schon mehr die ungeduldige Vorfreude auf die Geschenke bedeutet. Aber das war es dann auch schon.

Komisch, ich wurde noch nie gefragt, ob ich in Osterstimmung bin. Oder in Fastnachtsstimmung. Oder in Tag-der-deutschen-Wiedervereinigungs-Stimmung. Wieso nur wird Advent und Weihnachten immer so ein hoher Stellenwert eingeräumt?
Wegen des ollen Christkinds doch nur noch in Einzelfällen. Außerdem bin ich sowieso nicht religiös und pseudo-christlichen Gebräuchen überhaupt nicht zugänglich.

Womöglich wuchsen mir bei dieser Anwort Hörner aus dem Kopf, ein Schwanz aus dem Allerwertesten und Hufe an den Füßen. Denn mein Gegenüber schaute mich vollkommen entsetzt an.

Ja, es ist so. Weihnachten ist reine kirchliche Willkür. Niemand weiß genau, wann dieser Jesus geboren wurde, also ist der 24. Dezember nur pro forma. Und alles andere, wie beispielsweise dekorierte Nadelbäume heidnischer Firlefanz, den die Geistlichen sich einst profitträchtig zu Nutze machten. Also braucht mir keiner mit christlichem Brauchtum zu kommen.
Daher bin ich dafür, dass jeder sein ganz eigenes Weihnachtsfest zelebrieren kann. Wie und vor allem wann immer man dafür in Stimmung gerät. Von mir aus auch im April. So sollte das mit allen anderen Festen auch sein. Dann könnte der Einzelhandel, das ganze Jahr über jede Art von festtypischer Ware anbieten. In meinem Lieblings-Billigdiscounter gibt es sowieso das ganze Jahr über bunte Eier. Warum nicht auch Lebkuchen oder Dominosteine? Oder Schokoweihnachtsmänner?
Und dann könnte ich froh verkünden: „Hoho, ich bin in Weihnachtsstimmung.“

Wenn mir danach ist. Wenn mir jemals danach ist.

Aufklärung im 21. Jahrhundert

Neulich an der Ampel.

„Papa, warum haben die Erdbeere und die Banane so komische Hütchen auf?“
Verdutzt schaue ich meine kleine Tochter (5 1/2) an und frage mich was sie meint.

„Wie, bitte?“

„Na, da, auf dem Bild.“

Sie zeigt mit dem Finger auf ein großes Werbeplakat am Straßenrand und ich verstehe was sie meint. Süße sitzt daneben und grinst mich süffisant an. Ihr Blick sagt, na dann erklär‘ mal.

Als ich noch klein war, erzählte man uns Märchen vom Klapperstorch und dass man Zucker auf die Fensterbank streuen muss. Man hätte mit seinen Informationen zur menschlichen Sexualität den Rest seines Lebens als blumen- und bienenzüchtender Mönch im Kloster verbringen können, wenn man nicht irgendwann in die Pubertät gekommen wäre. Zum Glück. Doch so mancher ist da bis heute noch nicht raus. Missing in Action. Aber das ist ein anderes Thema.

Heutzutage übernehmen Fernsehen, Internet und Printmedien die sexuelle Früherziehung. Naja, nicht ganz. Es gibt ja auch für die Kleinsten bereits kindgerecht aufbereitete Lektüre, die den medienkritischen Eltern wenigstens vernünftige Mittel an die Hand geben. Doch hilft es wenig, seine Kinder so lange wie möglich vor Unterschichten-TV und vor grauseligen, viel nackte Haut zeigende Browser-Pop-Ups zu bewahren, wenn groß und breit am Straßenrand die Anti-Aids-Kampagne freche Früchtchen präsentiert.

Die Idee verfehlt ihr Ziel, Aufmerksamkeit zu erregen, jedoch nicht. Wie man sieht.

Die kleine Süße schaut mich fragend und unschuldig an und wartet auf das weise Wort des Vaters.

„Naja…äh…das ist so“, stammele ich. „Diese Hütchen…tja…das sind…äh.“

Die Kleine schaut erwartungsvoll. Süße schaut vorwurfsvoll.

„Also…“, stottere ich weiter.

Verdammt. Wie soll man einer 5-Jährigen die Sexualität erklären (sollte man das in dem Alter überhaupt wissen?) wenn man als Grundlage eine Handvoll Obst mit Hang zum Gummifetischismus hat.

„Papa, will sagen, dass diese Hütchen eigentlich Kondome sind“, platzt Süße ungeduldig heraus.

Danke. Vielen Dank für die Steilvorlage.

„Papi?“

Jetz kommts.

„Was sind Kon-do-me?“

Na also, nun wird“s erst richtig kompliziert.

„Erklär‘ Du’s ihr doch bitte. Du weißt es scheinbar besser“, versuche ich mich mit einem Frontalangriff gegen Süße zu wehren.
„Wieso?“, grinst sie zurück, „sie hat doch Dich gefragt.“

„Paaapiiii!“

Jetzt nur nicht nervös werden.
Fieberhaft überlege ich mir eine Antwort oder eine Ausrede. Doch bei solchen Themen sind Väter erstmal vollkommen überfordert. Ich starre auf das Plakat.

Plötzlich kommt die Eingebung.

„Genau. Pass auf.“ So könnte es gehen.

„Wenn die Erdbeere und die Banane sich ganz doll nett finden und die eine die andere mal anknabbern mag, aber beide keinen frischen Pfirsich haben wollen, brauchen sie diese Hütchen.“

Schweigen.

„Ganz einfach“, freue ich mich, endlich eine meines Erachtens diplomatische Antwort gefunden zu haben. Süße und die Kleine schauen mich verwirrt an. Während der Ausdruck der Tochter sich kaum verändert, bemerke ich in Süßes Augen den Hauch von Ärger oder besser „gleich-platze-ich“.

„Was, denn?“, frage ich etwas leiser.

„Pfirsich?“, fragt Süße, „Anknabbern?“

„Ja, cool, oder?!“ Und zur Kleinen gewandt, „das hast Du doch verstanden, oder?!“

„Hmmm, mmh, ja, Papi.“

„Siehste“, sage ich wieder zu Süße. Sie sieht aus, als könnte sie mir an die Gurgel gehen.

„Was dein Vater tatsächlich meinte…“, setzt sie an. Und sie erklärt der Kleinen das Plakat. Weil Kondome ja „unentbeerlich“ seien. Wegen „Beere“ und so.

„Okay, ja, mmmh, aha, klar, Mami.“ Süße triumphiert nun.

„Na und?“, sage ich, „das ist nicht viel besser. Viel schlauer ist sie nun auch nicht.“

Ich befürchte, dass unser Kind früher als uns lieb ist, den wahren Hintergrund von Tutti Frutti herausbekommt. Ich hoffe nur, dass sie sich rechtzeitig auf die Hütchen besinnt. Für mich bestätigt dies jedoch nur eins, dass wahre Aufklärung nicht von der Werbung kommt…

aber wohl auch nicht aus dem Elternhaus.

Todeszone

„Mach‘ die Tür zu, sonst geht die Wärme verloren, die wir mit unseren Körpern produzieren“, rief ich dem Neuankömmling entgegen, „Und setze Dich zu uns.“

Wir anderen, die schon eine Weile hier waren, saßen dicht zusammengedrängt um ein winziges Lagerfeuer, daß wir zwischen Haltestangen und Sitzen entfacht hatten. Das Feuer wurde von Fahrkarten, alten Einkaufsbelegen und sonstigen brennbaren Materialien aus unseren Taschen gespeist. Einer von uns opferte sogar einen Brief seiner Liebsten und eine Dauerkarte für die Spiele des 1. FC Kaiserslautern. Mit kurzem Zögern betrachtete er beide Papiere und warf sie seufzend mit den Worten „es ist ja eh vorbei“ in die kleinen Flammen.

Der Neue warf uns einen verstörten Blick zu und ging wortlos an uns vorbei, um auf einen der hinteren Plätze zu gelangen. Er schüttelte den Kopf, als wir ihn erneut baten sich zu uns zu setzen. Jeder ist sich seines Glückes Schmied, doch in dieser Situation mussten wir alle zusammenhalten.

Wie die Pinguine wärmten wir uns gegenseitig. Die Situation hatte uns zusammengeführt. Nur gemeinsam konnten wir der Kälte trotzen. Der Fahrer dagegen hatte es warm. Er grinste uns durch den Rückspiegel entgegen. Wie des Teufels Fratze spiegelte er sich wider. Wir waren ihm ausgeliefert, doch wir schmiedeten ein Komplott. Wir mussten nur unser Ziel erreichen, dann kam unsere Zeit. Einzig der Fremde, der sich nicht zu uns setzen wollte, hatte keine Chance.

Am Ende der 20-minütigen Busfahrt zwischen Fürfeld und Bad Kreuznach war die Bilanz düster. Zwei erfrorene Zehen, eine erfrorene Nase, Tränen, ein Toter und von den psychischen Schäden einmal abgesehen. Aber wir waren gerettet. Wir erschlugen den Fahrer und aßen ihn. Nicht aus Hunger. Aus Rache.

Und nächstes Jahr besteige ich den Mount Everest. Ich bin bereit.