Diesmal wird er nicht mehr gehen

Ich hatte mich gerade an den knochigen, alten Tisch gesetzt und begonnen meine Morgensuppe zu essen. Das tiefe Rot der aufgehenden Sonne hatte die Nacht noch nicht vollständig durchdrungen, da setzte er sich zu mir.

Ich erschrak nicht. Ich wunderte mich nicht.

Seit ich denken konnte, besuchte er mich. Lautlos erschien er, um nach mir zu sehen. Wortlos blieb er. Mal kürzer. Mal länger. Meistens ging er wieder. So oft. Ich kannte ihn gut und doch wusste ich nichts von ihm.

Mit sanftem Blick schaute er mich aus seinen lebendigen und doch traurigen Augen an. Er lächelte, als ich seinen Blick erwiderte. Da wusste ich, dass er heute nicht mehr gehen würde.

Ich erschrak nicht und ich wunderte mich nicht.

In meinem langen Leben sah ich viele, die ihn fragten wieso er nicht wieder ging. Viele waren verzweifelt. Nur wenige hießen ihn gerne willkommen. Ich lernte ihn zu verstehen und so wusste ich meist an seinem stummen Blick, ob er wieder gehen würde.

Die Sonne hatte den wiederkehrenden Kampf gegen das Dunkel gewonnen und sie würde es sicher noch sehr lange tun. Als ich meine Schüssel gespült hatte, ging ich hinaus und setzte mich auf die Bank vor meinem kleinen Haus.

Ich hatte mich vor Jahren hierher zurückgezogen, nachdem meine Liebste mit ihm gehen musste. Es war der einzige Tag, an dem ich auch fast verzweifelt gesagt hätte, er solle wieder gehen. Doch sie kannte ihn auch und sie lächelte mir zu, nahm meine Hand und mir wurde klar, dass sie mitgehen musste. Seitdem warte ich darauf, dass er auch mich mitnehmen würde.
Heute würde es soweit sein.

So saß ich auf der klapprigen Bank und wartete auf den Mittag. Er stand etwas abseits und schaute mir zu. Wortlos, wie immer.
Später ging ich meine kleine Runde durch das große Weizenfeld bis zum Waldrand. Weiter kam ich schon länger nicht mehr. Mein Körper war genauso knochig wie der alte Tisch und meine Beine so klapprig wie die Bank vor meinem Haus.

Ich pausierte wie jeden Tag auf dem umgestürzten Baum. Er war mir leise gefolgt und beobachtete mich vom Schatten der Bäume aus. Seine Augen konnte ich nicht sehen, doch wusste ich, dass er seinen Blick nicht mehr von mir nahm.

Kurz vor Sonnenuntergang kamen wir wieder beim Haus an. Ich genoß ein letztes Mal das orangerote Zwielicht des Abends.
Ich hatte viele gesehen. Dies würde mein letzter Sonnenuntergang sein. Ohne Wehmut ging ich ins Haus.

Er setzte sich noch einmal an den alten Tisch und ließ mich geduldig mein Brot essen. Ich sah ihn an, doch auch diesmal konnte ich seine Augen nicht sehen. Doch ich merkte, dass er lächelte.

Als ich mich wie jeden Abend in mein Bett legte, ließ er sich auf meiner Bettkante nieder. Im Schein der Nachttischlampe konnte ich seine Augen wieder sehen. Nie habe ich es registriert, doch heute fiel es mir auf und ich fragte mich wie seine Augen doch so gütig und sanft wirkten.

Er lächelte. Wortlos legte er seine Hand auf meinen Arm. Ich schaute ihn an und lächelte ebenfalls.

Als er langsam und sanft meine Wange strich, sagte ich: „Gute Nacht.“

Dann schlief ich ein.

Todeszone

„Mach‘ die Tür zu, sonst geht die Wärme verloren, die wir mit unseren Körpern produzieren“, rief ich dem Neuankömmling entgegen, „Und setze Dich zu uns.“

Wir anderen, die schon eine Weile hier waren, saßen dicht zusammengedrängt um ein winziges Lagerfeuer, daß wir zwischen Haltestangen und Sitzen entfacht hatten. Das Feuer wurde von Fahrkarten, alten Einkaufsbelegen und sonstigen brennbaren Materialien aus unseren Taschen gespeist. Einer von uns opferte sogar einen Brief seiner Liebsten und eine Dauerkarte für die Spiele des 1. FC Kaiserslautern. Mit kurzem Zögern betrachtete er beide Papiere und warf sie seufzend mit den Worten „es ist ja eh vorbei“ in die kleinen Flammen.

Der Neue warf uns einen verstörten Blick zu und ging wortlos an uns vorbei, um auf einen der hinteren Plätze zu gelangen. Er schüttelte den Kopf, als wir ihn erneut baten sich zu uns zu setzen. Jeder ist sich seines Glückes Schmied, doch in dieser Situation mussten wir alle zusammenhalten.

Wie die Pinguine wärmten wir uns gegenseitig. Die Situation hatte uns zusammengeführt. Nur gemeinsam konnten wir der Kälte trotzen. Der Fahrer dagegen hatte es warm. Er grinste uns durch den Rückspiegel entgegen. Wie des Teufels Fratze spiegelte er sich wider. Wir waren ihm ausgeliefert, doch wir schmiedeten ein Komplott. Wir mussten nur unser Ziel erreichen, dann kam unsere Zeit. Einzig der Fremde, der sich nicht zu uns setzen wollte, hatte keine Chance.

Am Ende der 20-minütigen Busfahrt zwischen Fürfeld und Bad Kreuznach war die Bilanz düster. Zwei erfrorene Zehen, eine erfrorene Nase, Tränen, ein Toter und von den psychischen Schäden einmal abgesehen. Aber wir waren gerettet. Wir erschlugen den Fahrer und aßen ihn. Nicht aus Hunger. Aus Rache.

Und nächstes Jahr besteige ich den Mount Everest. Ich bin bereit.