Kopfgeld

Wissen Sie“, sagte ich zu dem Herrn am anderen Ende der Mobilfunkverbindung, „ich bin kein Mensch, der Zeitschriftenabonnements an der Haustür abschließt oder die Zeugen Jehovas auf einen Plausch über Gott und die Welt zum Kaffee hereinbittet.

„Wenn die Sternsinger unterwegs sind, schalte ich gerne die Klingel ab und beobachte durch den Türspion, wie sie dem Nachbarn ein Ständchen bringen. Ich tue das nicht, weil ich zu geizig bin. Im Gegenteil, ich spende gerne, wenn damit anderen Menschen geholfen wird. Doch stehe ich nicht so gerne wie ein Depp mit bescheuertem Ach-wie-nett-Grinsen da und lasse mir etwas vorsingen. Als ich zuletzt an Halloween das Pfefferspray zückte, schaute mich meine Süße jedoch giftig an. Schade, ich hätte den kleinen Monstern gerne Saures gegeben.

Noch weniger zugänglich bin ich für ähnliche Angebote, die mir telefonisch unterbreitet werden. Meinungsforscher und T-Com-Mitarbeiter werden von mir regelmäßig freundlich, aber bestimmt, abgewürgt. Nehmen Sie dies bitte nicht persönlich, Sie machen ja auch nur Ihren Job. Doch bei meinen Emails filtere ich auch den ganzen Spam heraus.“

Mit diesen Worten verwies ich den durchaus freundlichen Personalberater, der mich angerufen hatte, auf seinen Platz. Seit einiger Zeit gehen wieder berüchtigte Personalberater auf die Jagd nach abtrünnigen oder vogelfreien Angestellten. Zu Beginn des Jahres und mit der schleichend einsetzenden Konjunktur haben Personalagenturen ebenfalls gehörig Aufschwung. Früher nannte man diese Herrschaften gemeinhin „Headhunter“. Heute ist das Wort eher verpönt und im Grunde sind wir ja alle irgendwie Berater. Ausnahmsweise klingt hier der Anglizismus weitaus härter, sodaß man sich lieber der deutschen Begriffe bedient. Personalberatung hört sich einfach seriöser an.

Beim Abschied wirkte seine Stimme etwas zerknirscht und konsterniert, was ich an seiner Stelle gut nachvollziehen konnte. Sicher hatte er schon oft genug mehr oder weniger freundlich einen Korb bekommen. Doch wohl selten wird seine „Arbeit“ mit der von Drückern oder Sektenanhängern verglichen. Gleichwohl mag dies ein einträgliches Geschäft sein, sonst würden nicht listenweise Telefonnummern durchprobiert. Der freundliche Herr war übrigens bereits der dritte Kopfgeldjäger – Verzeihung – Personalberater, der mich in kürzester Zeit anrief. Ich bin jedoch einer der Kandidaten, die sich partout nicht zwischen Tür und Angel oder per Telefon akquirieren lassen. Mag sein, daß ich damit einige lukrative Angebote verpasse, doch finde ich es in der Tat moralisch verwerflich, daß andere an meinem beruflichen Fortbestehen mitverdienen. Für mich ist dies eine quasilegale Form modernen Menschenhandels. Der Mensch wird zur Ware degradiert.

Als frischgebackener Diplom-Informatiker bildete ich mir darauf noch etwas ein, als man mich auf diesem Weg für eine freie Stelle anwarb. Doch mittlerweile beschleicht mich nach solchen Anrufen eher so ein mulmiges Gefühl, als sei auf meinen Kopf eine hohe Belohnung ausgesetzt. Überall erwarte ich Steckbriefe mit dem unvorteilhaften Phantombild meiner selbst und zucke jedes Mal zusammen, wenn das Telefon klingelt. Oder ziehe den Kopf ein, wenn die Polizei in meiner Nähe auftaucht.

Der Text unter dem Fandungsfoto könnte wie folgt lauten:

„Wir suchen diesen IT-Berater. Ihm werden die Durchführung und Mittäterschaft an diversen IT-Projekten vorgeworfen. Er könnte unter Umständen mit überdurchschnittlichen Fähigkeiten und Branchenwissen bewaffnet sein. Zuletzt wurde er in fester Anstellung bei einer internationalen Unternehmensberatung gesichtet, wo er sich womöglich noch aufhält. Sachdienliche Hinweise nimmt jede Personalberatung gerne entgegen. Eine saftige Belohnung für die Vermittlung ist nicht ausgeschlossen.“

Dennoch suche ich mir meine Tatorte gerne alleine aus und meine erste Regel lautet:“Traue niemandem über 50, unter 1,30m oder wenn man dir am Telefon das Blaue vom Himmel holen will“. Womöglich bin ich jedoch für mein Schicksal, potentiell als Freiwild zu gelten, selbst verantwortlich, da ich bereit- und freiwillig meinen Steckbrief bei einem bekannten Dienstleister für soziale Netzwerke einstellte und mich somit quasi zur Selbstanzeige brachte.

Aber wie heißt es doch so schön: jeder Täter begeht früher oder später einen entscheidenden Fehler und man kommt ihm auf die Spur.

Eines noch, liebe Kopfjäger, ich bin nur der kleine Fisch. Die Großen agieren eher im Hintergrund, sind jedoch leichter käuflich als ich.

74 Minuten

Bei guten Sichtverhältnissen ist die Skyline Frankfurts vom Lerchenberg bei Mainz problemlos mit bloßem Auge zu sehen. Man schätzt hier die Luftlinie zwischen Mainz und Frankfurt auf rund 30 km.

Die schnellste Verbindung Frankfurt-Mainz (lt. Map24) mit dem Pkw würde bei 42,42 km Entfernung rund 38 Minuten, die kürzeste Verbindung mit 40,39 km ca. 47 Minuten dauern (diese Angaben gelten jedoch vermutlich nur zwischen 23:00 und 2:00 Uhr).

Worauf ich eigentlich hinaus will?

Wenn Ihr das wissen wollt solltet Ihr weiterlesen und Euch ein wenig Statistik antun:

Das schnellste Reptil ist, wie ihr Name bereits deutlich macht, die Rennechse mit bis zu 29 km/h. Dieses Reptil würde

  • die Luftlinie F-MZ in 62,07 Minuten,
  • die kürzeste Verbindung F-MZ in 83,57 Minuten und
  • die schnellste Verbindung F-MZ in 87,77 Minuten

bewältigen.

Als schnellstes (fliegendes) Insekt – was würde man anderes erwarten – ist die Libelle anderen Kerbtieren mit bis zu 58 km/h um Fühlerlängen voraus. Eine Libelle würde somit für

  • die Luftlinie F-MZ damit ziemlich genau 31,03 Minuten,
  • die kürzeste Verbindung F-MZ in 41,78 Minuten und
  • die schnellste Verbindung F-MZ in 43,88 Minuten

benötigen.

Kommen wir zu den Vögeln, aber bleiben vorerst noch am Boden.

Der schnellste, bekannte Laufvogel ist der Strauß, der mit bis zu 72 km/h jeden afrikanischen Buschmann das Fürchten lehrt. Für ihn wäre eine Reise von Frankfurt nach Mainz bei Maximalgeschwindigkeit per

  • Luftlinie in 25 Minuten,
  • per kürzester Verbindung in 33,66 Minuten und
  • per schnellster Verbindung in 35,35 Minuten

zu Ende.

Hier wollen wir mal einen Augenblick innehalten und die Zahlen des Laufvogels den Werten von Map24 gegenüberstellen. Der Laufvogel ist demnach im Vergleich bei allen Strecken schneller als eine verbeulte Blechdose auf Rädern. (Map24 legt hierbei wohl eine Durchschnittsgeschwindigkeit des Pkw, der auf dieser Strecke fährt, von 59,27 km/h zugrunde.)

Aber weiter im Text.

Als schnellster, „normaler“ Vogel wird allgemein der Wanderfalke angenommen, der jedoch nur im Sturzflug bis zu 350 km/h erreichen kann. (Der Rekord liegt hier wohl sogar bei 389 km/h). Leider disqualifiziert sich dieser Greifvogel für die hier geführte Statistik, da es äußerst schwierig wird die Strecke Frankfurt-Mainz im Sturzflug zurückzulegen. Außerdem geht es um einen „Wanderfalken“, der voraussichtlich erheblich länger brauchen würde, als ein durchschnittlicher Fußgänger.

Also kann nur die Schwalbe bzw. der Mauersegler mithalten, die mit rund 257,5 km/h Flughöchstgeschwindigkeit nicht nur der schnellste Vogel, sondern zugleich wahrscheinlich auch das schnellste Tier überhaupt ist.

Dieser unscheinbare gefiederte Geselle würde die genannten Strecken, also

  • die Luftlinie F-MZ in nur 8,33 Minuten,
  • die kürzeste Verbindung in immer noch stolzen 11,22 Minuten und
  • die schnellste Verbindung in sogar noch 11,78 Minuten

überwinden.

Doch eine Schwalbe macht bekanntlich noch keinen Sommer, daher wechseln wir mal auf das Festland zu den Säugetieren:
als schnellstes Landsäugetier auf kurze Distanzen erreicht der Gepard im Spurt bis zu 105-110 km/h und ist damit der Rekordhalter auf kurze Entfernungen. Doch Reichweiten unter 30 km (max. 400 m beim Gepard bei Höchstgeschwindigkeit) werden hier ebenfalls nicht betrachtet.

Nun gibt es da noch die Regionalbahn RB 23326 von Frankfurt nach Idar-Oberstein. Dieser Zug soll laut offiziellem Fahrplan der Deutschen Bahn (DB), bei Abfahrt im Frankfurter Hauptbahnhof um 17:34 Uhr gegen 18:05 Uhr im Hauptbahnhof in Mainz halten. Das ergibt Summa-Summarum eine Fahrtdauer von 31 Minuten.

(Ihr fragt Euch sicher nun, was ein DB-Zug mit Tieren oder Geschwindigkeiten zu tun hat. Im Grunde gar nichts, aber was spielt das für eine Rolle.)

In Wirklichkeit benötigt dieser Zug für die Strecke Frankfurt-Mainz jedoch ziemlich genau 74 Minuten (gemessen am 15.11.2005). Genauso lange, wie die offizielle Abspieldauer einer „normalen“ Audio-CD (lt. Spezifikation). Daher habe ich mir gedacht, ich sollte vielleicht mal schauen, wieviel so ein Vogel Strauß kostet und was dieses Tier denn so frißt. Unterm Strich mag es nicht günstiger sein als ein Bahnticket, doch bin ich überzeugt, in den meisten Fällen schneller zu sein.

Und ein Hingucker wäre es allemal.

Verschollen in Bermudahosen

Ich halte ja nicht so viel von Verschwörungstheorien, wenngleich diese häufig einen spannenden Unterhaltungswert haben. Vorausgesetzt man hat etwas übrig für geheimnisträchtige und konspirative Legenden à la „Akte X“ und Co.

Verschwörungstheoretiker und -anhänger können sicher einige solcher und anderer Eigenschaften ihr eigen nennen.
Nicht minder erwächst jener Argwohn gegenüber oft politischen, wirtschaftlichen oder religiösen Ungereimtheiten oder auch Unwissenheiten aus eigenen Erfahrungen bis hin zu einer fast krankhaften Neigung zur Paranoia.
Ziele dieser teils hanebüchenen Theorien über fingierte Terrorakte bis hin zu Firmenunterwanderungen durch Geheimlogen oder Sekten, sind meist mächtige Institutionen hinter dessen Kulissen nur sehr wenige Menschen Einblick erlangen. Ganz klar, daß hier Geheimdienste als die potentiellen Verschwörer schlechthin herhalten müssen.
Die Frage, ob tatsächlich etwas dran ist, an Behauptungen über außerirdische Besucher, die unter uns leben oder der langsamen, subtilen Übernahme der Weltherrschaft durch dubiose Herren in roten Roben mit Kapuzen, soll jeder für sich selbst beantworten. Ich jedenfalls versuche dem eher kritisch gegenüber zu stehen.

Dennoch beschleicht mich manchmal ein ähnlich paranoides Gefühl, besonders wenn ich wiederholt verwaiste Socken aus der Waschmaschine ziehe. Jeder kennt diese Situationen sicher zu Genüge. Man ist sich hundertprozentig sicher die Socken paarweise in die Waschtrommel gelegt zu haben. Nach dem Waschgang jedoch hat sich so manches Paar für immer getrennt und der zurückgebliebene fristet von da an ein einsames Singleleben. Hat je ein Mensch eine verschollene Socke wiedergefunden? Ich nicht.

Jedoch beschränkt sich die Vermisstensuche nicht nur auf Socken.
Viele kennen sicher diese schmalen Plastikplättchen zur Verstärkung von Hemdkragen. In manchen Hemden sind diese zwar fest eingenäht, doch bei den meisten lassen sie sich herausnehmen. Und dies sollte man vorm Waschen gemeinhin tun. Meistens jedoch vergisst man diese Dinger einfach und überlässt die Entfernung der Plättchen dem „Zufall“ und dem nächsten Waschgang. Natürlich haben hier die Hemdenhersteller reagiert und nicht selten legen diese jedem Hemd gleich zwei Ersatzplättchen bei.

Eines Abends verkündete mir meine Frau stolz, wie sie uns und unsere Nachbarn par terre vor einer Überschwemmung und unseren Geldbeutel vor der Reparatur oder gar Neuanschaffung einer Waschmaschine bewahrte. Denn es verfing sich ein vermisstes Plättchen in der Maschine und hätte fast zur allseits gefürchteten Flutkatastrophe geführt. Meine Frau reagierte glücklicherweise sofort, als sie anormale Geräusche aus dem Sockengrab vernahm und den „Übeltäter“ stellte.
Als ich mir die spektakuläre Geschichte anhörte und das völlig zerknautschte Plastikteil sah, das zuvor noch eines dieser Kragenplättchen gewesen sein mußte, konnte ich nicht mehr an den vielgescholtenen Zufall glauben. Auf einmal überkam mich das bedrückende Gefühl es hier mit einer sorgfältig und langfristig geplanten Verschwörung zu tun zu haben. Vor meinem geistigen Auge sah ich die Zusammenkunft der obersten Bosse der Textilindustrie mit Vertretern der Hersteller von Waschmaschinen und der Handwerkerverbände an einem geheimen Ort.

„Wir sind hier zusammengekommen, weil der technologische Fortschritt nun endgültig dafür gesorgt hat, daß Waschmaschinen nahezu wartungsfrei quasi ewig rotieren“, hört man die Stimme des Vorstandsvorsitzenden einer der größten Produzenten von Waschmaschinen.

„Wir und die Vertreter diverser Handwerkerunternehmen und Reparaturdienste fürchten um unsere Ab- und Umsätze, was sich ebenfalls am sinkenden Bruttosozialprodukt und erhöhten Arbeitslosenzahlen erkennen lässt. Zur Stabilisierung beider Märkte müssen nun ungewöhnliche Mittel erdacht werden.“
Einheitliches Kopfnicken wabert durch den Saal.

„Die Konspiration sieht vor, daß die Textilindustrie ihre Ware so produziert, daß Teile davon sich selbstständig beim Waschen lösen und einen nicht unerheblichen Schaden in den Maschinen verursachen. Die profitable Konsequenz für die Maschinenhersteller und die vieler Handwerksbetriebe muß hier sicher nicht erläutert werden.“
Zustimmendes Gemurmel brodelt durch den Saal.

„Doch auch die Socken- und Hemdenweber profitieren von diesem arglistigen Handel, denn dem Endverbraucher bleibt nichts anderes, als sich für jede verschwundene Socke ein neues Paar zuzulegen, noch bevor die ersten Löcher sich im Gewebe zeigen.“
Erleichtertes Grinsen erleuchtet den Saal aus der Ecke der Weber.

„Unser Forschungsabteilungen bestätigten auch nun, daß moderne Nano- und Informationstechnologien in nicht allzu weiter Zukunft nahezu intelligente Strategien zur Steuerung und Kontrolle von Textilteilablösungen in Waschmaschinen und Wäschetrocknern ermöglichen wird. Denkbar erscheint eine gezielte Trennung von zerstörerischen Artefakten kurz nach Ende der Garantiezeit, sodaß auch hier dem Kunden keine Handlungsfreiheiten bleiben.“
Befreiendes Gelächter und Applaus hämmert durch den Saal…

Plötzlich erlöste mich meine Frau aus meinen Grübeleien über dieses Schreckensszenario. Ich war erschüttert, wie leicht man doch machtvolle Verstrickungen in nebensächliche Alltagserscheinungen projizieren kann. Obwohl man uns vielleicht genau diese Nebensächlichkeit suggerieren möchte, damit man dieser Sache nicht länger nachgeht.

Wie auch immer. Je mehr man darüber nachdenkt, umso größer wird das Gespinst von aus den Fingern gesaugten und an den Haaren herbeigezogenen Argumentationsfäden, die oberflächlich logisch erscheinen. Beleuchtet man diese jedoch näher erkennt man häufig eine subjektive Färbung der Beweggründe für die angestellten Vermutungen.

Im Grunde bleibt es jedoch meine eigene Vergess- und Schusseligkeit, wenn sich mal wieder ein kleines, schmales Kunststoffplättchen in der Pumpe der Waschmaschine verhakt. Dennoch lag ich in dieser Nacht eine zeitlang wach und grübelte über die tatsächliche Bedeutung von herausnehmbaren Hemdkragenverstärkerplättchen aus Kunststoff nach.

Als ich dann endlich in den Schlaf sank, träumte ich von zwei FBI-Agenten. Einem langweiligen, hageren Mann und einer kleinen, rothaarigen Frau mit einem Schlaftabletten-Blick. Der Mann betrachtet gedankenverloren ein schmales Plastikplättchen zwischen seinen Fingern.

„Mit welcher Begründung kann man diese Plättchen eigentlich herausnehmen, Scully?“, sagt der Mann, „Eine für mich plausible Erklärung erkenne ich jedenfalls nicht.“

„Worauf wollen Sie schon wieder hinaus, Mulder?“

Träge schaut Mulder Scully in die Augen: „Ist dies womöglich doch der Teil eines “großen Plans“?“

Stadtmusikanten

Grundsätzlich kann ich von mir behaupten, einen vielseitigen Musikgeschmack zu haben, der von Alternativ über Blues, Klassik, Pop und Rock, Jazz, ja sogar Heavy Metal bis zum Zitherspiel für die gesamte Tonleiter musischer Qualitäten ein offenes Ohr hat.

Da gibt es natürlich auch konkretere Vorlieben, dennoch bin ich sehr flexibel. Musik gehört quasi bei mir zum Leben, wie gutes Essen und Trinken. Daher habe ich es mir auch nicht nehmen lassen, ausnahmsweise dem allgemeinen Trend der Digitalisierung zu folgen und mir einen tragbaren MP3-Player zugelegt. So habe ich wo und wann immer ich will die Möglichkeit mich berieseln zu lassen. Und genau da ist das Problem: wenn ich WILL.

Es gibt also logischer- und sicher auch verständlicherweise Momente, in denen ich eben KEINE Musik hören will. Und das aus gutem Grund. Besonders trifft dies zu, wenn ich die seltene Gelegenheit erhaschen kann, gemütlich in einem Café oder Bistro zu sitzen und einen Latte Macchiato oder Cappucino genieße. Gerade im Sommer, wenn die Lokalitäten ihren Gästen im Freien freie Plätze anbieten. Dies sind Momente, in denen ich entweder abschalten, den Gedanken nachhängen, mit meiner Liebsten plauschen oder den „Voyeur“ bei den geschäftigen Leuten spielen darf. Mit einfachen Worten: die Seele baumeln lassen.

Doch leider gibt es im Sommer außer Tauben noch andere Plagegeister auf den Plätzen der Stadt: sogenannte Straßenmusiker.
Oh, Moment. Bevor ich ungerecht erscheine, möchte ich ausräumen, daß ich keineswegs alle Straßenmusiker schlechthin über einen Kamm scheren möchte. Im Grunde respektiere ich die Leistung und den Mut dieser Leute. Doch gibt es unter Straßenmusikern nicht nur „Friedenstauben“, sondern auch welche von ganz anderem Schlag. Es sind diejenigen, die meist im Hintergrund der Bistro-Idylle lauern und sich just in dem Moment auf ihre Opfer stürzen, wenn die nach Kaffee dürstenden Gäste gerade die Bestellung aufgegeben und damit keine Chance auf Flucht mehr haben. Sie bauen ungefragt ihre Instrumente auf und plärren munter ihr Repertoire unaufgefordert über die Köpfe und in die Ohren der Leute. Ausgerechnet dann, wenn man einfach nur seine Ruhe haben möchte.
Auch hier ist die Bandbreite der Musikstile und dahingehend der Instrumente schier unerschöpflich. Solisten bis Quartetts, ja ganze Orchester habe ich schon erlebt. Jedoch ist das Spektrum der spielerischen und sängerischen Qualitäten häufig eher beschränkt. Wie ich bereits erwähnte, bewundere ich bei manchen auch den Mut.

Als abschreckendes Beispiel dienten hierfür neulich zwei eher orientalisch aussehende Gesellen, einer mit Gitarre (?), der andere mit seiner Stimme (?) bewaffnet. Der Angriff erfolgte mit dem Gassenhauer „Marina, Marina“. Auch wenn der Titel per se schon nicht die passende Zielgruppe traf, war diese „Interpretation“ des Songs gleichfalls unpassend und kakophonisch vorgetragen. Mein Italienisch reicht sicher gerade mal, um die Speisekarte der nächstbesten Pizzeria zu entziffern, doch was ich da zu hören bekam, konnte sicher auch ein waschechter Sizilianer nicht verstehen.

„Oh, no, no, no, no, no.“

Trotzdem muß man sich diese Dissonanzen antun, bis einem das Blut aus den Ohren läuft, das Duo selbst das Weite sucht oder mit ein bißchen Glück ein Sizilianer unter den Gästen weilt, der spontan seinen Geigenkasten zückt, um in diese Runde „einzustimmen“.

In meiner Wahlheimat Mainz gibt es derweil ein ganz besonderes Exemplar, der Sorte „Möchtegern-Musiker“, der sich seinen Spitznamen um Grunde selbst zu verdanken hat: Herr „Weißrussland“. So steht es zumindest auf dem Schild, daß er beim „Musizieren“ vor sich stehen hat. Weißrussland.
Was unser „Freund“ aus Osteuropa mit dem Schild bezwecken will, weiß wohl nur er selbst. Will er damit etwa andeuten, er sei ein armer Vertriebener, der außer seinem „Talent“ und seiner schäbigen Gitarre nichts mehr hat? Möchte er damit vielleicht Mitleid erwecken, damit er nicht wieder vertrieben wird? Es gibt sicher genug, die ihn am besten gleich bis nach Sibirien treiben würden, wenn er zu spielen beginnt. Hört man ihn das erste Mal, ist es vermutlich noch ganz erträglich. Seine „Weisen“ klingen, wie vom Wind getragen, wenn seine Akkorde vom angeschlossenen Effekt-Gerät „sphärisch herüberwehen“. Außerdem hat er auch ein recht umfangreiches Repertoire, anders als die Marina-Interpreten aus den Landen von tausend und einer Nacht, aber nur einem Song. Leider verkommt dieses Portfolio an ausgesuchten Musikstücken durch den Hall-Effekt seines Verstärkers zu einem eintönigen Medley. Manchmal kann man den Titel des gespielten Stückes nur erahnen. Desweiteren tendiert sein Gesichtsausdruck meist schwermütig Richtung „Moll“. Die Verschmelzung der Melodie und jeglichen Rhythmus‘ mit dem Echo-Klang deprimiert auch das unfreiwillige Publikum. Bis ER die meisten davon ebenfalls vertrieben hat.

Zu allem Überdruß reichen die Stadtmusikanten auch noch den Klingelbeutel herum. Wofür wollen diese Leute auch noch mein sauerverdientes Kleingeld? Als Erpressung, damit sie endlich das Weite suchen? Wir sollten das bei denen tun, um für das angerichtete Übel Spenden zu sammeln, damit wir uns später die Hörgeräte leisten können, die wir mal brauchen werden.
Von mir bekommen so welche kategorisch auf jeden Fall nichts. Ich habe nämlich solche Alleinunterhalter nicht bestellt. Ich möchte nur meinen Cappucino schlürfen.

Ich bin echt froh, wenn der Herbst kommt und die Bistros ihre Außengarnitur einmotten. Dann bringen auch die schrägen Vögel ihre Instrumente ins Pfandhaus. Dann kann mich nur noch eine der dreisten S-Bahn-Combos auf die Palme bringen. Hin und wieder tauchen diese in den Zügen auf, fahren zwei bis drei Stationen schwarz, um sich mit ohrenbetäubenden Getöse das Kleingeld der Fahrgäste zu ergattern. Sicher nicht, um sich dann doch ein Ticket zu kaufen.
Trickreich sind die Typen schon, denn im Zug hat man gemeinhin noch seltener die Chance für eine rasche Flucht.
Da hilft nur noch eins: die Ohrstöpsel des MP3-Players hinein, Lautstärke auf Anschlag und Heavy Metal bis das Trommelfell platzt.

Endlich Ruhe. Willkommen im Land der Stille.

Zug, Aus, Ende

Wie einige von Euch sicher bereits wissen, pendele ich regelmäßig im Rhein-Main-Gebiet. Normalerweise achte ich dabei kaum noch auf die Durchsagen der Zugbegleiter, da man als Pendler sowieso weiß wann und wo man aussteigen möchte.
Da ich derzeit die nunmehr zweite Folge der „traurigen“ Geschichte des sterbenden Genitivs lese, achtet man aber vermutlich besonders auf die Wirrungen der deutschen Sprache.

So auch bei der bereits angedeuteten Ansage in der Bahn. Dort erklingt nicht selten der Hinweis, welchen Bahnhof der Zug als nächsten anfährt, auf welcher Seite man auszusteigen hat usw. Im Grunde gibt es da auch wenig auszusetzen. Nur, daß es bei der Ansage der Endstation im Frankfurter Hauptbahnhof eine sprachliche Unschönheit gibt.

Unlängst erklärte man den Fahrgästen: „Nächster Halt: Frankfurt am Main, Hauptbahnhof. Der Zug endet hier. Bitte alle Fahrgäste aussteigen.“ Schon oft gehört, doch selten so bewußt wie dieses Mal wahrgenommen, klingelte dieser Satz unangenehm in meinen Ohren nach.
Was heißt eigentlich „endet hier“? Ich dachte, der nächste Halt sei Frankfurt Hauptbahnhof?
Wenn die Züge ab und zu ohne erkennbaren und genannten Grund zwischen den Bahnhöfen halten, ist das nicht ungewöhnlich. Gewöhnlich fahren diese jedoch nach unbestimmter Zeit weiter und niemand ist gezwungen auszusteigen. Mitten auf der Strecke. In diesem Fall kann aber etwas nicht ganz stimmen. Und es war diesmal keine Verspätung, sondern eher das vom Zugbegleiter verwendete Lokaladverb. Genaugenommen wäre es korrekt und nur angemessen, wenn der Zug „dort“, nämlich im angekündigten Hauptbahnhof zum Stehen kommen würde.
Zum Glück für alle Fahrgäste war es dann auch so.

Doch damit war für mich die Verwirrung nicht zu Ende. Wie hieß es doch gleich: „Der Zug endet hier.“ – Pardon – „Der Zug endet dort.“ Soll das etwa heißen, wir saßen in einem Wrack, das es gerade bis zu seinem Ziel schaffte, um dann in aller Würde das Zeitliche zu segnen? War hier womöglich „ver-enden“ gemeint? Obwohl man dies eher bei Tieren sagt.
Mich schauderte es.
Daß viele Züge der Bahn zumindest optisch kurz vorm Ausschlachten zu sein scheinen, ist vermutlich auch nichts Neues. Sollte der Kostendruck bei der Bahn wirklich so groß sein, daß man die Züge bis zum „z-erbrechen“ fahren läßt? Das wäre schon glatt fahrlässig. Doch auch das kann mit der Ansage nicht gemeint sein. Ob der Zug „hier“ oder „dort“ (im Frankfurter Hbf) sein „Ende“ und am Abfahrtsort seinen „Anfang“ hat ist auch eher absurd, wäre das Gefährt demnach so lang, daß ich in Mainz eingestiegen wäre, um dann per pedes durch den gesamten Zug bis zum Ende zu gelangen. Na, da nehme ich doch lieber das Auto.
Nein. Hier handelt es sich meines Erachtens um eine weitere „verunglückte“ Formulierung.
Ich denke korrekter wäre es, wenn „die Fahrt“ (des Zuges) oder „die Reise“ (der Fahrgäste) „endet“.
Alles in allem klingt es doch viel besser: „Nächster Halt: Frankfurt am Main, Hauptbahnhof. Die Fahrt endet dort.“

Was mich „letztendlich“ besonders betroffen machte, ist die Tatsache, daß die Ansage eine automatisierte Aufzeichnung und nicht ein möglicherweise einmaliger sprachlicher „Fauxpax“ des leibhaftigen Zugbegleiters war. Noch schmerzlicher berührt es mich, diese Aussage auch an den Anzeigetafeln auf den Gleisen zu lesen: „Zug endet hier. Bitte nicht einsteigen.“

Es fehlen mir die Worte, daher: „Die Kolumne endet hier. Bitte alles ausschalten.“

Bitte verlassen Sie diese Kolumne, wie Sie sie vorfinden möchten

Eine meiner intensivsten Freizeitbeschäftigungen ist derzeit das Bahnfahren.
Darum erscheint es sicher nicht ungewöhnlich, daß ich als wiederkehrendes Thema dieser zeitraubenden Tätigkeit auch eine weitere Kolumne widme.

Um keinen falschen Eindruck zu wecken: ich bin schon für die Nutzung öffentlicher Verkehrseinrichtungen, denn beschert mir das alltägliche Warten und Bummeln, irgendwo zwischen Mainz und Frankfurt, eine Vielzahl anderer Gelegenheiten meine kostbare Zeit totzuschlagen.
Ich kann lesen, Musik hören, Leute beobachten oder einfach nur aus dem Fenster starren und die Landschaft genießen.
Doch, im Ernst.
Mich an der Natur des Rhein-Main-Gebiets zu erfreuen funktioniert oft sehr gut, denn ein besonderer Service der Bahn ist es, den Fahrgästen Land und Leute näher zu bringen, indem Züge hin und wieder zwischen den Bahnhöfen, manchmal ohne ersichtlichen Grund, für einige Minuten still stehen.
Selten überkommt mich während des Pendelns auch der Arbeitseifer, doch tue ich dies ja ausgiebig nebenbei, wenn ich mal nicht im Zug oder am Bahnsteig warte.
Doch will ich hier nicht die müde Wiederholungs-Reality-Soap eines Pendlers zum Besten geben und die unerschöpflichen, „preisgünstigen“ Dienst- und Serviceleistungen der Deutschen Bahn huldigen. Obwohl ich hier in der Hinsicht einer neuen Erfahrung Ausdruck verleihen möchte.
Einer durchaus unappetitlichen Erfahrung.
Wer also gerade etwas gegessen oder von Grund auf einen empfindlichen Magen hat, sollte vielleicht lieber nicht weiterlesen.

Leider hatte ich vor kurzem, bei Beginn meiner Heimreise, das erste Mal, ein dringliches Bedürfnis, nachdem ich es mir bereits im Zug bequem gemacht hatte und dieser harrte mit der üblichen Verspätung der ersehnten Abfahrt. Daher blieb mir keine Gelegenheit die Örtlichkeiten des Bahnhofs aufzusuchen.
Nun hatte ich das unbeschreibliche Glück in einem der Regional-Züge zu sitzen, die, wohl aufgrund ihrer potentiell weiteren Reichweite, mit Toiletten gesegnet sind.

Ich stolperte sodann, mit Sack und Pack – denn man sollte sein Gepäck nicht unbeaufsichtigt lassen, warnt manchmal eine quäkige Stimme aus den Lautsprechern am Bahnsteig – zum Toilettenraum in einem anderen Wagen, fand diesen, öffnete die Tür und… erschrak gleich zweimal in kurzer Folge.

Einmal, da der Raum hinter der Tür, etwa zur Hälfte von dieser eingenommen, denn sie ging „sinnvollerweise“ nach innen auf, eher die Ausmaße eines größeren Sportstudio-Spinds aufwies. Ich zwängte mich samt Tasche in diesen „Toiletten-Schrank“ und mußte diese und den Bauch einziehen, um die Tür wieder schließen zu können.
Was tun eigentlich Reisende mit Koffern in so einem Fall?
Die Koffer unbeaufsichtigt lassen?
Das zweite Entsetzen galt dem optischen und olfaktorischen Zustand des „Raumes“. (Anm.: da lt. Wikipedia der Begriff Raum vom althochdeutschen rumi stammt, was gemeinhin weit oder geräumig heißen sollte, ist dies hier eher ironisch gemeint.)

Es muß ein Naturgesetz sein, daß öffentliche Einrichtungen für die menschliche Notdurft grundsätzlich nach häufigem Gebrauch vollkommen unbenutzbar werden.
Okay, ich kann verstehen, wenn die bedauernswerten Reinigungskräfte vor diesen unaussprechlichen Verunreinigungen kapitulieren.
Dann sollten die Damen und Herren WC-Keramik-Designer doch Toilettensysteme ausklügeln, die den Einsatz von Menschenhand zur Sauberhaltung der Anlagen unnötig macht. Im Raumfahrt-Zeitalter sollte dies doch möglich sein, wie man es in manchen Städten bereits sehen kann. Dort werden Toilettenhäuschen auch schon automatisch gereinigt.
Da lasse ich auch gerne eine weitere Verschlechterung der Arbeitslosenquote gelten.

Wie dem auch sei, erwarte ich, quasi als zahlender Kunde, hygienischere Verhältnisse bei den leider oft unvermeidlichen Austritten.

Insbesondere in einem schwankenden und ruckenden Gefährt, das einen zu akrobatischen Meisterleistungen verleitet, um möglichst nicht in Kontakt mit den Wänden und den Utensilien dieses Räumchens zu kommen.

Als ich meine kleinen Königstiger endlich gebändigt und mich um 180° gedreht hatte, um mir noch die Hände zu waschen und danach baucheinziehend die Tür öffne wollte, wurde ich auf einen Hinweis aufmerksam.
Dieser erbat doch tatsächlich „diesen Raum so zu verlassen, wie man ihn vorfinden möchte„.
Das schlug der Keramik die Brille runter.
Man erwartet doch nicht ernsthaft, daß ich dieser „Bitte“ Folge leisten werde. Dies würde ja, wörtlich genommen, bedeuten, daß ich beim nächsten Mal mit Putzeimerchen, Citrusreiniger und Bürste hier erscheinen muß, um dieses Örtchen mal wieder in einen brauchbaren Zustand zu bringen. Wobei ein Dampfstrahler wohl angebrachter wäre.

Auf jeden Fall zeigt mir dieses Schild nur zu deutlich, es in Deutschland mit vielen Legasthenikern zu tun zu haben, die entweder dieses Schild nicht lesen oder einfach das Wort „Rücksicht“ weder buchstabieren, noch deuten können.
Der Rest teilt sich auf in Ignoranten oder Wesen einer bestimmten Gattung Paarhufer, die sich wohl selbst gerne im Dreck und den eigenen Fäkalien wälzen.

Unter diesen Umständen hoffe ich inbrünstig, niemals der Not zu bedürfen ein größeres Geschäft abschließen zu müssen. Schon gar nicht wünsche ich dies den weiblichen Bahn-Fahrgästen, zumal diese WCs häufig „unisex“ sind.
Doch hat man wohl kaum eine „ordentliche“ Alternative, wenn es wirklich pressiert.

Apropos „Alternative“.
In einer anderen Sache rund um das mobile Örtchen bat man ebenfalls unlängst um das Verständnis der Fahrgäste.
Nämlich war in einem der Wagen eines Regional-Expreß, der zwischen Frankfurt und Saarbrücken pendelt, die Toilette außer Betrieb.
So auch der Hinweis des „Reisebegleiters“ nachdem der Zug bereits unterwegs war.
Mit „betroffenem“ Bedauern mußte er den Fahrgästen mitteilen, daß eben diese Toilette unbenutzbar sei (wie wir bereits festgestellt haben, sind sie es meist auch so, trotz grundsätzlicher Funktionsfähigkeit) und er daher „um Verständnis bitte“.
Sollte jemand in diesem Wagen dennoch seinen Harndrang nicht unterdrücken können, so die sinngemäße Zusatzinformation, ständen ja die weiteren Toiletten in den anderen Wagen zur Verfügung.

Womöglich war der nette Bahnbedienstete das erste Mal in einem dieser Art von Zügen, denn er wußte vermutlich nicht, daß diese leider nicht über die gesamte Länge „durch-gängig“ sind.
Das Gefährt wird meist von drei Doppelwagen gebildet. Um von einem in den anderen Doppelwagen zu gelangen, muß man den Zug gemeinhin verlassen.
Außer man ist Sean Connery alias 007 und tänzelt geübt auf dem Dach entlang zum nächsten.
Da dies ohne Double selten glimpflich vonstatten geht, bleibt einem armen Gesellen mit schwacher Blase keine andere Chance, als auf den nächsten Halt zu warten, um blitzschnell von einem in den anderen Teil des Zuges zu hechten.
Mit vollem Marschgepäck, wohlgemerkt.

Wie ich bereits erwähnte, kann man bei solchen Service-Höchstleistungen nur hoffen, daß man gut trainierte Beckenboden- und Schließmuskeln hat.

Der Un-Sinn des Lebens

Falls einem urplötzlich die Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest in den Sinn kommt, dann hat man entweder kürzlich „Per Anhalter durch die Galaxis“ gelesen oder man ist gerade beim Bügeln.

Dies ist nämlich meines Erachtens eine der mit Abstand unsinnigsten und unnötigsten Tätigkeiten mindestens seit Erfindung der Webkunst. (Anm.: hiermit ist nicht die „kunstvolle“ Gestaltung von Internetseiten gemeint und „Web“ wird mit langem „e“ gesprochen.)

Wenn man(n) irgendwann einmal die heiligen Hallen des Elternhauses verlassen und auch das Studentenleben endlich ein Ende hat, wird man im alltäglichen Kampf gegen die weibliche Emanzipation doch auch mal in der Zwangslage sein, ein „heißes Eisen“ anzufassen. Wer anfangs noch auf „Muttis“ Worte – „Mein Kind, du siehst reichlich zerknittert aus.“ – eingeht und notgedrungen auch T-Shirts und Hosen glättet, beschränkt sich nach der millionsten Bügelfalte und einiger Brandblasen doch lieber auf die Hemden, in die man sich für den Arbeitgeber zwängen muß.

Nicht nur, daß die faltenfreie Einebnung des Gewebes für Hobby- und Freizeit-Bügler eine mühsame, schweißtreibende und vor allem zeitaufwendige Beschäftigung ist. Spätestens nach der Fahrt zur Arbeitsstätte und Entkleidung des Jacketts, wird man leidlich feststellen, welch vollkommen unnötige Zeitverschwendung dies gleichfalls war.

Doch mal ehrlich: was bringt mir das zeitraubende, dampfschnaufende Glattstreichen der Wäsche, wenn der Stoff beim Tragen in Sekundenbruchteilen bimetallartig in eine scheinbar zuvor „gemerkte“ Form zurückspringt. Das teure Hemd unter der noch kostspieligeren Anzugjacke, zusammen mit dem Träger in Bus und Bahn eingeklemmt wird, bis die zuvor mühsam beseitigten Unebenheiten danach wie eine Miniaturausgabe der Mittelgebirge erscheinen.
Niemand kann ernsthaft verlangen, daß man sich vorsichtig, ohne Faltenbildung durch den Tag bewegt. Jeglichen Kontakt mit knitterbringenden Gefahren meidet.

Zum Aufatmen aller Hausmänner (und natürlich auch Hausfrauen) haben die Hemden-Weber von Armani bis Venti diesen Un-Sinn des Lebens eingesehen und verstärkt die Attribute „bügelleicht“ bis „bügelfrei“ hinzugefügt.
Jedoch verbirgt sich hinter der vermeintlich Erleichterung bringenden Eigenschaft häufig nur ein schnödes Verkaufsargument, denn nicht immer ermöglichen einem die Textilien das vielgerühmte „Wash&Go“.

Einfacher wäre es, man würde gänzlich auf das Bügeleisen verzichten. Lassen wir doch den Knitter-Look wieder auferstehen.
Wir hätten wieder mehr Freizeit, könnten uns um nützliche Dinge kümmern, beispielsweise Geschirrspülen oder Bettenmachen.

Nun im Ernst: es gibt tatsächlich Menschen, denen diese Tätigkeit sogar Spaß macht. Manche bügeln sogar Socken und Unterwäsche. Oder am besten gleich noch die Bettwäsche, damit sie beim nächsten Besuch im Land der Träume wieder zerknautscht wird.
Kaum zu glauben, aber wahr.
Die Begeisterungsbekundungen werden dabei häufig mit Aussagen, wie „dabei kann ich so schön abschalten“ oder „dabei kann ich in Ruhe fernsehen“ untermauert.
Also, wenn ich mal in Ruhe durch die Glotze zappe, tue ich das lieber, indem ich mich selbst in die Horizontale begebe. Und abschalten kann ich sowieso am besten, wenn ich im Liegen auch noch die Augen schließe und sogar dabei eindusele.

Aber: jedem das Seine.
Ich kann gerne darauf verzichten. Doch bleibt es einem leider zu oft nicht erspart.
Drang und Zwang nach einem adretten und „glatten“ äußeren Erscheinungsbild ist Merkmal unserer typisch westlichen Einstellung geworden.
Wer in zerknitterter Kleidung in die Öffentlichkeit tritt, ist vermeintlich entweder

a) Student, der nicht mehr bei Mutti wohnt,
b) Single oder
c) Strohwitwer,
d) hat Ärger mit seiner Frau oder
e) ist gar Landstreicher.

Genaugenommen alles Zustände, die von mitleidigem Lächeln bis verachtende Abscheu alle möglichen Gefühlsregungen in den Mitmenschen wecken. Daß man sich das Bügeln einfach nur abgewöhnen möchte, weil es mindestens so lästig ist wie das Rauchen, wird einem wohl kaum einer abnehmen.
Also, hält man es wie Sisyphus und bügelt munter weiter, in der Hoffnung, irgendwann einmal von der Textilindustrie mit dem ultimativen Anti-Knitter-Stoff schlechthin bedient zu werden, der zudem noch unschlagbar günstig ist.

Doch haben da bestimmt auch die Hersteller von Bügeleisen ein Wörtchen mitzureden, denn die gehören dann eher zum „alten Eisen“.

Der Hacker

Ich kann es immer noch nicht fassen. Ich hatte heute tatsächlich das unbeschreibliche Glück, einem echten „Hacker“ bei seiner „Tätigkeit“ zuschauen zu dürfen. Nicht nur das. Ich habe daraus sogar selber Profit geschlagen.

Es trug sich heute beim allmonatlichen Erwerb meiner Bahnfahrkarte im Mainzer Hauptbahnhof zu.
Nichtsahnend ging ich zum Schalter und grüßte mit einem freundlichen, aber mir typischen „Morgen“ den Herrn hinter dem Tresen.
Er machte auf mich den Eindruck eines „normalen“ DB-Bediensteten. Der vermeintlich Anfangfünfzige mit glänzender, rotgefleckter Gesichtshaut und schüttem Haar, erwiderte meinen Gruß mit einem dezent lächelnden Kopfnicken.
Immer noch der Überzeugung einen Bahnmitarbeiter vor mir zu haben, gab ich meinem Wunsch freies Geleit: „Eine Monatskarte. Bis Frankfurt. Ab heute.“
Er quittierte wiederum mit einem Lächeln, obwohl dies schon eher ein wenig konspirativ wirkte. Hätte er mir zugleich noch zugezwinkert, wäre dieser Eindruck sicher auch Gewißheit geworden.
Er drehte sich zum Bildschirm seines Rechners hin und dann wurde mir alles klar.

Mit der rechten Hand ergriff er die Maus, um in der nächsten Sekunde seinen Zeigefinger blitzartig gegen die linke Schläfe des grauen Kunststoff-Tieres zu hämmern.
Wo bei stinknormalen PC-Benutzern ein eher langweiliges – klick – zu hören ist, ertönte hier ein knochenerweichendes
TSCHAK
Ich konnte mich kaum von dem Schock erholen, der mich ereilte, da erklang es in kurzer Folge hintereinander noch zweimal.
TSCHAKTSCHAK
Souverän den linken Arm auf dem Tisch vor seiner Brust ruhend, traktierte er aus der Hüfte heraus den armen Plastiknager.

Irgendwie wollte ich es nicht für wahr haben.
War dies womöglich KEIN Mitarbeiter des Servicebereichs des Mainzer Hauptbahnhofs, sondern ein gewiefter Computerspezialist der sich den Zugang zu einem der Terminals erschlichen hatte?
Unvorstellbar.
Doch ich sollte eines besseren belehrt werden.
Er nahm die rechte Hand nun von der Maus zur Tastatur. Ich merkte, daß nun Konzentration gefordert war, denn auch der linke Arm folgte seinem Partner zum Tastenfeld.
Er verharrte kurz und schien sich zu sammeln, dann schlugen die Zeigefinger seiner beiden Hände kurz und zackig auf die Tasten.
TACKTACK —– TACK
Wo andere sich angeberisch damit versuchen 6-10 Finger zu verwurschteln, schafft er das mit zwei. Ohne auf den Bildschirm zu schauen. Respekt!!
Die Finger suchten ihr Ziel und fanden es schnell. Stürzten sich auf ihre Opfer.
TACKTACK
Die Heftigkeit des Aufpralls schmerzte in meinen Ohren.
Das System hat bei solchen Übergriffen keine realistische Chance.

Dennoch. Ich war fasziniert.
Er „hackte“ sich in das Fahrkartensystem der Deutschen Bahn ein, um mir eine Monatskarte zu verschaffen.
Würde es klappen?
Äußerlich schien er vollkommen ruhig und abgebrüht. War dies nur ein Pokerface oder ist er tatsächlich so skrupellos?

Plötzlich entspannte sich sein maskenhafter Ausdruck. Er war „drin“.
Nun machte seine subtile Angespanntheit professioneller Routine Platz. Dies hatte er vermutlich schon viele Male zuvor getan.
Er nahm aus einem versteckten Fach unter dem Tisch einen kleinen Bogen Papier heraus. Dieser war bedruckt mit dem typischen Muster einer Bahnfahrkarte. Vermutlich eine perfekte Fälschung.
Er schob sie in den Fahrkartendrucker.
Was passierte nun? Der Drucker spuckte den Bogen wieder aus.
Noch ein Versuch.
Doch wieder wollte das Gerät den gefälschten Fahrkarten-Vordruck nicht annehmen.
War man ihm auf die Schliche gekommen?
Hatte man seine wiederholten Systemeinbrüche entdeckt und blockierte nun sein Terminal?

Mir lief es eiskalt den Rücken hinunter und ich schaute mich vorsichtig im Raum um.
Möglicherweise würden jeden Moment Bahnsicherheitsleute mit ihren roten Baretts und Schlagstöcken hereinstürmen.
Sie würden auch mich verdächtigen und in Gewahrsam nehmen.
Ich bekam es mit der Angst.

„Na, na, der wird doch wohl…“, hörte ich den „Hacker“ sagen.
Er grinste. Er schien vollkommen ruhig. Kein bißchen Angst vor dem Sonderkommando „interne Bahnsicherheit“ machte sich auf seiner Mimik breit. Durch und durch gelassen schob er den Vordruck ein drittes Mal in den dafür vorgesehenen Schlitz des Druckers.

Diesmal klappte es.
Ich war erleichtert.
„Nun aber her mit der Karte, damit ich verduften kann.“, dachte ich.

Er legte mir immer noch grinsend das bedruckte Stück Papier mit der getürkten Monatskarte auf den Tresen.
Ich war beeindruckt. Die sah genauso aus, wie die Originale.
Wahnsinn!!
„Macht 131 Euro.“, vernahm ich seine Stimme.
Naja, ein ordentlicher Preis für eine ordentliche Leistung. Das war ich gerne bereit zu zahlen.
Dafür, daß er mir die Karte quasi umsonst „besorgt“ hatte.

Mit einem mulmigen Gefühl in der Magengrube gab ich ihm meine Kreditkarte. Ob er sich auf die Schnelle meine Kreditkartennummer merken konnte?
Womöglich würde er sich damit auf meine Kosten bereichern. Ich glaubte einen Fehler gemacht zu haben.
Doch hinterher vertraute ich doch eher dem Ehrenkodex der „Hackerszene“, die den Kampf nur gegen die „Großen“ führten. Gegen den Kapitalismus, gegen die Ausbeutung.
Der kleine Mann war nur das Opfer.

Plötzlich fiel mir auf, daß ich für DEN Preis meine Fahrkarte auch regulär hätte kaufen können.
Doch hätte ich dann das Geld Mehdorn und Konsorten in den Rachen geworfen.
Dann war es so schon besser.

Auf jeden Fall werde ich mich nun diesen Monat immer an das markante Geräusch des „Hackens“ erinnern, wenn meine Fahrkarte im Zug kontrolliert wird.
TSCHACKTACKTACK